Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 37 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nrt 37 „bt* * weit Seite Ü Das Ergebnis des VII. Zionistenkongresses. Von Dr. Max Besser- Hamburg. Die. Parteidisziplin im Zionismus erfordert, dass sich die Minorität trotz grösstcr Divergenzen dem Beschlüsse der Majorität füge, aber das Recht einer scharfen, sachlichen Kritik kann sie sich nicht nehmen lassen. Diese Kritik und das Streben, auf legalem Weg eine Umgestaltung der herrschenden Auffassung herbeizuführen, wird zur Pflicht, wenn die Vertreter der Minorität das Interesse des gesamten jüdischen Volkes für schwer geschädigt halten. Ein Teil der Leidenschaftlichkeit, von der wohl alle Kongressbesucher erfasst waren, zitterte auch i*i dem Nichtteilnchnicr nach. Aber doch hatte er Gelegenheit, alle Geschehnisse mit ruhigerem Blick zu betrachten. Nicht die Lürmszenen, die allerdings das. Ansehen des Kongresses herabgesetzt haben, wirkten deprimierend, denn sie konnten eine Folge rein üusserlicher Un stände sein und brauchten die innerliche Festigkeit der Bewegung nicht zu tangieren. Ihn musste es schmerzlich berühren, dass eine kompakte Majorität eine durch Intelligenz und Zahl bemerkenswerte Minorität erdrückte und ohne einen ernstlichem Versuch der Widerlegung oder Verständigung sich der wuchtigen und politisch hervorragenden Argumentation eines Zangwill unzugänglich erwies. Ihr Machtwille hat zu einem Beschlüsse von verhängnisvoller Tragik geführt. Die Erklärung für die ablehnende Haltung der Kongnessmclirheit gegenüber einer territorialen Aktion liegt in einer prinzipiellen Auffassung des Zionismus, die bis zu einem gewissen Grade und in Verbindung mit anderen Momenten berechtigt icrscheint, aber von den Zione-Zion in die-ser Ausschlics-sliohkeit propagiert und von der Frage praktischer Notwendigkeiten losgelöst, ein Zerrbild des Zionismus ergeben musste. In jenen Reihen hatte sich die Vorstellung eingewurzelt, dass sich die jiidischnationalc Bewegung in bezug auf Entstellung und Ziel nur auf ethische und, kulturelle Momente beziehen dürfe und dass die Erlangung einer Heimstätte nur die Schaffung Lines kulturelljüdischen Zentrums bedeute. Alle aus einer wirtschaftlichen Notlage des jüdischen Volkes hergeleiteten Arguniente erschienen ihnen als untergeordnet und da, wo sie schärfer betont wurden, als eine gefährliche VerWässerung des zionistischen Gedankens, als eine Abkehr zu philanthropischen und sozialistischen Idealen. Sic verkannten, dass der mächtigste (reibende Faktor in den Anfängen der zionistischen Bewegung die materielle Juden not gewesen war, wie diese auch in den Darlegungen Nordaus auf dein ersten Zionistenkongress einen breiten Raum einnahm und dass man erst später auf dem Wege theoretischer Erwägungen den Zionismus von dieser materiellen Grundlage loszulösen und zur abstrakten Kulfurbewegutig zu inachen versucht hat. Sie verkannten ferner, dass erst die Schaffung von besseren ökonomischen Lcbeiishedingxmgen eine höhere Kultur in menischlichem und jüdischem Sinne anbahnen konnte. Ein Blick auf Deutschland hätte sie lehren können, dass die ^von marxistischen, d. h. rein materiellen Voraussetzungen ausgehende Sozialdemokratie! es vermocht hat, den deutschen Arbeiter auf eine staunenswerte Höhe allgemeiner Kultur zu hieben. Bis zu einclm gewissen Ai• genblicke konnten die Vertreter der verschiedenen Anschauungen friedlich zusammenarbeiten, denn in dem, was dem *deellen Zionisten nur die Verwirklichung der jüdischnationalcn palästinensischen Idee bedeutete, konnte der andere auch ein Mittel zur Schaffung normaler, menschenwürdiger Existenzbedingungen für das jüdische Volk erblicken. Da veränderte sich mit einem Schlage die Sachlage. Die Erlangung Palästinas in Herzlsehein Sinne erschien zunächst in weite Ferne gerückt •nid gleichzeitig ward auf der Bildflache das Ostafrikagebict siehtbar, ein Anbot, wie es in dieser Grossartigkeit noch nie dem jüdischen Volke im Golus gemacht worden war, ein Angebot, das .scheinbar zu den Voraussetzungen! eines kulturell palästinischen Zionismus nicht passte, das aber ein mächtiger Faktor in der sozialen und wirtschaftlichen Aufwärtsbewegung des jüdischen Volkes zu werden versprach. Damit war die wirtschaftliche und ideelle Kongruenz des erstrebten Zieles in der Bewegung aufgehoben. Die Frage nach den Motiven der Zugehörigkeit des einzelnen zum Zionismus, die vorher nur theoretisches Interesse hatte, •gewann praktische Bedeutung. Die es als Aufgabe des Zionismus betrachteten!, das Gesämtinterestse des jüdischen Volkes wahrzunehmen, durften unter der Voraussetzung, dass das angebotene Land den nötigen Bedingungen entsprach, diese Gelegenheit zur Betätigung ihrer Anschauungen nicht vorübergeheni lassen. Was im Anfange der Bewegurg berechtigt war, eine nur auf Palästina gerichtet: Arbeit, konnten sie nicht mehr aufrechterhalten, nachdem die Hoffnungen Herzls auf eine Unterstützung seitens der .inanzkraftigen .lüden Und auf ehieh dij>k>mati^clifeii Erfolg sich als teilweise falsch erwiesen hatten. Für diejenigen, die in der Notlage des jüdischen Volkes nur ein untergeordnetes Moment gegenüber ihren persönlichen ideellen Interessen sahen, musste die Annahme des Ugandaprojektes eine Gefährdung ihnen liebgewordener Gedanken bedetuten. Der letzteren Anschauung hat der Kongress zum Siege verholten. Die Mehrheit der jüdischen Parlamentsvertreter hat die praktische Möglichkeit, einen Teil des jüdischen Elends zu beseitigen, auf dem Altare des reinen Palästinaprinzips zum Opfer gebracht, sie hat das Land ü b e r das Volk gestellt. Die Notlage des jüdischen Volkes ist von der nationalen Vertretung als eine quantite negligeable betrachtet worden. Die nach Brot schreien, hat man auf den Kaviar der Zukunft vertröstet! Oder glaubte man, dass die nur unter schweren Opfern mögliche Bereicherung der Türkei um einige jüdische Kolonien irgend welchen Einfluss auf die Lage des jüdischen Volkes haben würde? Mir scheint, dass man durch die geplante Kleinarbeit in Palästina die Gewissensbisse über dia schroffe Ablehnung einer wertvollen Aktion* ertöten und in sich die Fiktion einer wirklich grosszügigen Tätigkeit im Sinne Herzls erhalten will. Aber dieses Verhalten schlichst grosse Gefahren für den Bestand und die Bedeutung der zionistischen Bewegung in sich. Wenn die jüdischen Proletariermassen des Ostens, die selbst in sozialistischen Organisationen noch Fühlung mit dem jüdischen Volkstum bewahren, zu der Erkenntnis gelangen, dass die Mehrheit unseres Parlamentes kein Verständnis für ihre Interessen besitze, so werdem sie dem Ideal eines entnationalisiertcn Sozialismus in die Arme getrieben. Dann wird der Zionismus zu einem Heere von Offizieren, denen die Soldaten fehlen, dann sinkt die Volksbewegung zu einer politisch bedeutungslosen Partei von Freunden der Palästinakolonisation herab, dann erscheinen wir der Welt tatsächlich als die Träumer, die jeden Sinn für Realität verloren haben. Verdient aber das Ugandaprojekt selbst vom Standpunkte der Erhaltung und Entwicklung jüdischer Kulturkräfte die schroffe Ablehnung, die ihm auf dem Kongresse zuteil wurde? Die Unzulänglichkeit des gegenwärtigen Angebotes schloss ja die Möglichkeit der Erlangung eines besseren Gebietes nicht aus. Hier kann sich in einem jüdischen Gemeinwesen, selbst bei geringeren, die Autonomie betreffenden politischen Zugeständnissen ein reiches jüdischnationales Leben entwickeln, das in seinem Bestände nicht von einer höheren modernen Kultur bedroht wird und somit frei von allen Gefahren der Assimilation ist. Aber auch in diesem Punkte hat blinder Parteieifer über ruhige Erwägung gesiegt. Wir sind gezwungen, diesen Anschauungen, die von der Mehrzahl der deutscheu Zionisten geteilt werden, mit aller Bestimmtheit Ausdruck zu geben, weil wir durch Offenheit am ehesten eine Verständigung herbeizuführen hoffen. Wenn die siegreiche Majorität sieht, dass ihr nicht eine Gruppe von Auchzionisteii gegenübersteht, sondern eine stattliche, organisierte Minorität, deirton Palästinatreue zweifellos ist und in