Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 36 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 „bi* & W$lt" Nr. 36 über den jüdischen Patriotismus und den Wert jüdischen Staatsbürgertunis. Allerdings, mehr als einen Gewinn an Moral werden wir dadurch nicht erzielen. Hat man uns denn einmal in Wirklichkeit als die Staatsbürger zweiter Klasse benehmen gesehen, als die man uns so gerne hinstellt? Vergebliche Mühe für uns, Beweise bringen zu wollen, über die der böse Wille einfach zur Tagesordnung, das hei&st zum Weit er verdächtigen übergeht. Nun sind also unsere russischen Brüder daran gewesen, ihre bürgerliche Tüchtigkeit zu beweisen, wie auch die westlichen Juden daran gewesen sind; aber ihrer aller Schicksal ist es gewesen und dürfte leider bleiben, dass trotz aller Opfer die guten Taten von der schlechten Absicht um allen Nutzen gebracht werden. Nichtsdestoweniger dürfte die russische Judenheit jetzt alle wie immer gearteten Streitigkeiten ruhen lassen, um sich zu einem grossen Werke zu vereinigen, um den Versuch zu machen, durch Statistik den Gang der russischen Judenpolitik zu beeinflussen. Es muss genau erhoben werden, welchen Anteil die Juden an der jüngsten Geschichte des Zarenreiches hatten, damit der Duma, dem Senat, dem Staatsrat Material vorgelegt werden kann, das menschliche Aenderungen im unerträglichen Dasein des Ansiedlungsrayons hervorrufen könnte. Es muss unbedingt die Höhe der jüdischen Kriegskosten im mandschurischen Feldzuge festgestellt werden; vielleicht wird Russland in diesem einen Falle zu einer Kriegsentschädigung bereit sein. Diese Entschädigung kann ihm ja nur Geld eintragen, denn sie besteht in nichts anderem, als dass der Staat Millionen seiner Bürger, deren Tüchtigkeit anerkannt ist, in den normalen Betrieb von Handel und Gewerbe eintreten lässt. Lassen wir uns trotz aller Erfahrungen von jüdischer Hoffnungsseligkeit anstecken und hoffen wir! Hoffen wir in der Art, wie es unser Verhängnis ist: dass es besser werden wird, da es nun einmal nicht gut werden kann! Mit zwingender Gewalt drängt sich bei Erwägung der jüdischen Kriegskosten im mandschurischen Kriege noch eine Betrachtung auf. Sie widerspricht einer beliebten Behauptung der Antinationalen, dass nämlich ein jüdisches Gemeinwesen unmöglich sei. Nun ist aber der Ansiedlungsrayon schon eine Reihe solcher Gemeinwesen, wo die Juden in jeder Beziehung unter sich sind. Und diese Gemeinwesen bringen es zusammen, Millionen zu Kriegszwecken aufzuopfern, eiserne Brigaden heldenhafter Krieger ins Feld zu stellen, tausende toter Leiber und Existenzen auf dem Platze zu lassen, kurz sie bringen es zusammen, die höchsten Forderungen eines Staates glänzend zu erfüllen— für welch eine Belohnung! Ungeheure jüdische Kräfte sind an die Wohlfahrt eines Reiches angewendet worden, das sie wie Fremde behandelt, und wir — wagen zu hoffen, dass nach dem Frieden von Portsmouth unsere Lage friedlicher wird! Das ist kein Märchen! J. Upfimny. Rulid um den Frieden. Warschau, anfangs September. Wir habeia mehr als andere unter dem Kriege gelitten und deshalb ist es kein Wunder, dass wir uns jetzt fragen: Was wird uns der Frieden für Nutzen bringen? Gewiss: wenn jetzt nicht mehr den Familien ihre Väter, den Eltern ihre Söhne genommen werden, um die Schlachtfelder der Mandschurei mit ihrem Blute zu düngen, so ist dadurch allein schon der Friedensischluss zu einem Segen für die Völker geworden. Aber der Krieg hat ja unter uns Juden auch noch andere Opfer gefordert als jene, die den japanischen Geschossen erliegen sind. Sollte nicht jetzt der Friede manche unserer Wunden heilen können? * * * Aller Augen sind in Russland auf Witte gerichtet. Schon damals, als es hiess, dass die jüdischen Bankiers aus New York zu ihm gekommen seien, um gegen das Versprechen einer Anleihe eine Erleichterung der Lage der Juden in Russland zu erreichen, horchten wir hoch auf. Dann, als Witte ausdrücklich dementierte, dass es sich um eine Anleihe gehandelt habe, wurden wir wiederum zweifelhaft. Es schien uns nicht glaublich, dass die Herren lediglich gekommen seien, Herrn von Witte vom Elende der Juden in Russland zu erzählen. Das wusste er ja besser. Er hat ihnen ja auch ganz genau angeben können, dass es mehrere hundert Einzelbestirnrmingein gebe, durch die die Ausnahmsstellung der Juden geregelt wird. Und dann: hatte ja Witte in Portsmouth wirklich was Wichtigeres zu tun, als sich „Judengeschichten'4 erzählen zu lassen. Oder glaubt jemand, dass dieser gute Regisseur den Japanern einen Blick auf den düsteren Hintergrund der russischen inneren Politik verschaffen wollte? Viel eher hat er ihnen durch die New Yorker Besucher zeigen wollen, dass es ihm an Reservekassen nicht fehlt, zu denen er sich den rechten Schlüssel sehr leicht verschaffen könne. Dann aber hat er das Geld doch nicht gebraucht; denn die Japaner hatten nachgegeben. Und ist es so unglaublich — was in diplomatischen Kreisen erzählt wird — dass er ihnen das Nachgeben erleichtert hat, indem er sich bei den amerikanischen Juden für eine dien Japanern zu gewährende Anleihe einsetzte? Wenn er den Herren Besuchern dafür einiges Wohlwollen für seine jüdischen Landsleute versprochen! hat, so wollen wir nur wünschen, dass er bald in eine Position gelange, in der ihm die Betätigung dieser guten Gesinnung ermöglicht wird. Gelegenheit genug findet er ja in Russland. Denn für den Moment scheint es hoch oben noch Kreise zu geben, in denen die Blutsteuer, die die Juden in diesen letzten zwei Jahren' gründlicher als alle anderen zahlten, auch nicht im geringsten eine Aenderung des gewohnten Kurses gegen uns zu bewirken vermochte. Das Organ des Kriegsministeriums, der „Russk. Invalid", gerfiel sich z. B. zur Zeit der Friedensverhandlungen! darin, eine ganz unglaubliche Hetze gegen uns zu beginnen: Er rechnete zur Freude aller Kruschewans und Suworins aus, dass der Prozentsatz der jüdischen Fahnenflüchtlinge grösser sei als der aus den anderen Nationen. Jetzt haben ihm freilich die jüdischen Blätter geantwortet,, dass er vergessen habe, die exakten Zahlen anzuführen, dass er ferner sehr gern ungeborene und gestorbene Rekruten unter die Zahl der Waffenpflichtigen einreihte, dass er nicht leicht eine an d e r e Nation anführen könne, deren Frauen und Kinder von Haus und Hof gejagt wurden,, weil die Männer und Väter in den Krieg gezogen und daher durch den Wechsel des Aufenthaltes das Wohnrecht verloren hatten; und dass auch die Begeisterung für einen Krieg bei jenem sinken müsse, der zwar allen Gefahren dieses Kampfes entgegengehe, der aber von vornherein wisse, dass er an den Ehren dieses Kampfes nicht teilhaben könne. Die Verlustlisten zählen die Namen der Juden auf, die auf den verschiedenen Schlachtfeldern bluteten und verbluteten — und inzwischen wirft der „Invalid" ihnen Mangel an Patriotismus vor. Da die Juden doch den Leuten, die in Russland obenan stehen, auf keine Weise ihre Kreise stören, was soll diese Stimmungsmacherei? Sind in Kertsch und in Bialystok noch nicht genug Flinten losgegangen!? Sollen wieder die blutigen Wogen über dem Ghetto zusammenschlagen? Man hat ja die Juden am Kriege schuld sein lassen, es scheint, dass manche im Sinne haben, sie auch für den Frieden verantwortlich zu machen * * *