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Die Welt · 1905-09-15 · 37 (15.9.1905) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
37 (15.9.1905)
Date
1905-09-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 37 „bis Weit" Seite 7 Glück, dessen wir trotz aller Emanzipation vergeblich in dumpfem Sehnen harren? Man braucht sich aber keineswegs mit dem Aeusseren zu begnügen! Man gehe ihnen in die Arbeit nach! Man forsche ihre Arbeitgeber und ihre Kameraden aus! Gewiss wird man dann auch Schlimmes zuhören bekommen, darunter solches, was auch nach Abzug von Klassen- und sozusagen nationalem Vorurteil, von Konkurrenzneid und sonstiger Missgunst schlimm genug bleibt. Aber es handelt sich ja auch gar nicht darum, dass sie weiss Gott was für Tugendspiegel sein sollen. Entscheidend ist vielmehr, dass ihre Tüchtigkeit und Gediegenheit binnen kurzer Zeit allgemeine Anerkennung gefunden haben. Die russisch-jüdischen Arbeiter sind eine Spezialität geworden, die man sucht. Es gibt selbst christliche Betriebe, die sie gerne beschäftigen. Anbei sind sie von jenem Gefühle der Klassensolidarität erfüllt, ohne das man sich einen modernen und ethisch nicht wertlosen Arbeiter gar nicht mehr vorstellen kann. Sie haben jenen namhaften Wiener jüdischen Sozialdemokraten, der dem Verfasser dieses Aufsatzes gegenüber noch vor einigen Jahren, in gutem Glauben und wahrlich nicht ohne relative Berechtigung, den jüdischen Arbeitern die proletarische Verlässlichkeit und die proletarische Ausdauer absprach, gründlich widerlegt. Nun kann er sich in seiner nächsten Nähe Beweise des Gegenteils holen; allerdings dürfte er jetzt ohnehin schon längst durch Beweise aus der Ferne, die ihm die Arbeiterpresse mitteilt, eines Besseren belehrt sein. Kurz, von welcher Seite wir sie fassen — immer lehren uns die russisch-jüdischen Arbeiter einen bisher unbekannten Juden kennen, einen Juden, der — um unsere erste, durch Anpassung verirrte Empfindung offen und ehrlich auszusprechen — wie ein „Christ" auf uns wirkt. Wie ein Christ! Das heisst, aus der Sprache unserer unklaren, tastenden Sehnsucht in die Sprache klarer Zurechnung übersetzt: Wie ein Mensch, der aufschaut, der auftritt, der aufschreit, der um sich blickt und um sich haut, dem weder sein eigenes noch irgend ein fremdes Ich Schrecken einjagt, der stolz und gross, ein echtes Kind der Sonne dahinschreitet! Wie ein „Christ", das heisst, wie ein Deutscher, ein Franzose, ein Russe, der ein deutscher, ein französischer, ein russischer Mensch ist. Wie ein „Christ", das heisst, wie ein Jude, der ein jüdischer Mensch ist. Und nun wissen wir, wie die russisch-jüdischen Arbeiter zu ihrem Glücke, zu ihrem Vorzuge vor uns gelangt sind. Nun wissen wir, dass wohl ihr wirtschaftliches Geschick sie aus der dumpfen, dunklen Masse ihrer Brüder zur Reife der Tat und Tätigkeit emporhob, aber dass sie von dort, Avoher sie kamen, das Entscheidende mitnehmen mussten: die Zugehörigkeit zu einem unzerstückelten, un an gefaulten, lebensechten, voilmenschlichen jüdischen Volke. Nun wissen wir, warum „selbst" ihre jüdische Sprache nicht hindert, dass sie wie „Christen" auf uns wirken. Nun erkennen wir, dass sie aufrechte Kinder der Sonne geworden, während wir noch gebeugte Wanderer der Nacht sind. Pantarhe i. Brief an die Rabbiner. Meine Herren Rabbiner! Was denken Sie von der Aufhebung des Konkordats in Frankreich? Von der Rückwirkung dieses demokratischen Elementarereignisses auf die Stellung Ihrer Herren Kollegen in den französischen Synagogen? Vermutlich ist diese Frage bereits in einer der vielen stillen und unausgefüllten Stunden Ihres Lebens vor Ihnen aufgetaucht und hat Ihr genossenschaftliches Interesse erweckt. Und ich fürchte, Sie haben mit der Antwort, die Sie auf die Frage reimten, eine Sünde gegen das Gebot der Nächstenliebe begangen. Denn Ihre Antwort dürfte gewesen sein: „Was geht's uns an? Wir sind weit vom Schuss!" Ihre Antwort ist freilich im Gegensatze zu mancher anderen, die Sie auf moderne Fragen gegeben haben, auch richtig. Den französischen Rabbinern konnte es passieren, dass die Guillotine, die das Band zwischen Kirche und Staat zerschnitt, auch ihnen so nebenbei den Brotlaib beschnitt. Denn vorher genossen sie den Schutz, den Segen des Konkordats. Bei uns in Oesterreich gibt es kein Konkordat — kein offizielles. Sie, meine Herren Rabbiner, haben vom österreichischen Staate keinen Gehalt bezogen. Nicht der Staat ist es, der Ihnen den Gehalt wieder sperren kann. Bei gewissen Anlässen werden Sie vom Staate — von den Beamten, die ihn bei Feierlichkeiten vertreten — mit angenehmer Höflichkeit behandelt. Manchmal darf der israelitische Seelsorger neben dem Bischof stehen. Der Mann der Staatskirche hat's besser und dawider soll m^n nicht murren. Es bleibt genügend viel Grund zur Dankbarkeit. Der Staat zahlt Ihnen zwar keinen Gehalt — dennoch ist er es, der Ihr hoffentlich angenehmes und sorgenloses Dasein ermöglicht oder garantiert. Nämlich, meine Herren Rabbiner, die jüdischen Kultussteuern unterscheiden sich nur unwesentlich von anderen Steuern. Auch sie haben nur in ganz seltenen Fällen den Charakter eines freiwilligen Beitrages. Aber im allgemeinen würde die jüdische Kultussteuer — auch in den grösseren und grössten Gemeinden, und in diesen erst recht — wenn sie auf guten Willen und Freiwilligkeit gestellt wäre, kaum ausreichen, um die Besoldung eines Rabbiners, von einer reichlichen Besoldung ganz zu schweigen, zu ermöglichen. Zum Glück ist lieb Oesterreich — fromm Oesterreich. Und zwar nicht bloss, wenn auch in erster Linie, katholisch fromm, sondern auch, im übertragenen Wirkungskreise protestantisch fromm, jüdisch fromm. Der Staat will, dass seine Bürger fromm seien; weil es nach 1789 und 1848 nicht anders geht; fromm nach ihrer Konfession und mit der Aussicht auf die Seligkeit ihrer Facon. Und weil er das will, treibt er auch vom widerwilligen Juden die Kultussteuer ein, von der ihr lebt, ihr Herren Rabbiner. Es gibt viele widerwillige Juden. Die Tatsache steht fest. Lest die Statistiken des jüdischen Abfalles durch. Lasset unsere Schulkinder vor euch defilieren und haltet dann mit ihren Eltern Gercle: bittet die Eltern um rücksichtslose Antworten auf unumwundene Fragen. Und ich wage zu prophezeien, dass ihr hernach erstaunt sein werdet, in eurem Tempel überhaupt noch Minjans — nebst den Minjans der Leidtragenden — zusammenzubekommen. Dies aber wäre der richtige Augenblick, dass ihr euch mutig fragtet: „Wieviele Juden gibt es, die, ohne staatlichen Zwang, ihren Beitrag dazu leisten würden, dass ich für ihre Seelen sorge?" Wenn in öffentlicher Versammlung Schussgeld für erfolgreiche Judenjäger verlangt wird, rührt sich der Staat nicht, dessen Pfändungsämter eure Existenz garantieren. Er zuckt die Achseln, wenn zu jeder Zeit und in allen Strassen der Jude beschimpft, dem Spott, dem Hass und der Verachtung preisgegeben wird. Ihr wisst es selbst, was alles unterhalb der planen Gesetzlosigkeit einesSchechitaverbotes dem Juden geboten werden darf, ohne dass der Staat ihn schützt — dieser Staat, dessenExe-

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