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Die Welt · 1905-09-15 · 37 (15.9.1905) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
37 (15.9.1905)
Date
1905-09-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 37 „bie $ w^it" Seite 3 das Los 4er Kleinen besorgt, die der Aufsicht und Pflege einer liebenden Mutter beraubt sind. Und zahlreich sind solche und ähnliche Opfer, von denen keiner etwas weiss, über deren Schicksal kaum etwas in die Oeffentlichkeit dringt. Diel von Juden inszenierte Revolution ist durch die Hüter der Ordnung in Bialystok bezwungen und besiegt worden; ob auch diese) Opfer, die liier als Beispiele angeführt wurde», 'ihr Schicksal verdient haben, werden diejenigen beurteilen, welche diese Zeilen einst lesen werden, wenn sie historisch geworden sind. Das allerletzte Ereignis spielte sich im alten, in Europa und ausserhalb desselben* weitberühmten K i s c h e n e w ab. Eine jud;«v\ie Erau wurde ohne Grund und Ursache erstochen. Eime arme Mutter von vier Kindern, deren Vater vor einigem Monaten gestorben ist. Ein junger Mann lief dem Mörder nach und wurde von diesem mit einem Messer schwer verwundet. Man denke sich, welche Aufregung diese Tat hervorrufen musste. Die Polizei sali ruhig der Ansammlung vor dem Traiterliause zu. Erst als der Leichenzug in Bewegung war, sehlicheui sich die Hüter der Ordnung aus ihren Verstecken hervor und hieben erbarmungslos auf die Menge los. Aus der Menge fielen Schüsse, und — ein Blutbad entstand, wie. es schon lange nicht gesehen wurde. Wie viele Verwundete es. gegeben hat, darüber miisste mau die Polizei befragen, denn diese verbot strengstens, d i e V e rw u n d e t e n i n d a s j ü d i s c h e Spital z u ü b c r -! ü h r e n, u n d g a b d en B e f e h I, sie i m S e m s t w o- Spital und in dem des O e f a u g e u h a u s e s u n t e r z u b r i n g e n. So wundem im jüdischen Spitale mir 9 Schwerverletzte (darunter zwei lebeusgefährlicli) und 12 Leichtverletzte untergebracht. Die Verwaltung des Seiustwoispitales verweigert jede Auskunft über die Zahl der Verwundeten, die über 50 betragen soll. Will man dieses traurige Ereignis der Oeffentlichkeit entziehen? Ist es schon so weit gekommen, dass man sich in Kischenew vor der öffentlichen Meinung zu scheuen beginnt? Es scheint fast, dass es so ist. Denn auch das Postamt verweigerte die Annahme eines Telegrammes über die Ereignisse am das Wilnaer Tagblatt „Hasman", das die Nachricht erst zwei Tage später nach brieflicher Mitteilung bringen konnte, nachdem es im Auslande bereits im allen Details bekannt worden war. Und nun, da es draussen bekannt ist, wird man es verhüten, dass Sich solche Ereignisse wiederholen? Gott allein weiss es! M. Bendo w. Grosskolonisation, Kleinkolonisation und öffentlich rechtliche Sicherung. Von Dr. Franz Oppenjheimer. In der zionistischen Presse und auf dem letzten Kongress ist diejenige Aktion, die auf meine, wenn ich so sagen darf „Autorität* hin beschlossen und auch schon begonnen wurde, die Errichtung von Modellkolonien in Palästina noch vor Erringung des Charters, in letzter Zeit mannigfacher Kritik unterzogen worden. Ich erkenne gern an, dass diese Kritik im allgemeinen nicht nur massvoll, sondern sogar liebenswürdig war; dennoch halte ich mich im eigenen Namen und demjenigen meiner Herren Kollegen von der Palästinakommission, die mit mir auch in dieser Hinsicht völlig einer Anschauung sind, für verpflichtet, die Kritik antikritisch zu beleuchten. I. Siedlungswerk und Kleinkolonisation. „Die Palästinakommission bezweckt die Anlage einzelner Ackerbaukolonien im heiligen Land ohne öffentlichrechtliche Sicherung." So hörten wir sprechen. „Genau dasselbe hat Rothschild, hat der Verein „Esra", hat die Geulah usw. bezweckt und zum Teil ausgeführt. Das ist aber nicht nur für die zionistische Bewegung ohne Wert, sondern es ist überhaupt ohne Wert. Es hebt einzelne aus der Judennot — vielleicht: was hat die Gesamtheit davon? JNichts." Wenn man's so hört, möchts leidlich scheinen! In der Tat: wir wollen einzelne Kolonien ohne öffentlichrechtliche Sicherung ins Leben rufen, In der Tat, wir können dadurch unmittelbar, im günstigsten Falle dadurch nur diejenigen Kolonisten aus der schlimmsten Judennot heben, die wir für das Werk auswählen. In der Tat, unser Vorgehen gleicht dem der Kolonisationsvereine wie ein Ei dem andern. Nur, dass der klügste Mann eben einem Ei nie ansehen kann, welcher Vogel auskriechen wird. Und auf den Vogel kommt es hier allein an. Wir sind der festen Hoffnung, ja, Ueberzeugung, dass aus dem Ei, das wir dem heissen Boden Palästinas zum Ausbrüten anvertrauen werden, kein ehrsamer Haushahn auskriechen wird, zufrieden, auf seinem kleinen Hühnerhöfchen zu scharren, sondern ein Vogel Roch, der nicht eher aufhören wird zu wachsen, als bis seine gewaltigen Flügel das ganze Land beschatten. Und das unterscheidet uns eben von den Wohltätigkeitskolonisatoren, die Gott danken, wenn aus ihren Eiern Zwerghühnchen auskriechen. Mit kurzen Worten: was den Kolonisationsvereinen Zweck ist, ist uns Mittel zu einem viel grösseren, viel umfassenderen, viel grundstürzenderen Zwecke. Wer meine Stellung zu den allgemeinen sozialen Fragen auch nur von weitem kennt, musste das ohne weiteres von einer Aktion annehmen, an der ich in leitender Stelle beteiligt bin. Denn ich habe schon in meinem ersten Werke zum Kriterium jeder sozialen Hilfstätigkeit die Frage gemacht, ob sie pr i v at w i r t s c h a f 11 i c h wirkt, dass heisst einzelne aus ihrer Klasse hebt, oder volkswirtschaftlich, dass heisst die Klasse als Gesamtheit hebt; und ich habe von jeher jede Aktion abgelehnt, die nicht „volkswirtschaftliche" Wirkung verhiess. Man durfte mir zutrauen, dass ich gegenüber der unendlich dringenden Not meiner eigenen Blutgenossen, meinem eigenen Programme nicht untreu werden würde, dass ich nicht versuchen würde, mein Mitgefühl and Pflichtgefühl durch Beteiligung an lediglich p r i v a t w i r t s c h af 11 i c he n Aktionen zu betäuben. Was die Kolonisationsvereine taten und tun, das ist privatwirtschaftlich gedacht, will einzelne aus der Klasse lieben: was wir tun, ist volkswirtschaftlich gedacht, will die Gesamtheit heben. Was jene tun, ist jedes Mal ein Ende, ein erfüllter Zweck und fängt mit der Gründung jedes neuen Bauernhofes wieder von vorne an: was wir tun wollen, ist ein Anfang, ist ein Mittel. Jene legen Stein auf und neben Stein, und reden sich bestenfalls dabei ein, dass allmählich daraus ein Haus werden könnte, gross genug, um einige tausende zu beherbergen; wir pflanzen Baum neben Baum, jeder einzeln gedacht als Mittelpunkt einer aus seinereigenen Wachstunisenergie entsprossenen Waldung der Zukunft, in der Hoffnung, dass hieraus ein Wald entstehen soll, der Millionen Schatten spenden wird. Was wir wollen, hat daher mit der Rachmones- Kolonisation nichts gemein, als eine flüchtige, äussere Aehnlichkeit der ersten Anfänge. Schon die allernächste Zeit muss zeigen, wie verschieden die beiden Bestrebungen gemeint sind: de n n was den Kolonisations-

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