Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 36 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite S ,/bte & W^H" Nr. 36 Stolz, mit dem das Lied vorgetragen wird, deutet nicht auf die Dur-Töne eines Siejgesmar&ches, eher auf die Moll-Töne einer Entsagungselegie. Das jüdische Missionslied hat nämlich, seinen Verfassern bewusst oder unbewusst, die Mission, das jüdische Volk einzulullen, es mit den bestehendem Verhältnissen, mit dem Exil, auszusöhnen, ja noch mehr: ihm das Exil als notwendige Bedingung seines Lehrerberufes plausibel zu machen. Einem Volke, dessen Leiden aus der Heimatlosigkeit stammen, wird der Rat gegeben, ein Reich zu suchen, das nicht von dieser Welt ist. In der Zeit, da die Juden anfingen, zusammen mit ihrem christlichen Mitbürgern in den 'Kampf um die bürgerlichen Freiheiten einzutreten, begannen die Kanzeln, mit den Gemeinden den neuen Chor einzuüben: Damals wurden jene Zellen des Liedes gesungen, in denen die Idee der Menschheitsverbrüderung erklingt. Als die bürgerlichen Freiheitenerrungen waren und von einem gewissen kurzsichtigein Standpunkte die Vervollständigung der jüdischen Selbstaufgabe und Hingabe für notwendig und nützlich erachtet wurde, ward auch das: Lied vervollständigt: zur Verbrüderungsidee trat . dier Missionsrausch. Es wurde oben erwähnt, dass der Text unseres Missioiisliedes sich an einige Prophetenstellen anlehnte. Fügen wir hinzu: die Einverleibung1 des Missionsgedankens in den neujüdischen Gedankenschatz hängt in' eigentümlicher Weise mit dein Bestreben zusammen, das ganze Judentum unter dem Gesichtspunkt eines Systems zu betrachten, das man1 mit einer freilich nur ungefähren Anwendung des Ausdruckes „Prophetismus" nennen und dem Nationalismus als der anderen extremen Auffassung des Judentums entgegensetzen könnte. Wenn aber gegenüber einer so uraltem und, wie man meinen sollte, schon selbstverständlichen Erscheinung wie dem Judentum der Standpunkt der Betrachtung und Auffassung geändert wird, so liegen die Motive hierfür in jener Tiefe, wo der Wille vom Intellekt die Mittel zur Erhaltung und Rettung einer bedrohten r^benskonstruktion verlangt. Und so dürfen wir auch den Missionsprophetismus einer gewissen Richtung des neueren Judentums nicht bloss in seinem politischen Sinne, nicht nur als beschwichtigendes Lockmittel zu seelenruhigem, ja stolzem Anschluss an das politische Leben unserer Wirtsvölker begreifen — sondern um ihn richtig zu verstehen, muss man sich erinnern, dass die bürgerliche Emanzipation der europäischen Juden vielfach Hand in Hand ging mit einer merklichen Abnahme der jüdischen Frömmigkeit. Eine ähnliche Erscheinimg beobachtet man ja auch heute: die nach England und Amerika eingewanderten Arbeiter, die an den sozialen Emanzipationsbestrebungen ihrer Klasse teilnehmen, kehren sich in grosser Masse von der Synagoge ab. Was kann aber die Synagoge■ tun, um die Wankenden und schon zur Flucht Gekehrten zurücKzuHalten? Kapuzinerpredigten verfangen bei den Juden nicht. Und in dieser kritischen Situation war es, dass die jüdische Kanzel wie von selbst auf den Prophetismus geriet, als auf jenes System, das — scheinbar oder wirklich — den religiösen Auffassungen den weitesten Spielraum gewährt. Zwar nur in Amerika geschah es meines Wissens, dass Reformrabbiner mit ausgesprochenen Worten auf Caput I des Jcsaia hinwiesen, um der strengen Sabbatobservauz zu Leibe zu gehen. „Was soll mir die Menge eurer Opfer, spricht der Herr .... wer verlangt von euch, dass ihr meine Vorhöfe zerstampfet . . . Neumond, Sabbat, Festversamnilung — ich mag nicht Unrecht und Bedrückung . . . eure Neumonde und Feiertage hasset meine Seele, sie sind mir zur Last worden, ich bin müde, sie zu ertragen . . . " Es ist ohne weiteres klar, dass sich mit solchen aus denn Zusammenhang des Textes und der Geschichte gerissenen Worten von einem extremen Reformr rabbiner viel anfangen lässt. Anderwärts ist man nicht soweit gegangen. Dort hat man die direkt antizeremonial deutbaren Stelleu des Kapitels nicht zitiert, sondern sich damit begnügt, die anderen praktitablen Stellen desselben Kapitels, die Ermahnungen zur Sittenreinheit und Gerechtigkeit gegenüber den Schwachen, recht stark zu unterstreichen und so lange zu wiederholen, bis in unseren Tempeln eine eigentümliche Atmosphäre entstanden ist: über dem dichten Nebel des Zeremonialgesetzes breitet sich ein klarer, freier Himmel weltumspannender Sittlichkeit und sozialisierender Philanthropie aus — und es versteht sich in dieser' Atmosphäre vom selbst, wie man mit freieren und freiesten Gedanken Judie sein und bleiben kann. An dieser Stelle schliesst sich der Lessingjsche Ring des neuen Judentums: um die Lehren seiner Religion, seines Gottesbuches zu verbreiten, muss Israel: im Exil leben. Und damit die Lehrer der Völker die Kanzel nicht so behandeln lernen, wie die Kanzel Palästina behandelt hat, wird ihnen die Möglicnkeit einer Religion — stillschweigend, — zugestanden, die ich mit der Bitte, mich nicht misszuverstehe« und weder an Verspottung, noch an Beleidigung zu denken: pauhnisches Judentum nennen möchte. * * * Und der Orthodoxismus? — Der ehrenfeste Orthodoxismus unserer geliebten Väter ist latenter und negativer Nationalismus. Oder sagen wir, dem deutschen Sprachverein zuliebe, statt latent: versteckt und unbewusst. Er schläft den unbewußtem Kinderschlaf in den ho'ffnuriigsseligen Zionsgebeten unseres alten, schönen Siddur, er versteckt sich in eliner Fülle volkstümlicher Redensarten, in denen das Golus als das grösste aller Uebel beklagt und zur Erklärung aller Leiden des Juden herangezogen wird. Unvergessen sei dem Orthodoxismus die charaktervolle Konsequenz, mit der er sich einst gegenden Versuch einer Entzionisierung unseres Siddur aufgelehnt hat, die unerschütterliche Mannhaftigkeit, mit der er, allen Schneiders und allen jüdischen Schwächlingem zu Trotz, am Kol-nidre festgehalten und an so vielem Jüdischen, das durch Alter, Tradition und1 Innigkeit heilig ist oder sein sollte. Aber deshalb ist Orthodoxismus noch nicht Nationalismus. Wenigstens jener Orthodoxismus nicht, def ungefähr der Richtung der Wiener „Schiffschul" oder des Frankfurter Hirs;h s. A. entspricht. Dieser Orthodoxismus steht auf dem halben Wege zum Nationalismus; seine Zionssehnsucht ist ein herzliches Gefühl, eine Färbung des Kultus, Tradition und fast ein« Gesetz. Ihm fehlt zum Nationalismus das volle, wache Bewusstsein, die Entwicklung vom sehnsüchtelnden Wunsche zum fordernden, ziel setzende n Willen. Das unterscheidet den Orthodoxismus vom Misrachismus'. Und noch etwas fehlt diesem Orthodoxismus: die klare Erkenntnis davon*, dass ein frommes jüdisches Leben mitten unter den Wirtsvölkern keineswegs eine Selbstverständlichkeit, vielmehr Heroismus ist; die Erkenntnis z. B„ dass der Sabbat zur Ruhe, zur Erholung, zum Vergnügen und zur Freude eingesetzt ist, und nicht, wie der Sabbat unseres gegenwärtigen Exils, zur Erprobung der Charakterstärke. Man hat den Orthodoxen nachgesagt, wenn sie gegen den Zionismus, seien, so geschehe das hauptsächlich deshalb, weil sie Israels Befreiung Gott anheimgeben und die jüdische Selbsthilfe für einen Akt u-nfrommer Ungeduld und Ueberhebung erachten. Sollte der eine oder andere auch wirklich so denken --- ein Dogma des Orthodoxismus ist's zum Glücke nicht. Denn das wäre eines der thörichtesten, der unimenschlichsten Dogmendie je ausgebrütet worden. Ich bin selbst im Orthodoxismus aufgewachsen und erzogen worden. Tausendmal war ich Zeuge dessen, wie fromme Juden weit über ihre Verhältnisse dazu beitrugen, einem armen Glaubensgenossen das Haltern der Pessaehtage zu ermöglichen. Wem karwi es näher liegen als gerade dem Orthodoxismus, sich an der.Schaffung solcher Lebensbedingungen für unser Volk zu beteiligen, die es allen Gläubigen des Volkes gestatten, jüdisch-religiös zu leben, ohne sich dabei im Martyrtum zu üben? Der wahre Grund, warum sich der Orthodoxismus in so vielen Gemeinden vom Zionismus fernhält, liegt auch tatsächlich wo anders: es ist der Aergcr-