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Die Welt · 1905-09-08 · 36 (8.9.1905) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
36 (8.9.1905)
Date
1905-09-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 „bie & weit" Nr. 36 Der gute Wüte, des Volkes nationale Interessen zu wahren und: seine bedrohte Zukunft sicherzustellen, entschuldigt zur Not, wenn er auch die krasse Unfähigkeit zu tieferem Verständnis politischer und nationaler Dinge und Entwicklungsgesetze nicht ersetzen und mit dem Chauvinismus, nicht versöhnen kann, der diesen Studenten Scheuklappen auflegt und sie? die reale Winklichkeit nicht erkennen lässt. Aber widerwärtig in seinem dummfrecbeni Rassendünkel, im seinem zügellosen Hasse wird dieser ewig politisierende Student, wenn er von seinem misshandelten politischen Kinderspiel sich ab- und den ihn bewegenden Judenfragen zuwendet. Kein antisemitisches Argument wird verschmäht, eine erlogene kriminelle Statistik, die dem Antisemitenspiegel entlehnt ist und mit gefälschtem Ziffern ungeniert arbeitet, muss neben den blödesten, abgebrauchtesten Angriffen gegen die Juden herhalten, um einen Antrag zu begründen, der in seiner Masslosigkeit und Aussichtslosigkeit selbst von manchem Teilnehmern die» Studentcntages erkannt und abgelehnt wurde: den bekanntem Antrag auf prozentuelle Zulassung der Juden zum Hochschul- Sttdium. Das Referat über den Antrag, mit antijüdischen Zitaten aus Seneca, Tacitus, Dühring, dem Talmud garniert, ist nichts als eine Vorlesung aus dem Antisemitenispiegel, der überhaupt fast die ausschliessliche „wissenschaftliche" Fundie.'iing des studentischen Rassenantisemitismus ist. Man 'kennt die Motive des Antrageis, der auf den Widerspruch von Grazer, Inms'l-rucker, Prager Vertretern hin als „programmatische", d. h. utopistische Forderung der Studentenschaft angenommen wurde. Auch über die Satisfaktionsverweigerunig giegenüber Juden wurde debattiert. Ein Bergakademikelr aus Leoben leistete sich den Ausspruch, dass sie dem Juden ,,auch nach aussenhin die Möglichkeit benimmt, sich als Ehrenmann aufzuspielen \ Merkwürdige Kriterien eines Ehrenmannes. Ihr schwachköpfigen Richter über fremde Ehre, so hat auch Don Quixcte, der irrende Ritter von der Tafelrunde, der Ritter von der traurigen Gestalt, sein Schwert 'nur gegen Menschen gezogen, die wie er geschlagene Ritter waren. Und wie dieser scharfsinnige Edle Königreiche und Länder verteilt und seinem Stallmeister eine Insel zusagt, über die er ihn zum Statthalter machen wollte, so haben die deutscharischen Do>n Quichottes, die scharfsinnigen Helden vom Hochschultage, auf diesem „Ehre" und ihre Attribute, Hochschulplätze und Beamtenstellen,. mit vollen Händen vergeben an alle jene, die zu ihrer Ritterschaft gehören. Der Hochschultag an sich verdient nicht sehr ernst geriornrrer: zu werden und braucht jüdische Krteise nicht zu stören. Aber durch seine gesellschaftlichen, politischen, nationalen Begleiterscheinungen hat er für uns österreichische Judeo ernste syn ptomatische Bedeutung. Der Sturm und Drang der Universitätsjahre wird sich legen, der Ueberschwang der Auiabegeisterung wird schwinden, die Forderungen der Jungen werden, bescheidener werden, aber ein starkes antisemitisches Residuum wird als Bodensatz zurückbleiben. Und es wird die Rückwirkung auf die Juden nicht ausbleiben, wenn einst aus den Reihen der Studenten vom Hochschultage die 'Führer des deiutsehösterreichischen Volkes und deutschösterreichische Beamte sich rekrutieren werden. Das ist für uns Juden der tiefe ernste Sinn dieser studentischen Versammlung. Rudolf Nassau. Aus dem Korrespondenzblatte des „Zentralbureaus für jüdische Einwanderungsangelegenheiten". Das englische Einwanderungsgesetz. In England wird am 1. Jänner 1906 -das neue Einwände rungsgesetz in Kraft treten. Die Einwanderung wird dann also nicht mehr ungehemmt seinwie bisher sondern gewissen Beschränkungen unterliegen. Die Einzelheiten über die Handhabung des Gesetzes sind noch nicht bekannt gegeben. Sobald dies der Fall sein wird* werden wir die Bestimmungen ausführlich wiedergeben. Schon jetzt aber sei darauf hingewiesen, dass vom 1. Jänner 1906 an alle Personen, die nach England einwandern, untersucht und daraufhin geprüft werden, ob sie geistig) und körperlich gesund — also erwerbsfähig — sind und ob sie die Mittel! haben, die einigermasseni ein Fortkommen verbürgen, so d&sis nicht zu befürchten ist, dass sie der öffentlichen Armenpflege zur Last fallen. 'Keinen Beschränkungen unterliegen solche Personen, welche nachweisen können, dass sie wegen religiöser oder politischer Verfolgung auswandern mussten, und ferner alle diejenigen, die einen englischen Hafen nur als Zwischenstation benützen, von wp aus sie weiter über See fahren wollen. Die beste Ankunftszeit in den Einwanderungsländern. Der Einwanderer ist gewöhnlich darauf angewiesen, sofort nach seiner Ankunft eine Arbeitsstelle zu suchen, damit er sich seinen Unterhalt verdienen kann. In den hochentwickelten Industrieländern ist der) Arbeitsmarkt weniger von der Jahreszeit abhängig als in Ländern, in denen die hauptsächlichste Beschäftigung der Ackerbau ist. So kann man nach Amerika und England! jederzeit auswandern, Inden einzelnen Berufen gibt es natürlich auch hier starke und schwache Saisons. Der Einwanderer sollte sich daher je nach der Art seiner Beschäftigung die passendist© Zeit auswählen. Für eine Reihe von Einwanderungsländern folgen hier die Angaben, zu welcher Zeit die Einwanderung a»m geratensten erscheint. 1. Argentinien. Die Weizeinernte beginnt in Argentinien) Ende November und dauert bis Anfang Februar. Da um diese Zeit die Ernten in Europa vorüber sind, so strömen eine grosse Anzahl europäischer, namentlich italienischer Arbeiter im Oktober und November nach Argentinien, das viele im Februar oder März wieder verlassen. Eine gute Ernte und die Anwesenheit der vielen Arbeiter, die gute Löhne erhalten, wirken selbstverständlich belebend auf den ganzen Arbeitsmarkt, so dass auch Handwerker und Kaufleute um diese Zeit die besten Aussichten! haben. Darum sind die Monate der Weizenernte im allgemeinen für jeden Einwanderer die zur Ankunft geeignetsten. Die Maisernte-, die sich vom März bis zum Juni hinzieht, ist von geringerer Bedeutung. Der Frühling beginnt im August, der Sommer im November, der Herbst im März. Die kühlsten Monate sind Juni und Juli, also gerade umgekehrt als hierzulande. 2. Kanada. Beste Ankunftszeit für den Arbeiter und Handwerker ist der April. Um diese Zeit beginnt die starke Saison, wo die Arbeit mehr Aussicht auf Ergiebigkeit hat. Zudem hat jeder, der im Frühjahr ankommt, eine längere Zeit vor sich, um Geld zu sparen und sich, bevor der Winter kommt, an das Land zu gewöhnen. Niemand sollte in der Regel! n/ach dem Herbst oder vor dem Frühjahr abreisen, es sei denn, dass er Freiunde aufsucht, die ihm ein Heim bereitet halten oder ihm Arbeit-verschaffen, oder aber, wenn er genügend Geld hat, den Winter durchzukommen. Weibliche Dienstboten können zu jeder Zeit Arbeit finden. 3. Australien. Jede Zeit im Jahr ist für die Ankunft günstig. Vom .Mai bis September vorzugsweise in Neu-Süd- Wales und1 Victoria, vom Dezember bis Mai in Tasrnania, September bis einschliesslich Februar in Neu-Seeland, April bis Juli Queensland, Mai bis Oktober in Süd-Australien und März in West-Australien, wenn die Tätigkeit in den Goldfeldern mit dem eintretemden Regen aufgenommen wird. Allgemein gejsprochen wird der Emigrant gut tun, sich vor Beginn der heissen Jahreszeit niederzulassen und bevor das Mähen und die Ernte beginnt. Die Zeit vom Dezember bis Februar ist die Sommerszeit; die Jahreszeiten sind demen bei uns fast entgegengesetzt. 4. Südafrika. Jedei Zeit im Jahr ist für die Ankunft günstig, am geeigmetsten ist der August, in den die Mitte des

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