Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 37 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 „bie # Nr. 37 stapelten Kultur erst überhaupt Menschen werden, fähig, selbst Kultur zu haben und Kultur zu erzeugen. Jede Kultur aber ist national." „Der Sozialismus und der nationale Gedanke sind also nicht nur keine Widersprüche, sondern sie gehören -rotwendig zusammen. Jeder Versuch, den nationalen Gedanken zu schwächen, muss, wenn er Erfolg hat, den Reichtum des Menschengeschlechtes vermindern.*4 Und endlich: „Der Sozialismus will die Menschheit organisieren, nicht atomisieren. Im Organismus der Menschheit sind aber nicht die einzelnen Individuen, sondern die Nationen die Zellen. Damit der Organismus gesund sei. müssen die Zellen gesund sein.4 Für uns Juden liegen die logischen Schlussfol gerungen aus diesen prächtigen Sätzen auf der Hand. Wie ganz: anders sieht die Praxis der offiziellen sozialdemokratischen Parteileitung aus! Ihre unaufrichtige, verbohrte Haltung zeigt sich Schritt für Schritt, wenn innerhalb oder ausserhalb der Partei jüdische Fragen auftauchen, der Lösung oder kritischen! Beurteilung harren. Die Affäre der Separatisten in Galizien hat diese Heuchelei und Voreingenommenheit ins schärfste Licht genickt. Die von der desamtexekutive und der üaszynsk'igruppe forcierte Ablehnung jüdischnationaler Organisationstendeiizeu widerspricht schnurstracks den Pcrnerstorferschen Ansichten, sie steht aber auch im offenbaren Widerspruch zu dem sogenannten Brünner Programm der nationalen Autonomie, das auf dem Brünner Parteitage vom Jahre 1899 für die nationale Ordnung in Oesterreich die autonome Verwaltung aller rationalen Angelegenheiten als wünschenswertes, einzig mögliches Ziel erklärt. Jeder 'ehrliche Nationale, der auch anderen Nationen gibt, was ihnen gebührt wird die nationalen Bestrebungen jüdischer Proletarier gutheissen und nicht unterdrücken wollen. Die Wiener Gesamtexekutive kämpft vergebens gegen eine nationale Strömung, die sie bei den Juden Claliziens und der Bukowina ebensowenig eindämmen wird, wie sie trotz jahrelangem Bemühen die anderen österreichischen Arboitergnippen von der nationalen Separation in der Partei abhalten konnte. Uebrigens entscheiden über Sein und Nichtsein von Nationen, über die Grenzen ihrer nationalen! Rechte und Forderungen nicht die sozialistischen Führer, die oft einem momentanen Parteiinteresse zuliebe Recht und Wahrheit n.it Füssen treten. Auf der Brüsseler Konferenz haben sie vor wenigen Jahren eine luxemburgische Nation kreiert, während sie den Bestand eines armenischen und litauischen Volksstamrnes keck negierten. Die um das Partei wohl besorgten Führer werden, in der Zeit gesteigerten nationalen Fmpfindens. nationale Regungen bei keiner Nation unterdrücken. Auch bei den jüdischen Proletariern nicht. Denn für diese gilt mehr als für alle anderen Klasseugenosseu Pernerstorfers Satz: ..Jede Nation will ihr Heini haben, in dem sie Herrin ist, wie jeder Mensch sein ihm allein gehöriges Heim haben will.'*4 Bisher haben die jüdischen Sozialdemokraten in führender Stellung das Judenproblem nur durch die Parteibrille betrachtet und parteiegoistische Motive haben sie zur Nichtanerkennung, Bekämpfung und Verhöhnung aller nationaliüdischen Bestrebungen verleitet. In geradezu typischer Weise ist dies nach den Kischenewer Fxzessen bei einer grossen Wiener Versammlung in Frscheimmg getreten: während damals Pcrnerstorfer, der Nationale, auch die nationalen Ziele und Hoffnungen der russischen Juden würdigte und beachtenswert fand, hat Ellenbogen, der Anatiomde, die Fxzesse und ihre Begleiterscheinungen nur vom Standpunkte des antizaristischen Kampfes beurteilt, für die nationale Befreiung und Hebung der jüdischrussiseben Masse hatte er kein Interesse. Und doch ist eine derartige engherzige Ignorierung der nationaljiidischeu Bewegung kulturwidrig und unsozkilistisch. Fs kann konstatiert werden, dass auch in diesen iiidischso/inldemokratischeii Kreisen sich bereits eine Wandlung zum Besseren vollzogen hat. Früher haben sie mit allen Argiimtntatioiisniittcln unserer Assimilanten die Fxistenz einer jüdischen Nation schlankweg hiuwegdiskutiert; diese Taktik haben sie fallen gelassen und wenigstens soweit Raison angenommen, dass sie jüdischnationale Gesinnung als von Milieu und Erziehung wesentlich beeinflusst erklären und begreifen. Für das russischjüdische Proletariat lässt man endlich das Jüdischnationale gelten, weil man ja das Blaue nicht vom Himmel herunterleugneu kann und den machtvollen nationalindividualistischen Geist, der die östlichjüdischen Arbeitermassen erfasst, an der Arbeit sieht. Im Westen sträuben sich die jüdischen Parteihäupter gegen den letzten Schritt und halten verzweifelt an der alten längst überholten Phraseologie fest. Der Rahmen jüdischer Organisationen dünkt ihnen zu eng für ihre weitausgreifenden kosmopolitischen Theorien. Aber auch die jüdischen Sozialisten des Westens werden — nicht obgleich, sondern weil sie Sozialisten sind — zum jüdischen Nationalismus sich durchringen. „Die Mühlen der Entwicklung mahlen langsam, aber sicher." R. N s s. Ein Brief Ussischkins. Zur Zeit unseres Berichtes über das Massenmeeting der englischen Federation in der Great Assembly Hall, bei welchem Greenberg sprach, stand uns folgender Brief Ussischkins an den Vorsitzenden nicht zur Verfügung, den wir jetzt veröffentlichen: „An nieinen Kollegen im A.-C. Mr. Joseph Cowen, London. Sie erbitten meine Meinung über die gegenwärtige Situation im Zionismus und unsere künftige Arbeit. Hier haben Sie meine kurze, aber klare Antwort. Wir müssen alles vergessen, was in den letzten zwei Jahren vorfiel. Der VII. Kongress brachte uns zu derselben Situation, in der wir uns vor dem VI. Kongress befanden, als der Bürgerkrieg begann. Weder ich oder diejenigen, welche zu mir hielten, siegten auf dem Kongresse, noch wurden Sie und Ihre Freunde geschlagen, sondern Zion siegte über Uganda. Frez Israel schloss für alle Zeit fremde Länder aus. Sie, Herr Cowen und Herr Greenberg, verstanden dieses wohl, Sie stimmten für die Frciburger Resolutionen und zeigten uns dadurch, wie teuer Ihnen Palästina ist und wie sehr Sie wünschen, den Frieden in unserer Bewegung wieder herzustellen. Sie mögen versichert bleiben, dass ich alles tun will, was ich kann, um meinerseits den Frieden für alle Zeit aufrecht zu erhalten und hoffe, dass wir zusammen, Hand in Hand, arbeiten werden. Aber Friede allein genügt nicht. Wir müssen positiv arbeiten. Wir haben sehr viel während der letzten zwei Jahre verloren und unsere Arbeit muss energisch betrieben werden. Verschiedene Wege führen nach Jerusalem und keiner darf vernachlässigt werden. Weitere Unterhandlungen mit den verschiedenen Regierungen zur Unterstützung unserer Bestrebungen in der Türkei, Verhandlungen in der Türkei selbst zur Erleichterung unserer Arbeit in Palästina, Vermehrung und Stärkung der wirtschaftlichen und kulturellen jüdischen Elemente in Palästina, die grosse nationale Propaganda in allen .Teilen des jüdischen dolus, die Verbreitung und Entwicklung der hebräischen Sprache und Literatur — das ist das Minimum unseres Programmes. Ich hoffe, dass die sieben Mitglieder des engereu A.-C. und die 53 Mitglieder des grossen A.-C. alle ihre Kraft dem Zionismus widmen werden und dass der VIII. Kongress fühlbare Resultate ihrer Tätigkeit zeigen wird; grüsseu Sie alle unsere Freunde und Anhänger und sagen Sic ihnen, dass unsere Devise von jetzt au ist: „Friede und zielhewussle Arbeit". Rubrik für Diskussion. Die Stellungnahme der „Welt* zu allen Fragen des Zionismus ist durch die Kougressheschliissc und den Aufruf des Präsidenten des A.-C. festgelegt. Sie bleibt aber weiter jeder sachlich vorgebrachten Meinung offen und gestattet selbstverständlich gerne eine Diskussion in richtigen Grenzen. Wir eröffnen dafür diese besondere Rubrik, wo auch alle inoffiziellen Meinungen zum Ausdruck gelangen können.