Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 37 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 „bie & weit" Nr. 37 kutivbearnte die Schutzengel eures Haushaltungsbudgets, die Bürgen eures Einkommens sind. Es muss oder es müsste für die Stolzen unter euch ein hartes Ding sein, der Gedanke: ich werde von dem Gelde jener bezahlt, die verfolgt und beschimpft werden und dafür, class das Geld auch wirklich eingeht, sorgt eben derselbe Staat, der durch passive Gewährung an Schimpf und Verfolgung mitschuldig ist. Und nun geht hin und liquidiert den Dank an den Staat, indem ihr den Samen der Beschwichtigung ausstreut: der Antisemitismus ist eine vorübergehende Erscheinung, treuer Staatsbürgerschaft ist der Lohn am Ende sicher, der Jude möge ausharren, bis die Zeiten besser werden und der Staat alle schützt — wie er vorläufig den Seelsorger und sein Einkommen schützt Es wäre ein anderer Zustand denkbar und möglich, der den Stolz stolzer Rabbiner minder verletzte. Es wäre denkbar, dass der Rabbiner von jüdischem Gelde lebte, das jüdische Bereitwilligkeit seiner Gemeinde böte, ohne dass der Büttel des Staates sich einzumengen brauchte. Dazu ist nur eines notwendig, dass es nicht so viele widerwillige Juden und dass es mehr, dass es zumeist nur gutwillige Juden gäbe. Wie das zu bewirken wäre? Macht aus den gleichgültigen oder erbitterten — jüdischfühlende Juden und das Problem ist gelöst, wie man auf ehrenhafte, noble Weise einen Rabbinergehalt gewinnen kann. Erobert die Frommen und zumal die Unfrommen für die lebenspendende Hoffnung auf eine jüdische Zukunft, ahmt das Beispiel der tschechischen, der polnischen, der ungarischen Geistlichkeit nach, die tschechische, polnische, ungarische Politik machen, macht jüdische Politik, werdet die Fahnenträger des jüdischen Volksgedankens und füllt eure Predigten statt mit deutschem Stil — mit jüdischem Leben. Wir anderen ringen unseren Berufen die kargen Stunden ab, um unserem Volke zu dienen. Euer Beruf ist es, für nichts anderes Zeit zu haben als für diesen Dienst. Es ist unmöglich, dass mit Samstags- und Feiertagspredigt, mit Hochzeits¬ und Leichenrede ein Beruf erfüllt ist, der die Nach- Coigo des Lehensworkes eines Aidba darstellt oder darstelle;! sollte. Luch hilft gegen die jüdische Gleichgültigkeit der Staat. Dem jüdischen Volke hilft keine Macht gegen seine Gleichgültigkeit. Jüdisches Geld, aber nicht jüdischer Lifer wird zwangsweise einkassiert. Wir Zionisten kennen diese Gleichgültigkeit der Juden, die ärger ist •\)!s ihre witzelnde Opposition und leiden unter ihr. Ihr s-'ii.i uns viele Seelen schuldig, ihr Herren Rabbiner, und ich hätte fast gesagt; viele Schekolim.. Und ihr >eki uns von allen jüdischen Rätseln das grösste, das unbi-'-reuHciiste, das peinlichste. Ihr könntet die Führer eliips Volkes sein, zu seinem Segen und zu eurem Ruhme. Statt dosten geht ihr ihm voran in der traurigen Kunst, das eigene Interesse zu verkennen!U;<[ zu verraten: und wie ihr die Interessen eures Standes, so verrät unser armes Volk seine einzige Zukurut. Ihr verweigert Euch dem Konkordate, das die Cos loa eures Volkes euch anbieten — in einer Zeit, da die Geistlichkeit aller Konfessionen ängstlich auf das tranzösi^che Beispiel einer Konkordatsaufhebung blickt.. Wie w^r«-- es nuw wenn ihr euch zum Termin .tos kommenden Versöhnungstages reuevoll bekehrtet? fcs. -si genug „protestiert" worden, denke ich, nun ist es Z den Ruf der jüdischen Vernunft zu wahren. Ehe dus jüdische Volk als sein eigener Exekutionsheuml.er b<u euch eintreibt, was ihr ihm schuldig geblieben seui. stosst von euren Kanzeln alte Sünden herab und schmückt sie mit alten Tugenden, darin eure Vorfahren Beispiel und Muster waren. Um es mit einem Worte zu sagen; vereinigt die Zukunft des jüdischen Gotteshauses mit der Zukunft des jüdischen Staates. Grosse und kleine Juden. W i e n, im September. In Wiem ist der offizielle Antisemitismus in der letzten Zeit auffallend still geworden. Er schreit nicht, er schlägt nicht um sich, €r hat keine judenfresserischen Manieren. Wir haben seit jeher eine grosse Zahl Nüancen der äusserlichen Betätigung der Judenfeindschaft unterscheiden können, vom „Salonantisemiten", der des öfteren auf die Ministerbank und auf den Pairssitz geladen wurde, bis herab zu dem Bramarbas der Vorortekneipen. Dazwischen stehen in mannigfachen Abstufungen die Agitatoren des Parlamentes und der Volksversammlungen. Das ist der Durchschnittstypus, denn er lässt am häufigsten die Saite ertönen, die im Gefühle der Masse ihren Widerklang findet. Wer unter diesen am lautesten schrie, der hatte es stets bei den Seinen gewonnen. Dr. Lueger schrie so lange, als noch ein Laut in seiner Kehle war, Er hat es jetzt nicht' mehr nötig, denn er ist eine Macht geworden, er wird auch gehört, wenn er leise spricht, denn 'dann schweigen die anderen. Der Mächtige kann des Stimmaufwandes entraten. Von .Judenherrschaft in Stadt und Land hat er wettern dürfen, so lange er nicht selbst das Land beherrschte. Jetzt ist die Zeit der T a t gekommen, die Zeit des praktischen Antisemitismus. Auf allen Gebieten des städtischen Lebens schwingt er über den Juden seinen Stock. Aus dem Dienste der Gemeinde hat er die Juden verjagt, ob sie nun rechtskundige Beamte seien oder auch bloss als Pferdewärter und Wageureiniger ihr kärglich Brot verdienten. Ob einer als Lehrer geistige Nahrung reichen wollte oder als Gastwirt leibliche: der Antisemitismus versperrte ihm den Markt, wo immer irgend ein Gewerbe bloss mit Bewilligung der Behörde betrieben werden darf, blieb diese Bewilligung den Juden versagt; und sollte jemand, das Schatzkästlein des Hausierers von Kaffeehaus zu Kaffeehaus tragend, auch nur aus Zahnbürsten und Hemdknöpfchen Gold schlagen wollen — auch zu diesem Paradiese wird den Juden, bald die vielbelagerte Türe verschlossen. Und trotzdem tönte den Führern plötzlich bald von einem, bald vom anderen aus der Masse die Mahnung entgegen: man fürchte, dass sie nicht mehr die alten Judenhasser seien. Man glaube, die alte Feindschaft sei verflüchtigt. Und jene, die trotz des Schadens der Juden noch immer nicht den eigenen Nutzen sahen, Hessen allerlei Mutmassungeu laut werden, es gehe etwas nicht mit rechten Dingen zu .... Noch mehr geschah: Selbst den. der r.hs Frfiwlerrcclu pm „Schussgeld" hat, hielt mau schon für einen halben Ueberläufer. Und er musste öffentlich auf seine Reden im Gewerbcausschusse des Parlamentes verweisen, um glaubhaft zu machen, dass er, wenn auch „alt, so doch der Alte" sei. Man darf ihrn's glauben. Tatsache ist also: Die grosse Zahl der Juden wird schwer von den Streichen der Feinde getroffen; die Führer des Antisemitismus aber gehaben sich so, dass man an ihrer Judenfeindschaft zweifelt. Heucheln sie? Hinterrücks schlügt man doch nur den. dessen Rache man sonst zu fürchten hat Vor den kleinen Juden können sie wahrhaftig ganz ruhig sein, die schlagen nicht zurück. Wem also gilt ihre Freundlichkeit? Den reichen Juden. Hier in Wien sieht man wieder einmal, wie die Schwachen für die Starken büssen müssen. Die ganze Wut, die den Antisemitismus entfesselte, war docii stets gegen das „jüdische Kapital" gerichtet, gegen die „Vor-