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Die Welt · 1905-09-08 · 36 (8.9.1905) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
36 (8.9.1905)
Date
1905-09-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Nr. 36 „bie # Weit Seite 9 Winters fällt. Dezember bis 'Februar sind die Sommermonate, die Jahreszeiten sind also auch in Südafrika denen bei uns entgegengesetzt. Kleine Mitteilungen. Basel. Viele Auswanderer, namentlich solche, die von Le Havre (Frankreich) aus über See weiter -reisen wollen, kommen hier in Basel an im dem. Glauben, 'bei der hiesigen Agentur die Schiffskarten (Prepaidscheine) vorzufinden, welche ihnen von ihren Verwandten avisiert worden sind. Sehr häufig aber sind die Prepaidscheine von deim Auswanderungslande noch nicht angekommen und die Auswanderer werden dadurch zu längerem Aufenthalte gezwungen. Für solchen Aufenthalt sind sie aber mit ihren Mitteln nicht eingerichtet und sie geraten (Jäher meistenteils, in die grös.ste Not. Es muss infolgedessem dringend davor gewarnt werden, dass Auswanderer nach 'Basel kommen, bevor sie sich durch Anfrage bei der Agentur! darüber vergewissert haben, dass ihrer sofortigen Beförderung von Basel aus nichts im Wege stehe. Der Vertrauensmann unseres Bureaus Herr Bellag-Feuchtwanger, Basel, ist gerne bereit, auch seinerseits allen Anfragenden Auskunft zu geben. Der Board o f Guafdians f o r Relief o f t h e Jewish Poor im London schreibt uns folgendes: „In der letzten Zeit kommen zahlreiche Familien aus Russland nach London, die vollständig mittellos sind und in London auf Unterstützung rechnen, damit sie ihren Männern oder Vätern nach Amerika,, Kanada oder Argentinien nachfahren könnten. Der Board auf Guardians hat beschlossen, unter k e i nein Umstäß d e n für diese Familien etwas zu tun. Die vor kurzem erst eingewanderten Häupter dieser Familien können noch nicht so gut gestellt sein, dass sie die nachfolgenden Familien zu ernähren imstande sind. Diese Familien erwartet also in London, die grösste Not. Auf Unterstützung zum Lebensunterhalt können .sie ebenfalls nicht rechnen, da der Jewish Board of Guardians niemand unterstützt, der nicht mindestens bereits sechs Monate in England sich aufhält. Das einzige, was .sie zu erwarten haben, ist, dass sie nach Russland zurückgeschickt werden. Es ist daher mit allem Nachdrucke davor zu warnen, dass Frauen und Kinder ohne die genügenden Mittel, um. zum Endziele zu gelangen, sich auf die Reise machen. Sie setzen: sich dem allergrössten Elend aus/ Anmierkung. Wir können dem hinzufügen, dass auch die deutschen Organisationen! denselben Standpunkt einnehmen wie der Jewish Board of Guardians, und dass untelr: keinen Umständen mittellose Personen jetzt in Deutschland eine Unterstützung zur Auswanderung zu erwarten haben. Die jüdische Ackerbaukolonie „Hirsch" (Assinibria) in Kanada teilt uns mit, dass für die im August und September stattfindende Ernte jüdische Erntearbeiter Beschäftigung finden könnten. Aber nur solche Einwanderer werden gewünscht, die bereits einige Erfahrung im Ackerbau haben. Aus Russland. Nichts kann, die wahren Absichten der russischem Regierung den Juden gegenüber greller beleuchten, als das neue Gesetz über die Reichsduma. Während das neue Gesetz kleinen Städten mit rein russischer Bevölkerung einen Sitz in der Reichsduma einräumt, sind viele grössere Städte in den Grenzmarken des Rechtes, einem Vertreter in die Reichsduma zu entsenden, beraubt worden. Nicht mit Unrecht konstatiert daher der liberale „Syn Otetschestwa", dass die Juden des Nordwest- und des Südwestgebietes, d. h. fast die ganze jüdische Bevölkerung Russlands, nicht einmal. imstande sein werden, einen einzigen Sitz in der Reichsduma zu gewinnen. Als Illustration dazu kanm folgende Tatsache dienen: Die r u s s ische Stadt Kursk mit ihrer Einwohnerzahl von 60000 entsendet einen Deputierten in die Reichsduma, die jüdische Stadt Minsk mit ihrer Einwohnerzahl von mehr als 91000 gar keinen. Das ist auch der, Grund, warum das Ministerkomitee die Bestimmungen des Bulyginscheni Verfassungsprojektes über die Ausschliessung der Juden aus dein Teilnahme an der Reichsduma aufhob und den Judendiese Teilnahme gewährte. Nicht aus Rücksichten für die Juden und nicht aus dem Wunsche, den Forderungen der Moral und der Gerechtigkeit zu entsprechen, handelte das Ministerkomitee so, sondern in der Ueberzeiugung, dass die Juden in der Reichsduma kaum einige Sitze werden erlangen können. Das sagte ein Mitglied des Ministerkomiteesi deutlich heraus. Somit ist es mehr als begreiflich, dass unsere Volksgenossen in Russland auch von der Reichsduma nichts zu erwarten haben. Dagegen sind die tristen Verhältnisse', unter denen die Juden' in Russland leben, nicht nur die alten geblieben, sondern) sie haben sich sogar verschärft. Die Verfolgung der in den ausserhalb dem jüdischen Niederlassungsgebiete liegendien Städten wohnenden jüdischen Handwerker wurde in den letzten Wochen mit grosser Brutalität erneuert. In Kiew werden, wie der „Syn Otetschiestwa" meidet, im Laufe der Nacht die Juden gehörenden Häuser durchsucht und viele Juden, welche keinen Aufenthaltsschein vorweisen können, in Haft genommen, in Petersburg zirkulieren, wie die „Chronika Jeweiskoi Schisni" meldet, hartnäckige Gerüchte, dass demnächst die Wohnrechte der jüdischen Handwerker in Petersburg einer Revision unterzogen werden. Was das bedeutet, ist den Juden in Russland zur Genüge bekannt. Diese Revision ist nur der Vorläufer der Massenausweisungen jüdischer Handwerker. Den Höhepunkt des jüdischen Elends in 'Russland haberi jedoch die nun zur täglichen Erscheinung gewordenen Exzesse gegen die Juden erreicht. In den letzten vierzehn Tagen haben in zahlreichen Städten und Städtchen Exzesse gegen die Juden stattgefunden, welche einem überaus blutigen Verlauf nähmen. In Bielostok hat die Soldateska, wie der russische „Kiewskoje Slowo" meldet, die Juden auf der Strasse einfach niedergemacht. Auf der Suraschstrasse und auf dem Marktplatz allein wurden 50 jüdische Leichen gefunden. Im Hause Wilbuschewitsch wurde ein alter Jude durch eine Kugel getötet. Viele jüdische Frauen und Kinder wurden mit eingeschlagener Schädeldecke in das jüdische Krankenhaus gebracht, wo sie bald darauf ihren Verletzungen erlageni. Nicht minder blutig verliefen die Judenexzeisse in N i s c h n i - N o w g o r o d. Hier wurden die Juden, wie die „Russj' meldet, mit Eisenstangen totgeschlagen, ihr Hab und Gut geplündert und ihre Wohnungen in Brand gesteckt. Die Ursache war, dass die Geistlichkeit ein Judenmädchen mit Gewalt taufen wollte und das Gerücht verbreitete, die Juden hätten die russische Kirche anzünden wollen. In K e r t s c h trugen die Judenkrawalle, Wie die' „Moskowskija Wjedomosti" berichten, einen bestialischen Charakter. Der Pöbel drang mit beispielloser Wildheit in die jüdischen Wohnhäuser, zerstörte dort alles und schlug die Einwohner nieder. Wie weit aber die Raserei des Pöbels giehen kann, sah man bei den Judenkrawallen in Sofiewska. Dort wurden vielen Juden, wie die „Juschnaje Obosrenije" meldet, Nasen und Ohren abgeschnitten. Das alles steht in den russischen Blättern zu\ lesen, und man traut kaum den Berichten, wenn man solche Schauergeschichten liest. Liest man aber auch, wie russische Offiziere an der Spitze ihrer Truppenteile auf offener Strasse vorbeigehende Juden verhöhnen, beschimpfen und misshandeln, wie höhere Polizeibeamte offen den „heiligen Krieg" gegendie Juden predigen, so begreift man erst, warum in Russland Judenbiut so viel und so straflos vergossen werden kann.

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