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Die Welt · 1905-09-15 · 37 (15.9.1905) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
37 (15.9.1905)
Date
1905-09-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 37 „bis # Weit11 Seite 9 herrschaft" des Judentums. Wer die Geschichte des Wiener Antisemitismus kennt, der weiss ja, wie seine jetzigen Grössen ursprünglich nichts anderes wollten als gegen das Kapital schlechtweg anzukämpfen. Der «Feind aber war -ihnen zu stark. Da verwandelte sich unter ihren Angriffen das Objekt. Aus dem Kapital! wurde das „jüdische Kapital'4. Sie hatten plötzlich entdeckt, dass an der1 Not des Mittelstandes eine besondere Art von Kapitalismus schuld1 sei: jenes Geld allein, das sieh in jüdischen Händen befand, besass in hohem Masse die Tendenz, sich zu vermehren) und die Arbeit zu seinem Knecht zu machen; und gerade die ch ristliche Arbeit. Und aus dem Beiworte wurde ein Hauptwort: es war nicht mehr das jüdische Kapital, das die christliche Arbeit ausbeutete — es war vielmehr der Jude, der den Christen unterjochte; oder noch weiter: das jüdische Volk — das christliche Volk. Dabei hatte man den Ausgangspunkt der Bewegung völlig in den Hintergrund treten lassen. Niemand hatte mehr das Bewusstsein, dass nicht Personen, dass eine Sache bekämpft worden war. Mit der Sache aber schloss man Frieden). Mit dem Kapital versöhnte man sich. Ja man schloss sogar Freundschaft mit dem früheren Feinde. Und, hinter dem Oelde gedeckt, verschwand jetzt auch das Antlitz derer, denen Wiens antisemitische Führer trotz ihres Judentums die Hände reichten. Nicht mit Herrn Kohn oder Herrn Löwy hat etwa Herr Dr. Lueger Geschäfte gemacht. Denn Herr Kohn und Herr Löwy sind ja eigentlich Juden. Mit der Herrschaft der Herren Kohn oder Löwy, die Verwaltungsräte der Länderbank sind, kann der Führer des christlichen Volkes nichts zu tun haben. Aber darf das christliche Volk auch mit der Länderbank nichts zu tum haben? Banken sind doch dazu da, dass mit ihnen jedermann Geschäfte macht. Und Banken sind dazu da, dass sie mit Jedermann Geschäfte machen. Von Banken leiht man Geld, wann immer man es nötig hat. Und Banken leihen Geld, wozu immer man es braucht. Will man Fleisch verkaufen, so ist dazu Kapital vonnöten; will man eine Tramway kaufen, so braucht man Geld dazu; will man die Stadt mit Elektrizität versehen, so muss man volle Kassen haben. Zum Kampfe, besonders aber zum Wirtschaftskampfe, gehört Geld, Geld, Geld. Wen bekämpft man? Die Juden. Und wer gibt das Geld dazu her? Die Juden. Also bekämpfen die Juden —- die Juden? O nein! Sie machen nur Geschäfte, die einen. Und sie bekommen sogar die heiligsten Versicherinigen besonderen Wohlwollens von ihnen — die anderen. Aber Geschäfte macht man eben mit jedermann und Kundschaften fragt man nicht nach Nam' und Art . . . Es wurde wohl oben gesagt, dass hier von den W i e n e r Juder, die Rede sei. Nämlich: mancher könnte meinen, das«> hier von den jüdischen Bankiers in Berlin gesprochen wurde und von ihren grossen Darlehen an die Russen, die sich dafür mit Kischenew revanchierten. Die Ausdrücke des Wohlwollens haben ja auch dort nicht gefehlt . . . Aber nein, es war wirklich von Wien und von den Wiener Grossjuden und von den Wiener kleinem Juden die Rede .... —tsch. Ein führender Sozialdemokrat über den Nationalitätsgedanken. Der Reichs ratsabgeordnete Engelbert Pernerstorf er hat über das Thema des nationalen und internationalen Gedankens in der Augustnummer der „Sozialistischen Monatshefte" einen hochinteressanten, durch Form und Inhalt glänzenden Artikel geschrieben, der für uns Zionisten deshalb von Wert und Interesse ist, weil hier zum erstenmal in klarer, aufrichtigster Weise ein deutscher Sozialdemokrat Oesterreichs sein nationales Glaubensbekenntnis auseinandersetzt und gründlich aufräumt mit dem Popanz bisheriger extrem internationaler Parteiauffassung. Pernerstorfer, der Mitbegründer des Deutschen Schillvereines, der Mitverfasser des Linzer Programme«, bereitet mit seinem mutigen Artikel niemandem eineUeber raschung, er hat aus seiner ehrLichen, geläuterten deutsch-nationalen Gesinnung niemals eini Hehl gemacht. Aber sein Artikel ist ein neuerlicher Beweis dafür, dass ein frischerer Wind weht in der österreichischen Sozialdemokratie und eine freiere, natürliche Auffassung alles Nationalen Platz greift. Das beweist auch die tschechische Sozialdemokratie, in deren Presse ihre publizistischen Wortführer während der So<mmermanate über naturale und kulturelle Pflichten Ansichten entwickelt haben, die vor Jahren und Monaten von den streng internationalen Kefrerrichtern als Parteifrevel, als chauvinistische Extravaganzen gebrandmarkt worden wären. Die von der tschechischen Sozialdemokratie betriebene Agitation für die tschechische Universität in Mähnen und gegen die Einschulung tschechischer Kinder in deutschen Schulen ist die schon zutage getretene praktische Frucht jener theoretischen Schwenkung. Der Umschwung kann seine Wirkung auf die jüdischen Sozialdemokraten und auf die bisher innerhalb der Partei übliche Behandlung jüdischer Fragen nicht verfehlen. Ob sie wollen oder nicht, sie werden der natürlichen nationalen Entwicklung auch in jüdischen Dingen von Partei wegen den schuldigen Tribut zollen müssen. Pernerstorfer gesteht, dass in der grossen Masse der deutschen Arbeiterschaft Oesterreichs heute noch sehr häufig jedes nationale Empfinden als ein Verstoss gegen den Internationalismus angesehen werde, ein direktes nationales Bekenntnis leicht verdächtig und lächerlich mache. Wir Zionisten haben in den ersten Jahren unserer Propaganda harte Diskussionskämpfe hauptsächlich mit jüdischen Sozialdemokraten auszufechten gehabt, weil sie < — es war damals ihr Parteidrill — dem Internationalismus aus begreiflichen Gründen gern antinationale Färbung gaben, die ihre nationale Ausnahmestellung in der Partei am besten verhüllte. Wenn nun Pernerstorfer die geschichtlichen Gründe für die Entwicklung des Internationalismus in Oesterreich zum unsinnigen Antinationalismus aufzählt und dem nationalen Streite, der alle innere Politik seit einem Menschenalter beherrsche, die grösste Schuld beiniisst, so ist dies zweifellos richtig. Aber die Entwicklung wäre in dem Umfange nicht möglich gewesen, wenn sie nicht — bewusst oder unbewusst — von den führenden jüdischen Genossen gefördert worden wäre. Sie lag in :hrem Interesse. So lange sie international im Sinne des von ihnen verhätschelten und aufgebauschten Antinationalismus sein konnten und nationale Farbe zu bekennen nicht gezwungen waren, brachte sie ihr Judentum weniger in Verlegenheit und Konflikte. Mit dem Durchbruche des nationalen Prinzips in der Theorie und Organisation hing ihr Anationalismus in der Luft und machte ihre Einreihung in die nationalen Gruppen nur von sprachlichen oder zufälligen Momenten abhängig. Wie lange haben sie noch nach dem Wimberger-Parteitage, der imU-r dem Drucke der nationalen Verhältnisse schon im Jahre 1897 sechs sozialdemokratische Parteien in Westösterreich schuf, behauptet, dass diese einschneidende Organisationsänderung durchaus nicht sehr ernste nationale Ursachen habe und bloss sprachlichen Zweckmässigkeitsgründen entspreche! Es sind goldene Worte, mit denen Pernerstorfer die Berechtigung und Notwendigkeit des Nationalitätsgedankens anerkennt und entwickelt. „Von Menschen, die tagtäglich um ihres Leben Notdurft ringen, die Schätzung idealer Güter verlargen, heisst von den Niedrigsten das Grösste fordern. Die Nationalität in ihrer höchsten Form ist aber ein ideales Gut. Sie bedeutet in höchster Instanz die Menschheitskultur in einer besonderen, höchst eigentümlichen und nur einmal vorkommenden individuellen Ausstrahlung. Sie bedeutet eine Bereicherung der Menschheit durch eine besondere Form ihrer Erscheinung.44 „Nicht dahin bloss wollen wir arbeiten, dass die Menschen menschenwürdig wohnen, sich nähren, kleiden usw., sondern dass sie durch Anteilnahmie an der durch tausend Jahrei aufge-

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