Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 37 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion und Administration: WIEN IX., Türktnstrasso Nr. 9. Telephon 14.199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaktion oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und unverlangte Manuskripte weder zurückgesendet noch aufbewahrt. Preise der Anzeigen : laut aufli«g«nd«m Tarif. Der Inseratenteil wird Dienstag abend« geschlossen Einzelne NumnirR 30 Haller. RP7IBf1Qnroico* Oesterreich-Ungarn: ganzjährig Kr. 12.—, halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr. 3.—. Für das Ausland: UGAUyDgJI öldü. Deutschland ganzjährig Mk, 13.70, halbjährig Mk, 6.85, vierteljährig Mk. 3,45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R„ 7.—, halbjährig R. 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17.—s halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig Frcs. 4.25, Amerika ganzjährig Doli, 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. —.85, Nr. 37. Wien, 15. September 1905. — 15. Elul 5665. 9. Jahrgang. iagdsaison, Schnell fertig mit dem Wort, hat der Mitarbeiter einer Wiener Wochenschrift der zionistischen Presse tendenziöse Schwarzfärberei vorgeworfen. Das ist ein widriger Anwurf voll tückischer Gefährlichkeit. Er muss um so energischer an die Wand gedrückt werden, als er ein häufiger Gegner unserer Agitationsarbeit ist, und weil er unsere stolze Eitelkeit auf die Reinheit unserer Mittel und Ziele tief verletzt. Wir handeln in der Erkenntnis, dass im Kampfe um ein Ideal Wahrheit, Vernunft und Recht die wirksamsten Waffen sind. Es ist wahr, dass wir oft den Bericht darüber vergessen, wenn man gewissen Juden den Franz Josefs- Orden an den Christbaum ihrer Kinder hängt oder dass irgendein weisser Rabe mit einer gebogenen Nase in ein kaiserliches Vorzimmer hineingeflogen ist; wir vergessen aber nie, über die gegenwärtige Lage und die zukünftigen Aussichten unserer Millionenmassen zu berichten und da zwingen uns die Tatsachen leider zu fortwährender warnender Besorgnis. Dazu geben uns nicht nur die folgenden Ereignisse Pflicht und Recht, sondern auch die Wandlung unserer Gegner. Wir können letzteres seit dem Eintreten in eine breitere Agitation unter Herzl beobachten. Die Kontraredner in unseren Versammlungen begannen mit dem Standpunkt überlegenen Hohnes und der Zugehörigkeit zu anderen, nichtjüdischen Volksstämmen, dann gaben sie ihr Judentum zu, verlangten aber das Abwarten bis zur Todesstunde des Antisemitismus; jetzt rufen sie schon von allen Seiten nach politischer Tätigkeit und Hilfe, Die Führer der nichtnationalen jüdischen Politik waren nämlich immer die Christen und jeder Ehrliche wird uns zugeben müssen, dass wir mit der Voraussage der wachsenden Tyrannei dieser Führer nicht fehlgingen. Woher kommt es nun doch, dass man uns teilweise die redliche Feststellung der traurigen Tatsachen verübelt? Das macht der krasse jüdische Egoismus, der gewaltsam die Augen verschliesst, um keinen betrübenden, aufregenden Anblick zu haben. Die Ereignisse im Judentum erzeugen das Umgekehrte davon, was der Philosoph „Pathos der Distanz" genannt hat, das heisst die Tatsache, dass uns räumlich und zeitlich Entferntes grösser, wichtiger und int er essanter erscheint als die Dinge bei uns und in unserer nächsten Umgebung. Die Geschehnisse im Judentum aber, die den Juden nicht selbst beim Kragen packen, sind ihm gleichgültig und bedeutungslos. Um nun die innere Stimme zu betäuben, die immerwährend an jüdische Bruderliebe und jüdische Grossherzigkeit mahnend erinnert, sind die Egoisten unter uns immer bereit, das Geschehene vor sich selbst zu vertuschen und zu verschönern, und sie sind ärgerlich über jeden, der ihnen nicht hilft, jeden Funken von Hoffnung zur Flamme anzublasen. Er war auch der gute Wunsch der Vater guter Hoffnungen, als in der Mandschurei die Dämmerung der Freiheit Russlands schüchtern anhob. Man erwartete fest, dass das neue Licht auch unseren Brüdern scheinen werde. Bei dieser Gelegenheit zeigte die zionistische Presse ihre wahre Tendenz; voll lebhafter Genugtuung, dass es den Brüdern nun besser gehen werde, stimmte sie in den Chor der Freude mit ein. Auch s i e gab der Ueberzeugung Ausdruck, das-s 1905 das letzte Jahr des russischen Mittelalters sei, dass endlich panische Todesangst und Feigheit unsere Bedränger dort endgültig gepackt hätte, so dass ihre ohnmächtige Schwäche sich mit keinem blutigen Frevel mehr hervorwagen werde. Aber die Macht befreiender Ideen hat nicht genügt, um das Tor des Ansiedlungsrayons zu sprengen. Die vom Staate bezahlten Feinde der russischen jüdischen Staatsbürger sind noch immer in der Vollkraft ihrer Gemeinheit und haben Leistungen vollbracht, die von keiner tendenziösen Schwarzfärberei krasser gemalt werden können. Mit wallender Empörung und heissem Mitgefühl haben alle guten Juden wahrgenommen, dass der von alkoholisierter Barbarei eingebrachte Gesetzentwurf des österreichischen Radauantisemiten Schneider in Russland zur Vollstreckung gekommen ist: der Antrag, dass auf Juden Schussgeld gegeben wird, Oder ist es etwas anderes, wenn im Jahrhundert der Genfer Konvention und des Haager Schiedsgerichtes Jagden stattfinden, bei denen Polizei und Soldaten die Treiber, bezahltes Gesindel die Jäger und Juden das arme gehetzte Wild sind? Ach! Fühlen w i r in Westeuropa uns doch nach Bialystok, nach Kischenew, nach all den vielen Leidens-