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Die Welt · 1905-09-15 · 37 (15.9.1905) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
37 (15.9.1905)
Date
1905-09-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 „Me # w$it" Nr. 37 Stationen unseres Golus hinein! Denken wir, wir würden vom Pöbel zu Bettlern gemacht, unsere Söhne würden bei der Gegenwehr erschossen, wir würden zu alldem in den Kerker geworfen und unsere Bitten um Hilfe verhöhnt — vielleicht erweckt uns das doch so weit, dass wir mit aller Kraft dieser Methode des Wahnsinns eine wirksame Methode der Abwehr entgegensetzen. Die Wahrheit sehen, heisst Unglück sehen in der Gegenwart und alle Furcht haben für die Zukunft. Die Zeit des Liberalismus hat die Jagdsaison im Ansiedhmgsgebiete nicht unterbrechen können. Mache jeder selbst einen Rundblick auf die übrige Welt: Er mag selber sehen, ob ihm irgendwo ein Lichtpunkt entgegenschaut, der sich nicht fortwährend verkleinert. Wo nun zugreifen und etwas machen? Manche Leute, denen es in Europa schlecht geht, wandern nach Amerika aus und werden irgendwo im fernen Westen Farmer, Bauern. Und eines schönen Tages baut man eine Eisenbahn zu ihnen heraus und es entsteht wie durch ein Wunder eine Stadt und sie blüht wie durch ein Wunder. Natürlich ist das nur für Amerika möglich und für Amerikaner, Andere Leute bleiben schön in Europa und sehen gefühlvoll zu, wie ihre Brüder zu Hause wie wilde Tiere gejagt, im Auslande wie Verbrecher auf den Schub gegeben und wie Aussätzige ausgesperrt werden. Das sind Leute von berühmter Klugheit. Wenigstens bilden sich die Juden letztere Eigenschaft ein. J. Upfimny. Aus den letzten Tagen. Endlich liegen Einzelberichte vor aus manchen Städten, wo Judenmetzeleien stattgefunden haben, haarsträubende Einzelheiten, die jeder Beschreibung spotten. Ergreifend sind die Berichte aus B i a 1 y s t o k, die im „Hasrnan" veröffentlicht werden. Hier haben sich die „Hüter der öffentlichen Ordnung44 das ärmste und elendste Viertel zum Schauplatz ihrer Amtswaltung auserkoren, das Judenviertel, in dem die Aermsten und Elendsten in Kellern und niedrigen, halb in den Erdboden versenkten Hütten hausen. Und ihre Geschosse trafen umso leichter und sicherer, als es ja galt, an unschuldigen Greisen, Frauen' und Kindern die von Juden veranstaltete „Revolution" zu rächen. Die Schüsse trafen umso sicherer, je ahnungsloser die Opfer waren und je weniger sie sich einer Versündigung gegeai die öffentliche Ordnung bewusst waren. Als der Knall der Schüsse einige Augenblicke verstummt war, begab sich der 65jährige IsaK Slan in das gegenüberliegende Bethaus zum Abendgebet, trotz der eindringlichen Abmahnungen seiner Familie, die, schwer besorgt, aus den Fenstern ihm nachblickte. Dort befand sich bereits ein Verwundeter, der beim Achtzehngebet'4 von einer Kugel niedergeworfen war. Der alte Slan verliess das Bethaus und — vor den Augen der Seinigen, die am Fenster seiner harrten, fiel er, von einem Schuss getroffen, nieder. Einige Augenblicke später lag neben seinem Leichnam auch der seines zu seiner Rettung herbeigeeilten 20jährigen Sohnes. Die übrigen Familieriglieder haben sich durch schleunige Flucht gerettet. Ein Greis, Chaim Schuster, ging zufällig auf der Strasse und wurde erschossen. Seine christliche Nachbarin mit ihren Töchtern rief um Hilfe und es erschienen Samuel Sklowski, der bei seiner Braut zu Besuch weilte, Michael G a r b e r und Alter B e 1 o s t o c k y. Der erste hatte kaum das Tor geöffnet, als ihn eine Kugel tödlich traf. Die Kugel drang durch seinen Körper und verwundete die beiden anderen, auf die sicherlich noch weitere Schüsse abgegeben worden wären, wenn nicht das Tor eilig gesperrt worden wäre. Der alte Bethausdiener verliess in Gesellschaft . eines Zweiten das Bethaus, Auf die Warnung des Vorstehers traten sie den Rückzug an, aber der Alte fiel, vom einer Kugel getroffen, nieder, bevor er wieder dasi Bethaus erreichte. Eine Bewohnerin eines Kellers stand an der Türe und! als sie sich vor den Schüssen flüchtete und die Türe sperrte, lief ihr ein Soldat nach und streckte sie mit einem Schusse nieder; sein tapferer Kamerad dagegen hieb mit einem Messer eine Hand der Toten ab und beide entfernten sich gemütlich. Ein elfjähriger Knabe, David Zukrowitz, stand auf der Treppe und ass Brot mit Rettich. Es trat ein Schütze ein und tötete ihn. Im Hause des Schusters Kalmam Z a j a c weilte die zwölfjährige Tochter der Freide Kupi'tz, die durch einen Schuss ins Fenster verletzt wurde. Ihre herbeieilende verzweifelte Mutter, eine arme Witwe, wurde tödlich von einer Kugel verletzt. Das Mädchen befindet sich im Spital und wenn sie dasselbe genesen verlässt, erwartet sie ein grausames Leben eines doppelt verwaisten Kindes. Der Besitzer einer hebräischen Kinderschule (Cheder) Hirsch Lew in schilderte dem Berichterstatter eine Schreckensszene, die er mit seinen kleinen Schülerin durchgemacht, wie sie grausamer und schrecklicher nicht gedacht werden kann. Die Kinder kamen> ins Cheder, das aus drei kleinen engen Räumen besteht. Als Schüsse hörbar wurden, befahl Lewini den Kindern, sich auf dem Fussboden niederzulegen. Seine eigenen Kinder lagen in den Betten, während seine Frau mit einem Säugling in den Armen auf der Erde sass. So erwarteten sie eine halbe Stunde lang den sicheren Tod. Ausnahmsweise erregte diese Position das „Mitleid" des Mörders1, der ins Fenster blickte, er schoss durch ein anderes Fenster in das Zimmer, wo die Kinder in den Betten lagen, geradeaus auf die Betten. Glücklicher weise verfehlten die Schüsse ihr Ziel und die Insassen kamen mit blossem Todessehrecken davon. Ein Schuster, Araham Leib Goldberg, 45 Jahre alt, sass gegen Abend am Fenster und las andächtig die Psalmen. Da traf ihn eine Kugel und sein blutender Kopf sank auf den Psalter. Ein zwölfjähriger Knabe namens Zitron, der älteste von sechs Kindern armer Eltern, rief in seine: Stube alle Kinder des Hauses zusammen, um sie zu beschützen, nachdem in ihrer Gasse eine schwangere Frau getötet worden war. Er legta seiine Kameraden auf die Erde und stellte sich selbst als Schutzmauer vor die Wiege des Säuglings. Plötzlich drang eine Kugel durch die geöffnete Tür ein, die ihm den Fuss durchdrang und zugleich eine dort anwesende arme Witwe, Mutter von dreii kleinen Kindern, schwer verwundete. — Um des Himmels willen1 — jammerte die Mutter des Knaben dem Berichterstatter entgegen — „weshalb geschah es denn? Weil er seine kleinen Geschwister mit seinem Körper beschützen wollte? Weshalb? Wofür? ..." Die; Arme wellte eire Antwort auf eine Frage, die so einfach und doch so schwer zu beantworten ist! Im Hause eines Buchhalters namens L i e b e r m a n n. Dessen 28jährige Frau wurde an der Schwelle ihrer Wohnung erschossen. Auch ihr Bruder wurde von derselben Kugel schwer verwundet. Ihre Mutter warf sich den schiessenden Helden zu Füssen und flehte um ihr Mitleid. Unter Androhung des Todes musste sie ihr Vermittlungswerk aufgeben. Vier kleine Kinder umstehen ihren Vater und bücken furchtsam den Berichterstatter mit seinen Begleitern an. „Vater, man schiesst,4' stammelte ein dreijähriges Mädchen angstvoll, und der schwergetroffene arme Vater hat Mühe, seine kleinen Waisen zu trösten und zu beruhigen. Der Arme, der kaum sein tägliches Brot verdient, ist um

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