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Die Welt · 1905-09-08 · 36 (8.9.1905) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
36 (8.9.1905)
Date
1905-09-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 36 „bie # weit11 Seite 5 russische Fragen unsere Ansichten äussern zusammen mit den Fortschrittlichen, sei es, dass wir zu besonderen jüdischen Fragen Stellung nehmen..Es wäre politisch verfehlt, die Frage, ob sich die Juden an den Wahlen zur Duma beteiligen sollen, allein im Hinblick auf die Taktik beantworten zu woiien,die die Fortschrittlichen einschlagen würden. Selbst wenn diese beschliessen, keine Kandidaten aufzustellen, folgt daraus nicht, dass die Juden ebenso handeln müssen. Im Gegenteile, je weniger fortschrittliche Abgeordnete ps in der Reichsduma geben wird, desto mehr müssen Juden auf eine Vertretung in derselben bedacht sein. Denn die Judenfrage wird doch immerhin in der Duma zur Verhandlung kommen und auch ohne jede poetische Phantasie kann man schon jetzt die Eeden sich ausmalen, die dort über Juden von gewissen Seiten gehalten sein und die entschieden eine Zurückweisung erfordern werden. Wir geben uns nicht falschen Hoffnungen hir, dass die wenigen Juden, die in der Reichsduma sein werden, die Antisemiten würden überzeugen können, wir glauben auch nicht, dass, wenn die Duma nicht sofort die Judenlage verbessert, keine Hoffaung auf Besserung mehr vorhanden wäre; wir glauben aber, dass es in der Reichsduma ausser Antisemiten auch an solchen Elementen nicht fehlen wird, die die Juden nicht kennen und diese würden vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben Gelegenheit haben, von der Rechtlosigkeit und den Unbilden zu hören, unter denen wir so lange schon zu leiden haben. Selbst wenn wir von der Duma, als einer der bureaukratischen Einrichtungen, nichts zu erhoffen hätten, ist es von grosser Wichtigkeit, dass irgendeiner aus unserer Mitte den historischen Anklageakt zur Verlesung bringe, der das Benehmen der Bureaukratie den Juden gegenüber der OÖffentlichkeit kundtun soll. Zu den ersten Fragen, die in der Reichsduma zur Verhandlung kommen, dürfte, wie man vermutet, die Judenfrage gehören. Den jüdischen Abgeordneten, wenn solche überhaupt gewählt werden, wird also die Aufgabe zufallen, für die Gleichberechtigung der Juden und die Aufhebung der bedrückenden Ausnahmegesetze einzutreten. In dieser Voraussicht bespricht die „Hazefirah" die Ausnahmsgesetze gegen die Juden, deren es vier Kategorien gebe: 1. Gesetze, die das Wohnrecht der Juden einschränken; 2. solche, die sie vom Schulbesuch ausschliessen; 3. Gesetze über ihre Nichtzulassung zu Aemtern; 4. Gesetze, den Militärdienst betreffend. Was nun die Einschränkung des Wohnrechts betrifft, hofft der Autor des Artikels, würden die jüdischen Abgeordneten auf gar keinen Widerstand seitens der anderen Abgeordneten stossen; diese würden sich beim Anbruch einer neuen Aora einfach schämen, einer so gerechten Forderung, wie der Aufhebung des Ansiedlungsverbotes entgegenzutreten, zumal dieses Verbot auf falschen Voraussetzungen beruhe, auf Vorurteilen!, wie das der Kaiserin Elisabeth, der Tochter Peters, die eine Vorstellung des Senates, es möge den Juden freies Wohnrecht eingeräumt werden, da sie dem Lande Nutzen brächten, abgewiesen habe mit den Worten: „Von den Feinden der Christen wünsche ich keinen Nutzen zu haben!" Dieses Vorurteil sei übrigens vielfach bekämpft worden. Ueberdies ist ja das Recht zum Wohnen kein Sonderrecht, sondern natürliches Recht eines jeden Menschen, das nur gefährlichen Verbrechern entzogen werden könne. Sollten aber trotzdem antisemitische Abgeordnete sich dieser Anschauung widersetzen, dürfe man hoffen', dass sie in der Minorität bleiben werden. Die Majorität dürfte die Nachteile dieser Beschränkungen einsehen, wie es bereits viele Grundbesitzer längst erkannt und oft den Wunsch geäussert haben, es möchte den Juden die Erlaubnis gegeben werden, sich bei ihnen anzusiedeln. Oft habe sogar die Bureaukratie selber, wie aus offiziellen Dokumentennachzuweisen ist, im Inteneisse von Handel und Gewerbe für die Aufhebung des Wohnverbotes in gewissen Rayons bei der Regierung Vorstellungen erhoben. Ebenso .sei zu hoffen, dass die Bildungsfrage der Juden auf keinen ernsten Widerstand stossen werde. Es sei ausgeschlossen, dass das russische Volk durch den japanischen Krieg nicht zur Ueberzeugung gelangt sei, welch hohen Wert die Bildung und Intelligenz eines Volkes habe. Vor 80 Jahren habe ja die Regierung selbst das Bildungswerk der Juden mit Zwangsmitteln geführt und durch Jahrzehnte, bis zum berüchtigten Erflass vom 6. Juni 1887, mit reichen- Mitteln den Schulbesuch dier jüdischen Jugend gefördert. Die Forderung der jüdischen Abgeordneten, die Juden unbeschränkt in die Schulen aufzunehmen, dürfte demnach günstig erledigt werden, wenn sie diese Forderung mit Umsicht und Energie vertreten werden. Anders steht die Sache in bezug auf die Zulassung zu Aetmtern; da würden die Juden heftigem Widerstände begegnen. Es ist bekannt, dass seihst in bezug auf das Amt eines Semstwodelegierten, das übrigens ein unbedeutendes öffentliches Amt ist, die Verordnung vom 12. Juni 1890 es den Juden verbiete, an den Versammlungen der Semstwos aktiv oder passiv teilzunehmen. Der Grund wäre: Nach den Berichten des Ministers des Innern übten die Juden einen verderblichen Einfluss auf die Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten in den Städten, indem sie nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht wären u. dgl. Es wären zwar diese Darstellungen durch Tatsachen Lügen gestraft. Der erbliche Ehrenbürger M. Rosenistein war 25 Jahre Mitglied der Semstwos im Kreise Simferopol gewesen; und als das erwähnte Gesetz ihn zwang, aus seinem Amte zu treten, haben die Semstwo einstimmig beschlossen, ihm für die treue, opferwillige und selbstlose Arbeit den Dank auszusprechen. Häufig sei es auch vorgekommen, dass die städtischen Verwaltungskörper die Regierung um Erteilung des Wahlrechtes an die Juden ersuchten. Das wären doch die stärksten Beweise gegen die antisemitischen Anschuldigungen. Und doch müsse man rechtzeitig alles darauf bezügliche Beweismaterial für den Kampf vorbereiten, der sicherlich ein sehr schwerer sein werde. Schwieriger noch dürfte für die jüdiisohien Vertreter der Kampf gegen die Vorurteile sein, die den Militärdienst betreffen. Hier gäbe es eine Menge grösserer Pflichten und geringerer Rechte. Dazu herrsche noch allgemein die Ansicht, dass sich die Juden dem Militärdienst entziehen. Sache der jüdischen Vertreter werde es nun sein, Tatsachen zu sammeln und, mit Erfahrungen aus der Wirklichkeit gewappnet, in den Kampf zu treten, wo es gelten wird, die schweren Beschuldigungen zu entkräften und zurückzuweisen. B. Feiertagsstimmung, In einigen Wochen werden unsere Feiertage da sein und von vielen Kanzeln jüdischer Gotteshäuser werden stolze Worte über angenehm geschmeichelte Gemeinden/ ■hinrauschen. Die höchstbesteuerten, die mittleren und die» ganz kleinen Juden werden von studiertem Herren in Taiar und Bäffchen die Zusicherung und den Beweis vernehmen, dass ihr Handel und Wandel auf Erden und im Lande einer erhabenen Mission diene. Sie werden hören, dass sie sich nicht etwa wie ihre sonst hochgeehrtem Mitbürger anderer Konfessionen mühen und plagen, 'bloss um für sich und die Familien das liebe Brot zu gewinnen und dabei gut, brav, ehrlich und anständig zu sein— sondern, indem sie das alles täten, hätten sie noch ganz nebenbei die Aufgabe, als Bekenner! einer erhabenem Lehre, als Träger eines unsterblichen Ideales Lehrer der Völker zu sein. Man kennt das schöne Lied, die schönste, das.je einem Volke gesungen worden ist. Man weiss auch, wann und wie das Lied entstanden1 ist und woher seine Verfasser den Text bezogen haben. Für seinen Inhalt fand man Anhaltspunkte in einigem Prophetemstelleiii; insbesondere die Eingangsverse des zweiten Caput Jesaia sind durch unzählig viele Kompositionien ausgezeichnet worden. Die Zeit der Entstehung des Liedes fällt zusammen mit dem Auftauchen einer neuen Methode, das Judentum bloss als Religion und Sittenlehre zu betrachten und von seinem nationallen Inhalt zu abstrahieren. Dass dem so ist, Hesse sich, wenn der historische Zusammenhang nicht ohnehin auf der Hand läge, von jedem Feinhöriglen erschliessen: der

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