Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 36 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 #lbie $ weit" Seite 3 In einem Falle werden die Pläne unserer Feinde zuschanzen werden. Da man die Bestimmungen des Friedens noch nicht genau kennt, fabeln die reaktionären! Blätter von „Verlusten, die Russland am Diplomatentische errungen hat". Der Krieg wonach der Version 4er „Nowoje Wr-emja" glorreich — aber der Friede wird eine Niederlage, ein Zeichen der Schwäche, ja beinahe »ein Vaterlandsverrat. Und wer war daran schuld, dass dieser Friede geschlossen werden musste? Die R e v o 1 u t i o n. Dieselbe Revolution, die man bisher en canaille behandelte, hat plötzlich weltpolitische Bedeutung erhalten. Nämlich: Aus Furcht vor den Unruhen im Innern soll Witte gezwungen, gewesen sein, einen unvorteilhaften Frieden zu schliessen. Die Revolution — wer ist das? Das sind doch zum guten Teil die Juden . . . also: Durch die Juden wurde Witte gezwungen . . . Jedermann' kann; den Gedankengang der Nowoje Wremja" mit Leichtigkeit weiter abwandeln. Das Schema ist ja ziemlich alt. Die jüdischen Geldleute, die jüdischen Arbeiter, die jüdische Intelligenz — sie alle werden ihre Rolle erhalten, wenn auf dieser Grundlage weiter gebaut wird. Und dieser Grund wird dann her halten müssen, wemi man den Juden die Lrleichterungen, die ihnen die neue Verfassung schaffen soll, wird abstreiten wollen. Wohnungsrechte? Bürgerrechte? Bilcliingsrechte? . . . diese Leute sind ja Witte in den Rücken gefallen, als er . . . Durch diese Leute haben wir Sachalin verloren! In einem Falle werdein ihre Pläne zu schänden werden: Wenn Witte jetzt wirklich am die Spitze einer verantwortlichen Regierung tritt und er dieser am ersten Ministerrate wird sagen müssen, dass die Juden tapfer gekämpft und dass sie tapfer d Frieden fördern halfen. —tsch. Eine Gefahr. Unter den Nachrichten, die über die Reichsduma und ihre voraussichtlichen Rückwirkungen auf die russischen Juden zu uns dringen, war neulich eine kleine, unscheinbare, die viel zu denken und zu besorgen gibt. In der Erwiderung auf einen antisemitischen Artikel, der eine Verjudung der Duma in Aussicht stellte, wurde diese dreiste Behauptung widerlegt. Mühelos konnte auf den hohen Wahlzensus und die wirksame Wahlkreisgeometrie hingedeutet und nachgewiesen werden, dass nur in wenigen Städten — in weniger als Finger an einer Hand sind — Juden eine entfernte Aussicht hätten, gewählt zu werden. Das war, wie gesagt, eine leichte Aufgabe, aber sie war immerhin notwendig. Nicht notwendig aber war ein Zusatz, worin es hiess, dass sich die Juden auch in diesen Fällen von liberalen Polen oder Russen ebensogut wie von Juden vertreten halten. Gewiss muss einem auf der Höhe der Zeit stehenden Juden ein notabene wirklich freisinniger Pole oder Russe willkommen sein, gewiss muss er mit ihnen in rein menschliche Beziehungen zu treten und mit ihnen zusammen an dem grossen Werke der europäischen Entwicklung mitzuarbeiten trachten. Aber diese Pflicht ist in flachköpfiger und wenig gewissenhafter Weise im Nu in einen Frevel verwandelt, wenn sie sich als Selbstpreisgabe auffasst. Und der Frevel ist um so schlimmer, als hinter ihm in Wahrheit gar nicht der inissverstandene Liberalismus, sondern ein sehr unkluges Klugseinwollen liegt. Man hat ja anderwärts schon reichlich Gelegenheit gehabt, den Effekt dieser Politik zu bewundern : Wie sich — von aller ethischen Forderung nach Selbstbewusstsein und Selbständigkeitstrotz abgesehen — mit der Zeit ein schweres Misstrauen gegen die so höflichen und rücksichtsvollen Juden einstellte! Wie der indirekte Einfluss, den die Juden auf die Gesamtheit und das Gemeinwesen ausübten, tausendfach missmutiger ertragen wurde, als ein direkter, ihnen gesetzmässig zustehender jemals ertragen worden wäre! Wie andrerseits die Völker durch die Selbstzurücksetzung der Juden nicht dazu erzogen wurden, sie höher zu achten und etwa grossmütig hervorzuziehen, sondern sie ganz unwillkürlich geringer zu schätzen und ihnen schliesslich jeden selbständigen Schritt zu verargen! Alle diese Lehren sollten nun wirklich gar nichts geholfen haben P Und die Juden des Ostens sollten nun wirklich dieselben Wege gehen als seinerzeit die des Westens und dann wohl auch zu denselben „Errungenschaften" gelangen wie sie? Sie sollten wirklich demselben Fatum verfallen sein, obwohl sie, mit anderen Kräften ausgestattet, ein anderes zu verdienen scheinen? Es sollte ihnen das Gewicht der Masse nichts nützen, das jenen nicht zur Verfügung stand? Es sollte keinen Unterschied machen, dass jenen die eigene Volksseele schon fast entflohen war, als sie in die europäische Zivilisation einzogen, während sie, die östlichen Juden, in nationaler Vollkraft, im Besitz einer jungen, vielversprechenden Kultur ihren Einzug halten? Die Auferstehung der hebräischen Schriftsprache und die wunderbare Geburt des jüdischen Volks- und Schriftidioms sollten nur Eintagslaunen der Entwicklung sein, über die diese ebenso unbarmherzig hinwegschritte wie übe? die jüdischkultarelle Tabula rasa im Westen? Nein, wir brauchen das nicht zu fürchten, haben vorläufig wenigstens noch keine Veranlassung hierzu. Noch gibt es hunderttausende bewusster Nationaler, Noch sind Millionen des Volkes so wenig von assimilatorischen Ideen angesteckt, dass — bis auf einen winzigen Bruchteil — alle in der letzten Volkszählung die jüdische Sprache als Muttersprache angegeben haben. Noch steht das organisierte Arbeiterproletariat — vielleicht will sogar diese Stellungnahme des sozial am meisten in die Zukunft gedrängten Volksteiles das meiste bedeuten — treu und fest zu seiner Nationalität! Und doch darf der Artikel, von dem die Rede ist, nicht ohne Beachtung bleiben. Gewiss birgt ein Zeitungsaufsatz noch nicht ein Volksschicksal in sich. Aber symptomatisch kann er sein und ist er — im Zusammenhange mit anderen Vorgängen und Verhältnissen — in unserem Falle. Das sonderbare Entgegenkommen, das da gegenüber den Russen und Polen empfohlen wird, wird ja wohl gar nicht von assimilatorischen Stimmungen und Gesinnungen uns angeraten. Aber der Rat wächst aus Empfindungen heraus, die einen ausgezeichneten Nährboden für die Demagogie der Assimilation abgeben. Die sogenannte Assimilationsbewegung — so genannt, weil sie noch niemals und nirgends eine wirkliche Assimilation, sondern immer und überall bloss ein unerquickliches Zerrüttungsprodukt zur Welt gefördert hat — lebt ja förmlich von dieser Erbangst der Juden, nur ja nicht offen und entschieden ihre Rechte in Anspruch zu nehmen. Und die Demagogen müssen auch nicht erst geboren werden; sie sind da, sie gehen mitten in dem weltenweit von ihnen entfernten ostjüdischen Volke herum, sinnend, wie sie es herumkriegen könnten. Und nicht alle sinnen bloss, schon haben einige die Kampagne begonnen. Es sind Leute, die einen besonderen Typus der sogenannten Assimilation repräsentieren, einen Typus, den wir in Oesterreich aus Galizien kennen: den jüdischen Polen. Ist es deshalb, weil angesichts der polnischen Judenheit in ihrer ausgeprägten Eigenart der Kontrast um so peinlicher wirkt? Oder ist es, weil der Anteil, den Mode, Sport, Spleen, Aeusserlichkeit aller Art an dieser „Assimilation" haben, grösser ist als an irgend