Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 36 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 jm* * weit11 Seite 7 und die Enttäuschung darüber, dass der Zionismus mit der Rückkehr zu einer reinjüdischen Politik nicht auch zugleich die Rückkehr zur Frömmigkeit in sein Programm geschrieben hat. Aber abgesehen davon, dass der Zionismus aus guten und auch von einem beträchtlichen Teile der Orthodoxen anerkannten Gründen die religiöse Frage ausschalten muss: leistet er etwa wenig auch im Geiste einiesi wohlverstandenen und weiterblickenden Orthodoxismus, wenn er denen, die sich nicht assimilieren wolle nr, .eine jüdische Heimstätte bereitet? Indem der Orthodoxismus auf Einhaltung des Zeremonialgesetzes dringt, hat er — oder hätte er unter günstigeren Umständen — die nationale Absonderung", die Rassenreinerhaltung zur Wirkung. Das ist jedenfalls ein Verdienst um den Nationalismus, trotzdem aber nur eine negative Leistung. Dem Orthodoxismus, der nicht Hand in Hand geht mit dem Zionismus, cehlt daspositive Ziel. Und dieses kann, vom Standpunkte dies Orthodocis-mus, kein anderes sein als: die Möglichkeit aus der Welt zu schaffen, dass es ausser dem „mumer lebachis4' und dem „rnumer liteewon'4 auch jüdische Unfrömmigkeit aus bitterem Zwange der Verhältnisse gibt. Das Golus als Strafe für die Sünden unserer Väter: das ist zu begreifen. Aber das Gotus als Erzeuger immer neuer Sünde und folglich als Veirewiger der Strafe: das ist ein Widerspruch, der dem modernem jüdischen Orthodoxismus schliesslich auffallen und ihn zu einer Tat antreiben muss. Eine einzige Seele aus Israel zu retten, ist schon ein hohes Verdienst. Ein grösseres und sehönelfes ist es, zugleich mit himdertt aus enden jüdischer Seelen die Seele des jüdischen Volkes zu retten. Jedua. Ein Kulturdokument der deutschantisemitischen Studenten Oesterreichs. Sumpfterrain bringt Sumpfprodukte hervor. Die österreichische Politik liefert ein Schulbeispiel für diese Allfagswahrheit. Aus ihrem versumpften Boden spriesst wenig Gesundes, Sympathisches, Entwicklungsfähiges hervor, weil der nationale Hader, der unser gesamtes öffentliches Leben despotisch knechtet, den politischen Sumpf mit immer' neuem Giftsamen befruchtet und stets frische Blüten treibt. Der österreichische Antisemitismus' ist in seiner Theorie und Praxis österreichischer Eigenbau, im Treibhaus unserer einzigartigen Parteien- und Nationalitätenpolitik raffiniert aufgezüchtet und entwickelt. Die Judenfresser ei der Wirtshausdemagogie, der Rassenhass verhetzter Bierbankpolitiker triumphieren. Sie sind die wirkungsvolle Plattform für einflussreiche Parteien, gvben ihnen Agitationskraft, Volkstümlichkeit, Mandate. Wenn dann der notleidende Kleinbürger, der kleine Kaufmann, der kleine Beamte in ihrem Hasse gegen die kapitalistische Entwicklung leicht der Suggestion unterliegt,- dass die Juden die Urheber aller wirtschaftlichen Misere, aller politischen Zerklüftung sind, und wenn aus dieser Suggestioni sich politische Parteigebilde mit wirtschaftlich antisemitischem Einschlag aufbauen, dem wildgewordenen Kleinbürger ist der Inbegriff der sozialen Frage der Gipfelpunkt politischer Weisheit. So tobt sich die soziale Rebellion des Spiessbürgers ausi. Aber Studenten undihre akademisch graduierten Führen sollten auf einer höheren Stufe nationaler Erkenntnis und sozialer Reife stehen. De»r zweite deutsche Studententag, der im Lenz des Jahres 1905 die „deutscharische" Studentenschaft Oesterreichs in Wien versammelte, hat das Gegenteil bewiesen. In einem stattlichen Buche, das 228 Seiten zählt und fast Seite für Seite die Denk- und Sinnesart der jungen Deutschester reicher offenhält,- wird der Bericht über die Tagung als „Mahnwort an aas deutsche Volk" der Oeffentlichkeit übergeben. Was schon seinerzeit aus lückenhaften Zeitungsberichten hervorging, der vollständige Bericht zeigt es mit aller Deutlichkeit: brutaler Chauvinismus, ödester Antisemitismus, unverhüllter Rassendünkel regieren die deutschakademische Jungmann&chäft. Die Deutschösterreicher beanspruchen für sich die Führerrolle im Staate. Ihre Studentenschaft tut desgleichen. Ueberragt sie die Studentengruppen der anderen rivalisierenlde:) Nationen durch ihre politische Reife und kulturelle Entwicklung und rechtfertigt sie so die Forderung nach der Suprematie ihres Volkes? Nicht im geringsten. Der deutsche Hochschultag zumindest führt das chauvinistische Verlangen ad absurdum. Oesterreichs ganzer1 Jammer fasst uns an bei der Lektüre des schwarz-rot-gold umrahmten Berichtes, in welchem die im alldeutschen Lager stehende Studenteinschaft ihre* nationalen Postufate aufstellt und begründet. Es kann lustig werden, wenn sie in der Politik ein entscheidendes Wort mitzureden haben wird. „Sich mit ein paar kräftigen, gesunden Rippenstössen in dem Völkermischmasch die gebührende Stellung zu verschaffen4 — das ist ihr Rezept. Es heisst: Die deutschnationalen Studenten übertragen Sinn und Regeln des Holzkomrnents, den sie auf der Wiener Aula gegenüber Klerikalen, Slawen, Italienern, Juden, kurz, gegenüber jed<er Minorität mit Erfolg praktizieren, auf die nationale Politik im Reiche. Sie huldigen dem naiven Wahne, die Kampfmittel ihrer Aulapolitik, Knüttel und Terror, mit denen sie nationale Gegner brutaiisiereii und akademische Behörden einschüchtern, könnten auch im politischen und nationalen Leben zum Ziele führen. Fragen, welche den österreichischen Staat erschüttern und einen inmerpoHtischen Wirrwarr sondergleichen schaffen, hat der Hochschultag im Handumdrehen gelöst, die deutsche Staatssprache, -die italienische Rechtsfakultät, die mährische Universitätsfrage mit einem kategorischen Ja oder Nein erledigt. Und wie naiv sich der kleine Michel den schweren Kampf der Deutschen in Oesterreich vorstellt, wie hochmütig er alle seine Gegner abtut! Es würde zu weit führen, alle die Beispiele von kindlicher Politikmacherei anzuführen. Schon die Sprache dieser Akademiker, die sich rasch und sicher die bekannte Schreibart alldeutscher Provinzblättchen angeeignet haben, ist bezeichnend. „Huunischavarische Nachbarn" — d?e Ungarn, „Powidelmänner" — die Tschechen, „Maronileuic" die Italiener, „habgierigle Fremdlinge'* — die Juden. Die nichtdeutsche Hörer der Hochschulen erhalten das schöne Epitheton „frerndzüngige Schmarotzer an deutschen Hochschulen". „Lichtscheues Gelichter4 ist die Pauschalbezeichnung für alle Gegner der Deutschnationalen. So sprechen sie,, so denken sie, so sieht ihre ganze Politik aus. Eim Beispiel nur für die Höhe ihrer" politischen Reife: Die führenden Deiitschmährer haben längst erkannt, dass in Mähren die künstliche Hegemonie der Delutschen unhaltbar und ihr Zusammenbruch in den nächsten Jahren unaufhaltsam ist. Ein Referent auf dem Hochschultage ruft sein erlösendes Heureka in die deutschen Gaue Mährens: „Meinem mährischen Landsleuten sei von dieser Stelle gesagt: Ihr fürchtet um eure Majorität im Landtage. Ein einziger Mann, Hermann Brass, hat durch Anlage einer grossen Industrie ein Mandat gesichert. So muss doch das grosse deutsche Volk, dessen Nationalvermögen jährlich um eine Milliarde wächst, imstande sein, auch die drei anderen unsicheren Mandate zu sichern.44 Auf dem gleich tiefen Niveau politischen Verständnisses und nationaler Einsicht stehen die meisten Theorien, welche die Referenten des Hochschultages zur Rettung des deutschen Volkes in Oesterreich verzapfen. Was den Vorsitzenden nicht hindert, die stolzen Worte zu prägen: „Unser Volk zum politischen Denkern zu erziehen ist eine der vornehmsten Aufgaben des deutschen Studenten." Bedauernswertes Volk! Komische erzieh ungsbedürftige Erzieher! Mit .dem5 Nachtwächter) von Leitomischl hat rr.au lächerlich kleinliche nationale Aspirationen jahrelang verhöhnt. Die „fremdsprachigen Anschläge auf akademischem Boden" sind auch so ein Kampfobjekt, das die nationale Begeisterung der Deutschen mächtig entfacht. Die jugendliche Naivität, mit der die deutscharische Studentenschaft an die schwierigstem' politischen Probleme herantritt, sie — eins, zwei drei — aus dem Handgelenk lösend, macht die politisierende« Don Quichottes höchstens lächerlich.