Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 37 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 „m $ w*n" f?r? 37 doxen Diplomatie durch nichts zu rechtfertigen. Es ist bekannt, mit welch feinem Takte Hay diese Frage löste, und dass die russische Regierung trotz allen Widerstrebens die Petition doch kennen lernte, schon um sie ablehnen zu können. Aus dem Faksimile ersieht man, dass Hay die Instruktion für den Botschafter Riddle eigenhändig niederschrieb und findet auch die Begleitzeilen des Präsidenten Roosevelt. Trotz der Erfolglosigkeit dieser Aktion steht es doch fest, dass Hays Briefe und die Petition diiei günstige 'Erledigung der Passfrage amerikanischen Juden in.' Russlamd mit herbeigeführt haben, Was Hay in der rumänischen Frage und anlässlich Kischenew getan hat, wird ihm das Judentum nie vergessen. Der feinsinnige Poet kann vergessen Werden, «der taktvolle Politiker aus der Geschichte schwinden, als mutiger und unerschrockener Verteidiger der' Unterdrückten wird er im Herzen des jüdischen Volkes stets fortleben. Bei der Reichhaltigkeit und Fülle muss die Angabe des übrigen Inhaltes imt Telegrammstil erfolgen; Ein Gedicht;;Israel" von Hay gibt eine garte Probe seiner gödiegelier! poetischen Gabe, und ein an Rerv. Kohn gerichteter jüdischer Brief ist ein Beweis seines regen Interesses für das Judentum. Dann folgt ein tief empfundener poetischer Nachruf für Hay von George A. Kohut. Eine Erzählurug von Josef Leiser führt uns ein düsteres Stück New Yorker Einwrande|reirelends vor. J. D. Eisenstein behandelt moderne Themen und ihr Vorkommen im Talmud, und N. E. B. Esra erzählt über die Juden in Japan Und besonders Üben die Jüdische Gemeinde in Nagasaki. Eine anziehende Schilderung der neuesten jüdischen Literatur von Josef, Vogel, eine gute Uebersetzung von York-Steiners Novelle „Crocolos Synagoge", ein Artikel über Heinrich Heine von Gustav Karpetes und eine Würdigung der Opernsängerin Karoline von Gomperz-Bettelheim von Bella R. Landau mit trtefflicheil Porträts bringen für jede Geschmacksrichtung etwas interessantes, Dann folgt ein erster Bericht Professor Rosens über die Falashas, einem jüdischen Stamm in Abyssinien, ein Aufsatz von Albert M. Frödenberg „Die Juden und das amerikanische Gesetz44, ein Interview mit Sarah Bernhardt und eine Besprechung des zehnten 'Bandes der jüdischen Enzyklopädie mit Text- und Bilder proben. Die Reihe der Bücherbesprechungen wird mit dem Zeiitbildei „Der kleine Konskribierte44 von Ezra S. Brudno eröffnet, dem scharfe Beobachtung und eine glänzende Schreibweise nachgerühmt werden. Weiterle 'Bucher- und Zeitschriftenbesprechungen, 'Berichte und Notizen vervollständigen den Inhalt dieser reichhaltigen Monatsschrift. „Unsere Hoffnung", Monatsschrift für die reifere jüdische Jugend. Nr. 9, II. Jahrgang. Als erste Nummer nach dejn siebenten Zionistenkongresse wird dieselbe von Herrn Josef M e i s 1 mit dem Artikel „Der VII. Zionistenkongress in Baser4 eingeleitet. Zum Schlüsse seines Stimmungsbildes „Nach dem Kongresse'4 ruft Dr. David Malz aus: „Und so gehen wir unseren Weg, den Weg, den Zangwill selbst so lapidarisch vorgezeichnet hat: „Dem Volk ohne Land das Land ohne Volk.44 Im Amschluss an den im April von Herrn Rudolf Nassau veröffentlichten Artikel „Zur Frage der nationalen Erziehung und Organisation der jüdischen Mittel Schuljugend44 schreibt Ben Samuel, dass eine Zeitschrift wie „Unsere Hoffnung44 die Ratgeberin und Erzieherin der jüdischen Jugend sein will, nicht achtlos an der Frage der Mittelschülervereirie vorübergehen darf. Diese Nummer der für die Erziehung unserer Jugend so wichtigen Zeitschrift enthält noch eine Fortsetzung der Erzählung von Buki ben Jogli (L Katzenelsohn) ..Das Lied der Nachtigall", einen warmen Nachhruf auf den im 27. Lebensjahre verstorbenen Realschulsupplenten I. S. Kitz, Bücherschau und Korrespondenzen. B. A. Das in Buenos-Ayres erscheinende Jargonblatt „Der Zmnist" bespricht die massenhafte Einwanderung nach Argentinien, die seit einigen Monaten eingetreten ist. Die neuen Ankömmlinge sind meistens junge und arbeitswillige Leute, trotzdem geht es ihnen, da die Industrie Argentiniens nicht besonders entwickelt ist, sehr schlecht. Das Blatt warnt vor weiterer Einwanderung solcher Elemente, die nicht mit Kapital versehen sind und sich nicht der Landwirtschaft widmen wollen. Die „Narodni listy" in Prag, das führende Jungtschechenhlatt, bringt fast täglich Notizen und ausführliche Berichte über die Judenfrage in Russland. Die paiislawistischen Neigungen des Blattes drücken allen Acusseruiigen über die russischen Juden den Stempel auf. Seine trübe Quelle sind die antisemitischen russischen Zeitungen, deren Nachrichten wahllos übernommen und den österreichischen Lesern als authentische Origiualberichte aufgetischt werden. Es ist kein Zweifel, dass diese Art der Berichterstattung in tschechischen Kreisen nicht nur ganz falsche Auffassungen über die russischen Juden und ihre Stellung einbürgert, sondern auch antisemitische Ansätze geschickt präpariert tmd ausbildet. In der Nummer vom 10, September z. B. wird in einem längeren Autsatze die Haltung der jüdischen Millionäre in Russland gegenüber dem Staat und der jüdischen Masse geschildert. Die Stelle hierüber ist kennzeichnend für die Agitationsart der „Narodni listy44. Sie lautet: „Die jüdischen Millionäre in Russland verhalten sich gegen fbre Glaubensgenossen äusserst gefühllos. Die Unterstützung, dje sie ihnen gewähren, ist minimal. Sie knausern nicht nur aps Geiz, sondern auch aus nationalerzieherischen Gründen: sie wollen die jüdische Masse zwingen, dass sie im Daseinskampf alle ihre Kräfte anspanne. Ausserdem handelt es sich ihnen auch darum, hinter sich stets eine Armee unzufriedener,- zu allem bereiter und fähiger Elemente zu haben, und diese Armee verwenden sie in ihrem umstürzlerischen Kampfe gegen den1 russischen Staat und das russische Volk. Für; ihr Proletariat tisch betätigen sie sich beim Untergraben der Grundlagen des russischem Staates, der ihnen über alles verhasst ist. Was sje haben sie selbst nur Theorien, Ratschläge, Schlagworte, prakdadurch ersparen, dass sie ihren armen Glaubensgenossen ausgiebige Hilfe verweigern,, widmen sie revolutionären Zwecken.44 Iii dem Tone geht es fast täglich. Diese gehässigen, von Unwahrheit und Entstellung strotzenden Ausführungen werden angeknüpft an eine 'Bemerkung über Lazar B r o d s k y, der notorischerweise zu dien» bekanntesten jüdischen Wohltätern in Russland! gehörte. Diei reichen russischen Juden haben anlässlich des russisch-japanischen Krieges, als sie Sammlungen für dias Rote Krquz selbst einleiteten oder mit grossen Geldmitteln förderten und die staatliche Finanzpolitik mit ihrem grossen Emfluss auf d>em internationalen und russischen Geldmarkt unterstützten, die verleumderischen Ausfälle des Prager Blattes genügend widerlegt. Wir geben sie wieder, weil sie ein treffender Beleg für die antisemitische Taktik der „Narodni listy44 sind. Dieselbe Taktik gewissenlosen Schürens hat dem tschechischen Volke Prager Exzesse und die Polnaer Affäre beschert. Sie beide machen tschechischer Gesittung und Kultur nicht viel Ehre. Auch die 'Bemerkungen der „Narodni listy44 über die jüdisch-russischen Handwerker sind falsch und tendenziös. Der Jude, heisst es dort, widmet sich nur in der grössten Not dem Handiwerk und wenn er die Freiheit des Handels nicht hat, erstickt er lieber in der Gosse. „Das ist die einzige Freiheit, welcher der Jude versteht.44 Der pauslawistische Hetzer, der so schreibt, hat die letzten Monate verschlafen, die ihm haben beweisen müssen, dass russische Juden für wahre nationale Freiheit wie Helden zu kämpfen und zu sterben vermögen. Von den Verhältnissen jüdischer Handwerker und Arbeiter in Russland hat er keine Ahnung. $<> versorgt das jungtschechische Hauptorgjan seine Leiser mit vergifteter antisemitischer Nahrung. Ueber die Geschichte, die dem jüdischen Bilderhändler in Borkum passierte und über die wir berichteten, schreibt die „Frankfurter Zeitung": „Im Anschluss an den Bericht über die antisemitischen Heldentaten gegen einen jüdischen Bilderhändler macht man uns auf ein Bild in der Scherischen „Woche44 aufmerksam. Es zeigt das sogenannte „schwarz-weiss-grünc Regiment von Borkum44, das heisst die zu antisemitischen Radauzwecken bestehende Organisation halbwüchsiger Jungen „besserer44 Kreise, die sich im Falle des insultierten Bilderhändlers besonders hervortat. Inmitten der grösstenteils schon ziemlich erwachsenen Büblein prangen einigle höhere Staatsbeamte, so der Staatssekretär F r; e i h. von R i c h th o fem E i s e n b a h n d i r e k t i o n s p r ä s i d e n t Kran o 1 d und andere als „E h r e n g ä s t e'4. Nach den Textbemerkungen der „Woche44 bildet das Regiment eine „Organisation zur körperlichen Kräftigung und vaterländischen Erziehung44. Wir gratulieren zum Erfolge!44 In einem Feuilleton „Sommerbetrachtungen des „Neuen Pester Journal" schreibt Arpad Fenyvessy, ein Jude — früher hiess er Feigelstock — über den Chauvinismus der ungarischen Juden, dem er, wie man sieht, selbst zum Opfer gefallen ist: „Der Chauvinismus der ungarischen Juden treibt ganz absonderliche Blüten. Die Söhne der alttestamentarischen Stammhalter heissen längst nicht mehr Levi und Kohn, sondern natürlich Levai und Kormos, sie fluchen ungarisch, saufen Champagner und bleiben ihn schuldig wie die gepfändete ungarische Gentry; sie fordern das ungarische Kommando, deklamieren am 15. März (Revolutionsfeier) das „Talpra Magyar44 (Auf. Magyare!) und schreiben geharnischte Zeitungsartikel, wie die verschnürtesten Kuruzzeu. Er will um jeden Preis Ungar sein, nichts anderes als Ungar. Nationaler rot-weiss-griiner, doppelt verschnürter und paprizierter Ungar! Der Levai sowolil als auch der Konnos! Er gibt sein tdu res Geld selbst in unwirtlichen ungarischen Badeorten aus, nur um dem ungarischen Mitstreiter im nationalen Kampfe zu gefallen — alles umsonst! Der geehrte Kampfgenosse weicht ihm im weiten Bogen aus.