Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 36 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „bie # weit Nr. 36 einer anderen? Oder ist es, weil man den brutalen Zwang der polnischen Politik, die den „assimilierten Moschko" noch besser gebrauchen kann als den echten und ursprünglichen, durchspürt? Oder ist aus allen diesen Gründen zusammengenommen, dass uns diese polnische „Assimilation" stärker auf die Nerven geht als jede andere der Welt? Dass es keine andere gibt, die namentlich den modernen, um Wahrheit, Klarheit und Tiefe ringenden Mensehen mehr beleidigte als sie. Man wird kaum fehlgehen, wenn man annimmt, dass alle diese öden, in Wort, Schrift und Tat tänzelnden und scharwenzelnden, alle diese die einem grossen Teile der Polen angeborene Hoffähigkeit greulich nachäffenden Gesellen selbst ihren Gesinnungsgenossen in anderen Ländern Unbehagen bereiten müssen. Aber sie haben immerhin den Zeitpunkt nicht schlecht gewählt, um mit ihren Treibereien wieder zu beginnen. Oder richtiger, sie fühlen sich dem „Jetzt oder nie! " gegenüber und glauben das Jetzt noch zwingen zu können. Sie fühlen, dass sie es mit stärkeren Mächten zu tun haben als seinerzeit ihre deutschen Vorbilder. Sie sehen sich einer nationalen Bewegung der jüdischen Geister gegenüber, die sich vom Proletariate bis tief hinab in die Winkel so manchen Salons erstreckt. Und sie sagen sich: Wir dürfen das Unheil nicht weiter wachsen, wir dürfen es nicht am kommenden Verfassungsleben erstarken lassen. Jetzt müssen wir es überwinden, ehe es vielleicht für immer zu spät ist. Und in dieser Entschlossenheit haben sie das Glück, auf Empfindungen zu stossen, wie sie in dem erwähnten Artikel ausgesprochen sind, Empfindungen, mit welchen keiner so viel anzufangen weiss wie gerade sie. Wohl, sie werden, sie müssen sich täuschen. Es ist schon zu spät für sie und ihre Absichten. Das jüdische Volk des Ostens ist nicht mehr umzubringen. Aus seinen Tiefen glutet immer reicher ein selbständiges Leben empor und immer reifer und immer geneigter muss die Menschheit werden, dieses neue Leben anzuerkennen, es nicht entwicklungsfeindlichen, überholten Schlagworten zu opfern. Aber wäre es nicht schon schlimm genug, wenn die jüdischen Feinde dieses Lebens den Erfolg hätten, es durch einen längeren Starrkrampf zu unterbrechen? Kann es gleichgültig sein, wenn sie das jüdische Bürgertum Polens zu einem neuen Experimente verleiten und vielleicht die jüdische Bourgeoisie des eigentlichen Russland mit in den Wirbel hineinreissen? Darf man ruhig zusehen, wie sie die schöne Entfaltung jüdischer Kulturkräfte in den letzten Jahrzenten mit ihren Hunnentritten niedertrampeln? Soll es ihnen freistehen, eine oder zwei Generationen hindurch ihre Opfer so zu bearbeiten, dass diese, wenn wieder die sichere Stunde des Wahrheitssieges schlägt, gleich den heutigen galizischen Juden als Kulturbettler dastehen und wieder von vorne anfangen müssen? Kein Optimismus darf so weit gehen, über diese Gefahr hinwegzusehen. Ihr muss um so rascher und rechtzeitiger entgegengetreten werden, als die Duma, wie sie ist, den assimilatorischen Flachlingen das Handwerk erleichtert. Wäre ein wirkliches Volkshaus geschaffen worden, so könnten alle ihre Schliche, Tücken und fixen Ideen nicht mehr verhindern, dass darin auch der jüdische Volksgedanke rein und stark zum Ausdruck komme. So aber, da auch die jüdische Masse — man kann nicht voraussehen, für wie lange — ferngehalten ist, wird die Tatsache des nationalen Lebenswillens des jüdischen Volkes eher zu verdunkeln sein. Und dies darf nicht zugegeben werden. Den Polen und Russen darf nicht wieder ein Gewohnheitsrecht auf jüdische Entsagung in die Hand gespielt, sie müssen daran gewöhnt werden, die Juden sozusagen auch leben zu sehen. Es kommt auch noch die Zeit, wo sie ihnen dafür Dank wissen werden. Die russischen und russisch-polnischen Juden müssen alles daransetzen, dass dort, wo Juden durchzubringen sind, nur Juden gewählt werden und dass sich die Gewählten unzweideutig und uneingeschränkt als Juden bekennen. Wenn sich dies aber als durchaus unmöglich herausstellen sollte, weil ja die Abgeordneten der Städte mehr gesiebt als gewählt sein werden, dann muss in Wort und Schrift und noch mehr durch erhöhte Mitarbeit am jüdischen Kulturleben gegen solche Vertreter protestiert werden. Und in jedem Falle muss der unermüdlichste und wachsamste Kampf mit den paar assimilatorischen Demagogen geführt werden. Die russischen und russisch-polnischen Juden haben es zu einer stattlichen und hoffnungsvollen nationalen Kulturexistenz gebracht und daher allen Grund, vor denjenigen auf der Hut zu sein, die sie ihnen zerstören wollen. Noch ist es nicht Zeit, auf den Lorbeern auszuruhen! Pantarhei. Pressstimmen Uber die Reichsduma. Charakteristisch für die Stimmung der russischen Judenschaft angesichts der inneren Neugestaltungen ist der offenherzige ehrliche Ton, in welchem unsere jüdischnationale Presse die Begebenheiten der letzten Zeit sowie die nächsten Ausblicke in die Zukunft bespricht. Aufrecht und in voller Mensehen wür d e treten sie uns mit ihren Ansichten über alle das Judentum betreffenden politischen und sozialen Fragen entgegen, und wenn auch in der nicht ausgestorbenen Assimilationsrichtung mit verweinten Augen eines Waisenknaben nach der Gnade und dem Mitleide der Mitbürger ausgeblickt wird, die jüdischnationale Presse, die doch die dominierende Stellung in der öffentlichen Meinung behauptet, steuert würdig und selbstbewusst ihrem Ziele entgegen, indem sie jede Rolle des Bettlers entschieden von sich weist und Rechte fordert — Rechte, wie sie einmal Menschen und Bürgern eines Landes naturgemäss nicht versagt werden dürfen. Davon zeugten vor kurzem die Beurteilungen, welche die Vorsprache der amerikanischen Bankiers bei Witte in der jüdischen Presse gefunden, wo die jüdische öffentliche Meinung sich, im Gegensatze zu manchen Judenblättern des Westens sehr höflich für die zugemutete Rolle eines bevormundeten Waisenknaben bedankte. Einen neuen Beweis dafür bietet uns ein Artikel des „Fraind", betreffend das Gerücht, es werde im Ministerium des Innern ein Verzeichnis neuer Dörfer angelegt, in denen den Juden das Wohnrecht gestattet werden solle. „Die jüdische Bevölkerung — heisst es ungefähr in dem Artikel — sieht es klar, dass in solchen „Erleichterungen" der alte Gedanke aufrechterhalten bleibe, dass alles, was für Juden geschehe, nichts als G n a d e, als W o h 11 a t zu betrachten sei, worauf sie sonst kein Recht hätten. Die Juden haben in letzter Zeit bewiesen, dass sie Bürger sind und. sie fordern, als solche anerkannt zu werden. Jeder Versuch, ihre Lage in einer Art zu erleichtern, die von neuem den Stempel ihrer Rechtlosigkeit an sich trägt, wird von den jüdischen Bürgern als eine neue Beleidigung empfunden werden. Die jüdische Bevölkerung hat ihre Abrechnung mit der Bureaukratie abgeschlossen, diese weiss nunmehr, dass die Juden ihr Recht fordern aus der Hand einer freigewählten Volksvertretung. Recht und nicht Gnade — das ist der Grundzug der jüdischen Politik und nichts in der Welt kann daran etwas ändern. Ueber die Beteiligung der Juden an den Wahlen in die Reichsduma, für den Fall, dass die fortschrittlichen Parteien sich von derselben enthalten sollten, schreibt der „Fraind" im Gegensatze zu anderen Blättern, die der Meinung waren, die Juden müssten Hand in Hand gehen mit den Fortschrittsparteien, ungefähr folgendes: Unsere Politk deckt] sich im allgemeinen prinzipiell mit der der Fortschrittler. Es gibt aber einzelne Fälle, wo wir unsere eigenen Wege wandeln müssen, ohne Rücksicht darauf, wie sich diese zu den uns Juden allein betreffenden Fragen verhalten. Wir müssen ehrlich sein und aufrichtig handeln, sei es, dass wir über allgemeine