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Die Welt · 1905-09-29 · 39 (29.9.1905) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
39 (29.9.1905)
Date
1905-09-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „bk * Welt" Nr. 39 Indem er die Anlegung: einer Viersuchsfarm nach den Prinzipien der Siedlungsgenossenschaft aus Nationalfondsmitteln befürwortet, stellt er fast bestimmt in Aussicht, dass der wirtschaftliche Erfolg der Gründung weit über das Niveau der besten palästinensischen! Bauernansiediungen hinausgehen werde, dass die Kolonisten das dargeliehene Kapital sehr schnell' zurückzahlen würden. Dieser glänzende Erfolg gilt ihm als Mindestmass des zu Erwartenden. Würde er ausbleiben, „dann ist unser Versuch gescheitert und wird abgebrochen werden44 — denn dann könne für die zionistische Bewegung die Kreditbasis nicht geschaffenwerden. Gegen Doppeltes muss hier Front gemacht werden: gegen die Erwartung, dass die Genossenschaftsfarm so rasch einen so glänzenden Erfolg haben würde, und gegen die Behauptung, dass bei geringerem Erfolge oder im Falle des Misslingens der ersten Versuchsfarm der Zionismus keine Kreditbasis mehr finden und demnach, nach Oppemheimers Anschauung, für alle Zeiten undurchführbar bleiben würde. Meine Agrarstudieni haben mich gleich Oppenheimer zu dem theoretischen Ergebnisse geführt, dass die beste Agrarverfassung nur auf dem Wege einer vernünftigen Verknüpfung von Kollektivbesitz und Individual-Nutzniessung zu schaffen sei. Ich rechne es Dr. Oppenheimer zum grössten Verdienst an, dass er einen versuchbaren Organisationsplan einer Genossenschaftsfarm ausgearbeitet hat und erwarte im Prinzip gleich ihm die günstigsten Erfolge von einer Siedlungsgenossenschaft. Wie sich aber die Dinge in der Praxis stellen werden, insbesondere bei der erstem Versuchsgründung, dies lässt sich keineswegs voraussehen. Zunächst wird die Praxis zu erweisen haben, ob das Schema, nach dem das kollektive Prinzip mit dem individualistischen verbunden war, ein richtiges ist. Hat sich das Schema nicht bewährt, so darf selbstverständlich nicht alles weitere Versuchen abgebrochen, sondern die Theorie muss nach den Erfahrungen umgemodelt werden. Doch selbst, wenn der Gründungsplan von vornherein ein richtiger gewesen wäre oder wenn er sich relativ rasch korrigieren liiesse, garantiert er noch keineswegs jenen minimalen Phänomenalerfolg, auf den Dr. Oppenheimer so bestimmt rechnet. Bei einem landwirtschaftlichen Unternehmen kommen neben der Agrarverfassung zahlreiche andere, zum Teile ganz unberechenbare Faktoren in Frage: die Bodenbeschaffenheit, der Kulturzweig, die Kuiturmethod>e, die Witterung, die Organisation und die Chancen des Absatzes, das Arbeitermaterial usw. Man darf wohl bestimmt behaupten, dass die beste Agrarverfassung gegen untaugliches Arbeitermaterial oder gegen drei Missernten nicht aufkommen kann. Wenn man nun auch annehmen darf, dass man bei der zionistischen Modellfarm in allen Dingen mit der grössten Vorsicht und Einsicht ans Werk gehen wird und dass die fünfundzwanzigjährigen Erfahrungen der privatwirtschaftlichen Kolonisation in Palästina uns vor vielen Missgriffen bewahren werden, so sind doch mit jedem neuen Unternehmen neue Gefahren und Hindernisse verbunden, jedes muss seine Kinderkrankheiten durchmachen. Auch in der Modellfarm wird man mit Wasser kochen und: nichts ist gefährlicher, als die Erwartungen allzu hoch zu spannen. Der Verteidiger von Lesseps im Panamaprozesse hatte recht, wenn er behauptete, dass ohne die Optimisten kein Fortschritt möglich wäre: aber der Krach von Panama ist doch gekommen. Man darf einen Erfolg erhoffen, aber man muss die Welt nur auf mittlere Ergebnisse, ja auf lange Kämpfe gefasst machen. Das Richtigste ist: Nichts versprechen und möglichst viel halten. Verspricht man aber nach A<rt gewisser Prospekte Niedagewesenes, so trägt man wieder unerfüllbare Wahnvorstellungen in die Massen. Man gibt der Kritik einen Massstab in die Hand, der eine Befriedigung an dem Geschaffenen und die Lust, auf der Basis des Erreichten weiterzubauen, für alle Zeit ausschiiesst. Noch viel weniger darf die Leitung des Zionismus so naiv siein, sich selbst chimärischen Erwartungen hinzugeben imd, wenn sie nicht voll und rasch eintreffen, die Kreditfähigkeit des Zionismus und damit seine wirtschaftliche Durchführbarkeit für verloren zu betrachten. Man hat uns früher zugemutet, auf einen Charter zu warten und, falls er nicht kommt, Palästina Adieu zu sagen. Nach Oppenheimer war das eine Narrenrolle. Nun sollten wir auf den beispiellosen Erfolg der Versuchsfarm warten und, falls das Schema F sich nicht bewährt, dem Zionismus Adieu sagen. Wäre unsene Rolle da der vorigen nicht verzweifelt ähnlich? * * * Wir müssen uns die Bedeutung des genossenschaftlichen Kolonisationsversuches und sein Verhältnis zum ganzen zionistischen Arbeitsprogramm klar machen. Für uns ist der Zionismus nicht eines der Versuchsobjekte der Theorie der Siedlung'*- genossensehaft, das wir fallen lassen, wenn der Versuch missglückt; sondern umgekehrt der Genossenschaftsversuch eines der Mittel zur Durchführung des zionistischen Z i e 1 e s. Wir werden zufrieden sein, wenn der Versuch nach den ersten) Schwankunigen igute Ergebnisse zeitigt und erwarten nicht, dass an den Bäumen der Versuchsfarm goldene Aepfel wachsen. Wir werden diesen Versuch nur in Palästina oder einem Nachbarlande machen, da sein Erfolg In Argentinien, Deutschland odleri Uganda, dem Dr. Oppenheimer mit etwas territorialistischer Logik die gleiche Bedeutung beimisst, noch keineswegs darüber belehrt, wie eine analoge Gründung in Palästina sich bewähren würde. .Und. wir werden den Versuch der Genossenschaftsfarm zäh, un verdrossen, du tz ende Male, wenn es sein muss, auf immer neuer 0 »r g a n i s a t i on s b a s i s wiederholen, weil das neue jüdische Gemeinwesen sich tatsächlich zur Musteragrarverfassung.au f der Basis des nationalen Bodenbesitzes durchringen mu&s. Aber: alle Landerwerbs- und Kolonisationsarbeit im palästinensischem Länderkreise von dem Erfolge der ersten Modellfaim abhängig zu machen, zu warten, bis das .neue sozialpolitische Experiment voll eingeschlagen hat, das dürfen wir nun und nimmer. Keine Theoreme und Dogmen, keine Formeln und Konstruktionen, keine Einseitigkeiten und vor allem keine Zeitvergeudung mehr! Wir müssen mit der elementaren Macht eines V o 1 k es, das zur E rr ingung eines Landes gezwungen ist, weil es keine Wohnsitze hat, auf allen Wegen in den p a l 'ä s t in ensischen L ä n d e r k r e i s hineinströmen., diese Gebiete wirtschaftlich in unseren Besitz bringen. Der Landerwerb und die ganze landwirtschaftliche Kolonisation darf nicht mehr als ein Zweig unserer wirtschaftlichen DurchdringungsaTbeit sein. Wir müssen gleichzeitig die Städte füllen und industrielle Kolonisation treiben. Dann wird, wenn ein Unternehmen schief geht, das andere Erfolg haben. Dann werden wir zu einem ernsten, wirtschaftlichen Faktor in Palästina emporgewachsen, dem Zionismus eine ganz andere Kreditbasis verschaffen, als durch den glänzendsten Erfolg einer Modellfarm. Dann wird der Zionismus, über alle Schemen hinweg, an sein Ziel gfelangen. Rubrik für Diskussion. Die Stellungnahme der „Welt" zu allen Fragen des Zionismus ist durch die Kongressbeschlüsse und den Aufruf des Präsidenten des A.-G. festgelegt. Sie bleibt aber weiter jeder sachlich vorgebrachten Meinung offen und gestattet selbstverständlich gerne eine Dis

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