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Die Welt · 1905-09-15 · 37 (15.9.1905) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
37 (15.9.1905)
Date
1905-09-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 „Di* # Welt Nr. 37 darauf schliessen, dass wir zur leichtsinnigen Vergeudung unseres heiligen Schatzes geneigt sind. Nach unserer ebenso heiligen Ueberzeugung mussten wir die Gefahr eines Verlustes laufen, weil nur auf diesem Wege der Nationalfonds seine Bestimmung erfüllen kann, und wir durften sie um so eher laufen, weil der Verlust eines Teiles dieses Volksschatzes, ja selbst des ganzen, völlig verschwindet neben der ungeheuren Katastrophe, die eintritt, wenn unser Versuch, eine Kreditbasis zu schaffen, scheitern sollte. Wenn das Schiff des Zionismus mit Mann und Maus versinkt, dann mag das Geldspind mit zugrunde gehen: ich wenigstens habe gar kein Interesse mehr an dem Nationalfonds, wenn der Zionismus aufgehört hat zu existieren. Nur der Zionismus kann seinen Schatz aussäen, um ihn in hundertfältiger Ernte in seinen Scheunen zu bergen, ihn wieder auszusäen und wieder zu verhundertfachen : ist der Zionismus einmal tot, dann ist der Jewish Colonial Trust eine gewöhnliche Bank mit Filialen im Orient und der Nationalfonds ein Bettel, gut genug für ein paar Almosen! Heiliges Geld, jawohl! Heilig in dem Sinne, dass jede Hand, die danach greift, gelenkt wird von einem Hirn, das in reiflicher Ueberlegung und wiederholter Selbstprüfung sich seine Pläne klar gemacht hat, und von einem Herzen, das von Liebe zu seinem Volke glüht; heilig in dem Sinne, dass auch nicht ein Pfennig dem Zwecke entfremdet wird, für den ihn die Aermsten der Armen sich vom Munde gespart haben: aber nicht heilig in dem Sinne, dass es auch an das Höchste nicht gewagt werden soll. Wir haben den Schatz nicht aufgebracht, damit die Hohepriester sich an seinem Glänze e rlaben sollen, wie Geizkranke es lieben; ein Krieg ss c h a t z sollte er sein für unseren Kampf um Recht und Freiheit — wahrlich, wir setzen Wichtigeres und Teureres ein als das Geld. Ein schlechter Feldherr, wer nicht rücksichtslos seine Bataillone für den Krieg einsetzt — und wir sollen nicht einmal Geld einsetzen? Sollen wir Pfennig auf Pfennig häufen und, wenn die Pfennige, nicht mehr einlaufen, weil wir nicht einmal der Hoffnung das wenige haben bieten wollen, was sie braucht, um am Leben zu bleiben, Zins auf Zinseszins häufen und abwarten, bis die letzten der Zionisten beschliessen müssen, den Nationalfonds der Ica oder der Alliance oder der Nationalbibliothek zu überweisen? Sollen wir den Volksschatz sicher verlieren — denn ihn seinem Zweck entziehen, ist nichts anderes als ihn verlieren — um der Möglichkeit eines Verlustes zu entgehen? Dann handeln wir wie jene Unglücklichen, die sich aus Furcht vor einem Duell erschiessen! Vorsichtig müssen wir sein, das ist heilige Pflicht — aber feige dürfen wir nicht sein, das wäre schlimmste Pflichtverletzung. Hat man uns auf unsere Stelle gestellt, so sind wir den Mut schuldig, es auch auf eine Niederlage zu wagen und auch auf die Flüche, die ihr folgen werden. Doch was ereifere ich mich! Diese ganze Besorgnis konnte nur auftauchen, weil die Aengstlichen nicht verstanden, was unsere kleinkolonisatorischen Pläne bedeuten. Der verehrte Herr Dr. K a h n hat eben auch geglaubt, wir treiben nur Rachmones-Kolonisation. Und dafür wäre in der Tat alles Geld zu heilig, auch wenn es nicht der Nationalfonds wäre. Für das aber, was wir" wollen, dürften wir mit freier Stirn das Geld aus der Bundeslade im Allerheiligsten holen. Denn wir wollen es nicht ausgeben, sondern aus säen; wir wollen nicht ein Grosses wagen, um ein Kleines zu gewinnen, sondern ein Kleines, um das Grössle zu gewinnen. Das heilige Geld soll uns den einen, einzigen, unentbehrlichen festen Punkt, das -on des Archimedes, schaffen, um eine Welt des Unrechts und Elends aus den Angeln zu heben. Zu anderem ist es nicht bestimmt, zu mehr reicht es nicht und braucht es nicht zu reichen. Und reicht es nicht — dann mag es mit all unseren Hoffnungen, Plänen und Träumen versinken. Es soll uns schaffen:!! DIE KREDITBASIS!! Von Juden, die wie — „Christen" auf uns wirken. Russische Juden sind im Westen namentlich denjenigen, die in der jüdischen Bewegung stehen, schon lange bekannt. Man fand sie etwas primitiv zwar, aber sympathisch; besonders genoss man ihren „Idealismus11 gerne. Sie gefielen. Doch das war auch alles! Sie — Hessen den Nüchternen nüchtern, und versetzten den Enthusiasten nur in leise, wohlige Schwingungen, in ein Behagen, das ohne Seher- und Schöpferkraft war. Kein Wunder, denn sie überraschten nicht. Sie taten keine neuen Ausblicke auf. Sie brachten den neuen Juden nicht, auf dem man wartete wie auf den Messias. Leute wie die, sagte man sich instinktiv, findet man am Ende auch bei uns. An naiven Schwärmern hat es ja dem jüdischen Stamme nie und nirgends gefehlt. Was er braucht, sind naive Kernmenschen! Und dann — es waren nur Intelligente. Wer mochte wissen, wie das Volk war. Man hörte ja Schauerliches von seinem Aberglauben und seiner Verkommenheit. Wahrscheinlich rechtfertigte es auch das Vorurteil, das man den näher wohnenden und bekannteren unter den östlichen Juden seit jeher so reichlich entgegenbrachte ...... Da kamen die Ereignisse der lezten Jahre und rollten uns eine Woge des Volkes selbst her. Allerdings nicht von dort, wo es noch in krampfhaft bewahrter Altertürnlichkeit gegen die neue Zeit standhält. Mit einer solchen Probe wäre uns aber auch wenig gedient gewesen. Stehen doch die meisten von uns diesem jüdischen Volkselemente zu fremd gegenüber, als dass sie sich über sein innerstes, charakteristischestes Sein, das ja gleichbedeutend mit seinen Möglichkeiten ist, sollten eine sachliche, vorurteilsfreie Meinung bilden können. Da war es ein Glück, dass die Woge von dort stammte, wo sich das russisch-jüdische Volk aus der Altertümlichkeit schon herausgekämpft hat: aus dem arbeitenden Proletariat. Nun sehen wir uns Menschen gegenüber, die für uns schon fassbar sind. Und diese Menschen bereiten uns plötzlich die Ueberraschung, auf die wir zu hoffen schon fast vergessen hatten: Sie lehren uns den neuen Juden kennen. Schon das Aeussere fällt auf. Nicht dass ein ziemlicher Prozentsatz einen anderen Typus als denjenigen hat, welchen man im Westen jüdisch zu nennen pflegt! Das mag nur die Anbeter aller „Arischkeit" befriedigen oder kann höchstens als eine gelungene Ironie des Schiksals auf diese, die sich gewöhnlich mit einem sehr jüdischen Exterieur herumtragen müssen, begrüsst werden. Etwas anderes ist es, was den ernsten Beobachter fesselt: Zunächst die Häufigkeit kräftigen, ja selbststattlichenKörperbaues, dann aber ganz besonders die ungezwungene, selbstsicher-bescheidene, anmutend-derbe Haltung, welche die russisch-jüdischen Arbeiter dem eingeübten Auge auf den ersten Blick kenntlich macht. Erstaunt fragt man sich: Wo haben sie nur dieses Auftreten hergenommen? Wie kommen sie in der Judengasse des Ansiedlungsrayons zu diesem

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