Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 39 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 „biC # W^lt" Nr. 39 Ueberzengung? Wir wünschen ja leidenschaftliche, redselige, streitlustige Anhänger — leidenschaftlich, wenn es an die Erstattung von Opfern für die Ueberzengung geht, redebereit und kämpfesfroh, wenn es Gewinn von Anhängern und Mitteln heisst. Ungeduldig wartet ja die jungfräuliche Erde Judas auf die Kraft der Nachkommen jenes Geschlechtes, dessen lieben und Taten sie für die Ewigkeit berühmt gemacht haben unter den Ländern. Wie kläglich stehen wir der schauererweckenden Grösse unserer Volksgeschichte gegenüber! Die Notwendigkeit dieser Worte ist der beschämende Beweis dafür. Unsere Klugheit hat einen Weg gefunden, dass wir ohne auch die kleinsten Opfer an persönlichem Behagen aus unserer Tasche heraus, fast ohne dass diese es merkt, das kolossale Werk der Wiedereroberung unseres "Rodens zur Tatsache machen können. Wir versagen schon vor diesem Nichts oder wir hinken der Notwendigkeit an dünnen Krücken nach. •Möge endlich der Ruf des Nationalfonds wie ein Sturmstoss vor dem Gewitter aufregend durch unsere Reihen fahren. Muss es denn immer zürnend gesagt werden, dass dieses in seinen Zwecken so stolze, in seinen Korderungen so bescheidene Yolkswerk beschämend schwach gefördert wird? Soll es noch lange der Mahnruf sein, der da* Eidorderlichc in Gang bringt, statt der eifersüchtige, persönliche Ehrgeiz? Es gibt kein Schlafen während der Unruhe unseres Schicksals; es gibt kein Hinuntersehwanken der Ausweise, wenn jeder seine Pflicht tut. Bedenket doch — eine wie kleine Pflicht! Aus den kleinsten Münzen wollen wir ja den Fonds zusammensetzen, jeder Jude soll ihm ja weniger noch geben, als er gedankenlos dem Bei Her zu geben pflegt, aber rasch muss er geben und regelmässig. I Hin de an, also, bei sich selbst und anderen. Soll etwas geschehen, und geschehen wird etwas, so müssen die Mittel viel rascher herbei zum Fonde, dessen Endzweck in majestätischer Einfachheit nichts anderes sein will, als der Krwerl) der jüdischen Erde in der jüdischen Heimat. Keine politischen Bedenken dabei; wozu Gefahren der Veruntreuung und der Beschlagnahme fürchten, solange es über jeden Zweifel erhabene finden und Konsulats- und Reiehsgesetze gibt? Wenn aber jetzt auch noch Gewehr bei Fuss gestanden werden sollte, so muss der goldene Zauberstab auf jeden Fall vorhanden sein, ohne den kein „Es werde!" von uns gesprochen werden kann. Es gilt aber schon, unseren Plänen, Beschlüssen, unserer Leitung zu Tatsachen zu verhelfen. Da darf kein Strohfeuer aufflackern, an dem ein kärgliches Süppchen lauwarm wird. System und Arbeit müssen heran, um Erfolge zu erzielen, mit denen wir schneller und besser agitieren können, als durch lange Heden. Am Kopfe dieser Nummer stehen die Worte, die im Kopfe jedes Zionisten stehen sollten. Der Kongress hat sie beschlossen. Eespekt vor euch selber, Zionisten; das wird euch den Respekt der anderen verschaffen! Jede Landeszentrale, jeder Verein muss sofort an die Ausführung der Beschlüsse-gehen. Fnd bei sich selber anfangen! Selbstbesteuerung, Selbstbestdierung, Selbstbcsteuerung — das ist der Schlüssel zum Ganzen. Der Nationalfonds muss rechnen können auf ein Minimaleinkommen, das durch fleissige Arbeit stetig anschwillt. Welchen Wert hat ein Verein, der nicht regelmässig, nicht viel, aber r e g e 1 m ässi g, was sollen alle Worte über nationale Erziehung, wenn der geehrte Redner nicht viel, aber regelmässig dem nationalen Fonds einschickt? Der Zionismus ist schon so eingerichtet, dass er weitab von jeder kapitalistischen Forderung auf jeden genau so zählen kann, als er von ihm zählen kann. Niemand darf daneben stehen! Denn selbst der Aermste kann und muss einen Minimalbeitrag regelmässig geben, damit bei fixen Bezügen endlich eine Handhabe für die Tätigkeit vorhanden ist, wie weit sie gehen darf. Endlich die Hauptsache: Der Beitrag des anderen, des vorläufigen Nichtzionisten. Er ist so leicht zu haben, als der Jude im Kern ja immer edel und klug ist und als er heute schon jedes Besiedlungswerk zu fördern geneigt ist. Auch dieser Beitrag, wenn auch noch so klein, muss regelmässig eingehoben werden. Dazu ist es nur nötig, dass sich jeder Zionist zum Mittelpunkt eines Kreises von Freunden des Nationalfonds macht, und mit jenem edlen Eifer, zu dem ihn das edle Ziel anspornt und berechtigt, Ordnung hält und Arbeit leistet. Was jeder noch tun kann und was Sache des Nationalfondskommissärs ist, wird jedem ohne weiteres einfallen, wenn er vom Fanatismus des Nationalfonds erst eingenommen ist. Dieser Fanatismus muss entstehen und um sich greifen, denn er ist der Wärmemesser unserer Bewegung. Gleich momentan ist Zeit zu einer Probe aufs Exempel. Die Feiertage mit ihrer Gelegenheit zu Spenden sind da. Ausnützen und ausgiebig agitieren, drinnen und im Vorhof! Arbeiten, arbeiten! Wir müssen uns wohl anstrengen. Aber der Spiegel unserer Ehre, unserer Vernunft und unseres Gewissens blickt uns dafür um so glänzender entgegen. Es ist ein Kriegsmarsch zur Freiheit, den wir angetreten haben, aber im Besitze der Heimat, die uns der Nationalfonds schaffen hilft, wird uns der Inhalt der Goethesehen Verse am sinnigsten aufgehen: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen Vc J. U p f i m n y. Neujahr. An die elf Millionen Menschen erheben sich wieder, iiin für ihr Judentum durch Gottesdienst zu demonstrieren. Zu demonstrieren —■ denn auf unseren Feiertagsglanz richten sich hämische Blicke unserer Nachbarn und gehässige Bemerkungen; wann immer der Jude sich zeigt, ist das so der böse Fall. Eine imposante Hund schau kann der Geist dahei veranstalten : so weit die Erde reicht, glänzen dieselben Lichter, spricht der Hausvater dieselben Worte über Wein und Brot. Es ist ein Anblick, der uns die schlafende Stärke unseres Volkes zeigt und ingrimmig macht über dessen faule Ohnmacht. Ach wenn sie wollten! Wenn diese ungeheuren Massen wie mit einem Schlage noch zu etwas anderem aufstehen wollten, als in tagelangem Gebete schwermütige lyrische Poesie mit zerknirschten Bitten zu vereinen. Dann könnten sie wohl ein aufrichtiges Hallelujah erheben, dann kannten sie Neujahr nicht nur begehen, sondern auch feiern. •Ist denn heute Grund zu feiern? Ist es Zeit der Freude und Hoffnung, weil "von den Schultern des Schicksals der schwarze Mantel im Herabgleiten begriffen ist und es uns in hell ein Festkleidc winkt? Wer traute sich das zu bejahen? Der Weg des Geschickes für uns Juden ist der gleiche geblieben: Es lauft wie in einer Sanduhr, die von einer übermächtigen Faust herumgedreht wird. Dann strömen die Körnchen unaufhaltsam in den Raum, der noch leer ist, bis sie ihn überfüllen und *dic Faust von neuem nach Laune verfährt. Daran hat sich auch im abgelaufenen Zeiträume nichts geändert. Das Elend der Massen flutet weiter durch die Welt nach.leeren Räumen, viele Körnchen zerfallen dabei zu Staub und wir können unseren Kindern, mit keinem Worte Stetigkeit und Ruhe versprechen. Wenn Sani heute an der Jahreswende wieder hinabschritte zur zauberkundigen Hexe, er würde kaum mit tröstlichen Worten für sein Volk zurückkehren. Aber erklären könnte er sich den Zauber lassen, wie es möglich ist, dass ein stattliches Millionenvolk der Erde mit geschlossenen