Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 39 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39 „Mt # W^lt11 Seite 3 Augen und gekrümmten llücken ewig auf seine Schläge wartet. Warum es mit Geschrei, aber ohne Widerstand zusieht, wie Gesetz, Behörden und Bevölkerung die Juden auf einem immer kleineren Baume des Erwerbes zusammendrängen und dass vor jedem Zufluchtsorte jetzt schon mürrische, bald feindselige Wächter lagern. Wohl angetan im Gewände des Tages strahlen die Gemeindevorstände und liabbiner in allen Synagogen in innerer Genugtuung. und äusserer Würde vor der zahlreich versammelten Gemeinde. Haben sie ein Hecht darauf, die ersten Glückwünsche zu empfangen als Dank für die guten Taten des vergangenen Jahres und zum Ansporn für das neue? Können sie das bekümmerte Herz, das jetzt jeder aufrichtige Führer in Israel angesichts der heranschleichenden und vielen Uebel haben muss, und sei er nur ein Oberster über hundert —- können sie sich mit einer erleuchteten Idee trösten, die Hilfe schafft? Es wird geschehen, wenn unsere Neujahrswünsche für sie in Erfüllung gehen: Ein neues Jahr ziehe bei den weltlichen Vorständen ein, dass sie in Liebe zu allen Juden von Herzen mit ihnen verbunden sind und nicht nur in müssigen Stunden des Berufes, sondern zu aller Zeit für ihr Volk mit treuer Sorge bedacht sind! Ein neues Jahr für die liabbiner, dass sie mit offenem und kraftvollem nationalem Wort ihren Beruf als Sammler und Erwecker des Volkes besser erfassen, als sie es bisher mit Verdiinnung seiner Kultur und seiner historischen Lehren getan haben.;Sie müssen es zuwege bringen, aus unserem Volke die hochdenkenden, stolzen Gestalten wieder zu machen, die mutig vor dem Schicksal und dem Leben ihren Weg zu finden wissen, ihren Weg aus der Knechtschaft durch die Völker heraus. Das ganze mystische Geheimnis, der Zauber unseres unglückseligen Geschickes liegt darin, dass wir an unserem .Neujahr Brot und Wein der anderen segnen. Wir kaufen sie nur von ihnen. Der wahre Segen für Volk, Familie und den einzelnen unter uns liegt aber darin, dass ohne alle Abhängigkeit unser Boden unser einziger Herr wird, dass wir ihm Wein und Brot und Kraft und Stolz wieder abgewinnen. Dann wird Neujahr wieder gefeiert werden können mit Freudenfeuern von den Bergen, wie sie einst von den Vätern als stolze Wahrzeichen vor den umwohnenden Völkern in Brand gesteckt wurden, während die Enkel wegen ihrs kümmerlichen Lichterglanzes vor den eigenen Nachbarn erschrecken müssen. Ein Neujahrsgruss von Herzen an alle, die darangehen, die Bergfeuer ihres Volkes zu entzünden! —y- Versuahskolonisation und wirtschaftliches Vordringen. Von Dr. Alf t ed N os sig. In seinem Aufsatze: ,„Grosskolonisation, Kleinkolonisation und öffentlichrechtliche Sicherung" („Die Welt" Nr. 37) hat Dr. Oppenheimer für eine sofortige Versuchskolonisation aus den Mitteln des Nationalforkls energisch sich eingesetzt.. Ich halte diese Forderung für eine durchaus berechtigte. Man kann sie nicht nachdrücklich genug unterstützen. Die Art und Weise jedoch,, wie Dr. Oppenheimer es getan hat, manche Argumente, die er angeführt, die ganze programmatische Fassung, die er der geplanten Aktion verliehn hat, scheinen mir gewisse Gefahren zu enthalten. Im Interesse der gesunden Entwicklung des Zionismus dürfen diese Punkte nicht unwiderlegt bleiben. * * * Dr. Oppenheimer hat tausendmal recht, wenn er auf der Versuchskolonisation besteht und wenn er die Mittel des Nationalfonds ohne weiteren Aufschub hierfür verwendet sehen will. Er hat zunächst formell recht, denni schon der VI. Kongress hat eine sofortige Benützung des Nationalfonds für derartige Zwecke, beschlossen und das grosse A.-C. hat bereits . im April 1904 den detaillierten Plan einer Versuchsfarm akzeptiert. Es ist formell durchaus unzulässig — wenn anders die Beschlüsse unserer Körperschaften nicht wesenloses Spiel bleiben sollen — eine votierte Aktion umzustossen, ohne dass eine neue hindernde Tatsache dazwischengekommen wäre, bloss unter Hinweis auf die längst genau bekannten türkischen Bodenerwerbsmodalitäten. Aber auch sachlich ist die sofortige Versuchskolonisation aus Nationalfondsmitteln heute genau ebenso berechtigt wie im April 1904, nur dass ihre Unentschiedenheit dank der ununterbrochenen theoretischen Aufklärungsarbeit und der programmatischen Entwicklung, die seither im Zionismus stattgefunden! hat, heute schon für alle evident sein sollte. Wer durch Schlagworte so verblendet ist, dass er den Unterschied zwischen planloser philanthropischer K 1 e i n k o 1 o n i s at i o ii und systematischer, nationalpolitischer Kolonisation auf wachsender Stufenleiter auch heute noch nicht begreifen! kann; wer es auch heute noch nicht einsehen will, dass wir n i c h t durch die ö ff e n t - lichrechtlic he n Sicherungen oder auch bloss Sultan-Irades uns die Aktion smög Ii chkeit, sondern durch unsere Aktionen die Möglichkeit öffentlichrechtlicher Sich e rungen oder Konzessionen seitens der türkischen Regierung schaffen 'müssen-,, der ist eleu durch Argumente nicht zu überzeugen, den muss man durch Tatsachen zu überzeugen versuchen. Und das können wir heute, da der Kongress mit erdrückender Majorität das Programm der realen Arbeit votiert hat. Wir dürfen uns nicht durch Bedenken irre machen lassen. Beweisen wir der türkischen Regierung durch die wirtschaftlichen Erfolge unserer aus dem Nationalfonds unternommenen Kolonisation, dass sie ein Interesse daran hat, den Nationalfonds zu legalisieren, dann wird sie es tum. Hier ist auch der Ort, zu bemerken, dass der ietischartige Kultus, den wir mit unserem Nationalfonds treiben, ebenso unberechtigt wie zwecklos ist. Er ist gerade so unberechtigt wie die Scheu vor der Masse, die einst Alkibiades von öffentlichen Redten zurückhielt und die Sokrates zerstreute, indem er ihn darauf hinwies, dass eine Versammlung sich doch nur aus X, Y und Z zusammensetze . , . . . Wenn Baron Edmund Rothschild eine unkontrollierbare Zahl von Millionen für Versuchskoloniisation opfern konnte, so sehe ich nicht ein, warum ein minder begüterter Zionist nicht fünf Rubel und ein armer nicht zwanzig Kopeken dafür opfern könnte. Und wenn der Rubel, den ein einzelner Zionist für unsere Sache spendetnicht gleich als Nationalheiligtum angebetet wird, so sehe ich nicht ein, warum der Betrag, den X, Y und Z zusammengebracht haben, ein noli me tangere seih soll? Ich nenne diesen Kultus auch zweckwidrig, gerade so wie das Verzärtelungssystem-in der Erziehung. Bewahrt man ein Kind vor jedem Lufthauche, so stirbt es von jedem. . Auf alle Fälle bleibt es in der Entwicklung zurück. Nur darum ist unser Nationalfonds so „in der Entwicklung zurückgeblieben", weil niemand sieht, wofür man eigentlich spendet. Man setze den Nationalfonds in Terrainerwerb und Kolonisation um, dann wird das lächerlich kleine Anfangskapital rasch anwachsen; und geht bei dieser fruchtbaren, hoffnungsreichen Nätionalarbeit ein Betragt verloren, so wird ihn die Nation rasch " una freudig zweimal ersetzen. * jj. * Damit komme ich zu jenem Argument Oppenheimers, das ich für das verfehlteste und gefährlichste halte.