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Die Welt · 1905-09-01 · 35 (1.9.1905) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
35 (1.9.1905)
Date
1905-09-01
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 „bic * weit11 Nr. 35 Sie dankt und preist den Allmächtigen, dessen Hand sie voller Güte gestraft und ihren Mann einen solchen Wahn geschickt. Ein anderer tobt, schreit und schlägt die Scheiben entzwei. Sein Wahn ist wenigstens leise und still . . . Wenn sie Geld hätte, würde sie gerne mit ihm zu einem „guten Judenu fahren. „Er ist so gut," prahlt sie, „dass er nicht einmal „poltert*! Früher hat er weit eher geschimpft und geschrien. Jetzt ist er still wie ein Täubchen. Er fordert nicht einmal zu essen.u Gibt man ihm, da isst er, wenn nicht — dannist auch gut. Nur manchmal nimmt er nachts — meistens in Vollmondnächten — die Geige von der Wand und spielt. Mitunter klagen seine Töne, mitunter lachen sie, bald klingen sie bittend, bald zürnend* Manchmal reisst er wütend die Saiten, manchmal berührt er sie so zart, so leise und sanft, dass es den Zuhörer erbeben lässt. Und die Leute sagen: „Er spielt für den Teufel." Jules Verne — ein Jude. Unser N. S o k o 1 o w hat es vor zwei Jahren im Warschauer „Izraelita" ausgesprochen. Er hielt ihn für einen aus seiner Vaterstadt Plock in Russisch-Polen ausgewanderten O 1 s z e w i c z, der das polnische „Olsza" (Else, Erle) in das französische „Verne4 übertragen. Darob erhob sich natürlich ein Sturm der Entrüstung und man konnte den Juden wieder einmal Zudringlichkeit und Chauvinismus vorwerfen. Auch die „anständigen" Blätter bemühten sich ,den Nachweis zu führen, dass Verne selbst jede Verwandtschaft und Beziehung zu den Juden abgeleugnet habe, dass er vielmehr von rein katholischer Abstammung sei. Sokolow Hess sich von dem Lärm, der den Juden diesen1 grossen französischen Popularisator missgönnte, nicht einschüchtern. Ihm schwebte noch immer der „alte Olszewicz" in Plock vor, der „fromme Deutsch", wie er seiner modernen Tracht wegen genannt wurde, der viel von der Welt gesehen und noch mehr von Florenz, Breslau und sogar Amerika in phantasiereichen Bildern zu erzählen wusste und der ihm (Sokolow) des öfteren erzählte, sein Sohn oder Neffe sei vor Jahren in die grosse Welt hinaus und halte sich irgendwo in Italien oder in Frankreich auf. Sokolow amüsierte sich ganz Justig, als in Jules Verne nach dessen vor einigen Monaten erfolgten Tode die Offenbarung des „französischen Genius" gefeiert wurde und er beharrte im Bewusstsein, dass der gefeierte französische Verne doch der Jude Olszewicz aus seiner Vaterstadt Plock sei. Unter den Blättern, die sich am meisten über den „jüdischen Chauvinismus" aufhielten, figurierte obenan das Warschauer „Slowo". Und nun bringt dasselbe Blatt in seiner Nummer 210 vom 20. August 1. J. folgenden Artikel unter dem Titel: Juliusz Verne. Der katholische Priester Paul Smolikowski richtete an die „Gazeta Narodowa" den folgenden Brief: „Ueber den vor kurzem verstorbenen französischen Schriftsteller Jules Verne wurden Gerüchte verbreitet, er sei in Polen geboren, ein zum katholischen Glauben übergetretener Jude gewesen. Nicht alle Leser scheinen diesen Gerüchten zu glauben. Allein ich fand im Archiv der katholischen Geistlichkeit vom Orden der „Auferstandenen1' (Zrnartwychwstancy) Briefe, die darauf Bezug haben und der Veröffentlichung nicht entzogen werden dürfen. Der Priester Semenenko schrieb am 16. August aus Rom an den Priester Jelowicki in Paris wie folgt: Im Laufe des Juli und der Hälfte August blieb ich allein in Rom zurück und dies wirkte ungünstig auf meine Gesundheit. Zur grösseren Anstrengung reiste ich nach Montereuili mit unserem Jules Verne, der aus Konstantinopel herkam. Infolge der grossen Hitze überfiel mich ein Fieber, das mich sehr arg mitgenommen hat. Da ich von Jules Verne sprach, will ich ausführlicher über ihn schreiben. Ich verbrachte in seiner Gesellschaft zehn Tage. Aus den Gesprächen, die ich mit ihm führte, erkannte ich nun, abgesehen davon, was ich bereits früher wusste, dass er ein Mann von glänzenden Fähigkeiten ist und dass er einer guten Sache grossen Nutzen bringen kann. Leider hat er keine gesicherte Lebensstellung, die ihm einen grösseren entsprechenden Einfluss verschaffen könnte. Er sagte mir, dass die Regierung ihm mehrere Stellen anbiete, die sehr einträglich wären. Vor seiner Abreise aus Konstantinopel habe er mit der dortigen Regierung über eine Stelle im Ministerium des Innern und dem Regierungsrate mit einem Jahresgehalte von 30 000 Fr. verhandelt. Wenn er aber dieses Amt angenommen hätte, wäre er seiner persönlichen Freiheit beraubt und ein gewöhnliches Glied in der Maschine des Staates geworden, die oft zu Handlungen zwingt, die seinen Anschauungen widersprächen. Hier in Rom sei er vom Drange beseelt worden, in des heiligen Vaters Dienste zu treten und er glaubt, er könne Grosses leisten. Er will hier bleiben und sich selbst seinen Weg bahnen. Aber es ist notwendig, ihm eine gesicherte Stellung zu verschaffen; diese kann er nur durch eine entsprechende Heirat erlangen. Aus seinen Heiratsplänen erkannte ich, dass er ein kluger, vorsichtiger und edeldenkender Mann ist. Aber es ist besser, ihn selbst anzuhören. Das ist alles, was Jules Verne betrifft. Wenn Sie, lieber Pater Alexander, mir beipflichten, dass es sich lohnt, sich mit der Sache zu befassen, wollen Sie mit ihm sprechen. Er bat mich, an Sie darüber zu schreiben, und ich glaube genug geschrieben zu haben. Ich bemerke, dass ich Sie nicht beeinflussen will und kann, da solche Angelegenheiten Herzenssache sind. Ich sage nur, dass ich mich für ihn sehr interessiere und glaube mich nicht zu irren. Noch eines: Jules Verne hat schon längst von der jungen Frau N. gehört, die jetzt frei sein soll Könnte da vermittelt werden?" Statt des Priesters Jelowicki antwortete Semenenko der Priester Kaczanovski am 24. August: „Der Pater Alexander las mir Ihren Brief vor und ich gestehe, dass Ihr Projekt, Olszewski mit Frau N. zu verheiraten, einen schmerzlichen Eindruck auf mich gemacht hat. Vorausgesetzt, dass Frau N. von der ersten Ehe durch regelrechte Annullierung frei sei, geziemt es sich da, einer geschiedenen Frau die Schliessung einer zweiten Ehe anzuraten? Sollte man nicht eher solche Ehen als Unsitte verhindern, da diese Unsitten leider in unserem Lande so sehr überhand nehmen? Sieht denn Pater Peter nicht eine grosse Sünde darin, irgend einem Frischgebackenen in der Zerstörung der Ehebande zu helfen zum Nutzen des Täuflings und zum Schaden der kirchlichen Lehre von der Ehe? Zu einer solchen Tat soll ein Mann wie Sie, Pater Peter, seine Hand bieten? Im besten Falle würde in dem Täufling das alte Israel wieder zum Bewusstsein erwachen, denn, wie er mir selbst andeutete, bereue er, sich getauft und ein Volk verlassen zu haben, zu dem er gehörte, ohne ein anderes zu finden, das ihn aufnehmen wollte. Das wären, Pater Peter, die Folgen Ihres Eheprojektes. Schade, dass Sie unnützerweise den Pater Alexander mit Ihrem Olszewicz in Verlegenheit brachten." Damit war der Briefwechsel nicht zu Ende. Am 21. August schrieb der Priester Kajszewicz an Kaczanowski: „Auch ich sagte es dem Priester Peter, dass er sich zu sehr mit seinem Jules Verne engagiere. Besser wäre es, ihn den Polen näherzubringen, da er ein überaus fähiger Mann ist. Wir aber sollten uns um die Sache nicht kümmern; wir müssen an dem Grundsatze festhalten, keine Ehe zu ver-

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