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Die Welt · 1905-09-01 · 35 (1.9.1905) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
35 (1.9.1905)
Date
1905-09-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr, 85 „bie * w*it" Seite 11 taten der jüdischen Soldaten und der einheimischen Juden während der Belagerung Port Arthurs. Es ist ergreifend, zu lesen, unter welchen Strapazen und Gefahren des Dienstes die jüdischen Soldaten ihren religiösen Pflichten nachkamen und mit welcher Aufopferung und Fürsorge die Krankenpflege von der jüdischen Zivilbevölkerung ausgeübt wurde. Der jüdischen Einwanderung in England wird anlässlich der Erörterung der Aliens Bill ein interessanter Aufsatz gewidmet, in welchem auf die Arbeit M. J. L a n d a s, die im „Forinightly Magazine" für Juni erschienen ist, Bezug genommen wird. Der jüdische Einwanderer, heisst es dort, ist physisch und moralisch den anderen Bewohnen Eastends überlegen. Er ist nüchtern, arbeitsam und zeigt grossen Eifer für Erziehung und Bildung. Die jüdische Schule in Whitechapel, dem grössten jüdischen Distrikt Londons, weist 85°/0 Schulbesuch auf und die jüdische Schule in Leeds gar 99*47%, durch 7 Jahre mehr als 98°/0. Die Kriminalstatistik weist eine bedeutend stärkere Beteiligung der Amerikaner auf. Dieselben bilden 6% der fremden Bevölkerung und beteiligten sich mit 2374°/0 an den Verbrechen der Einwanderer. Die Eussen und Polen, dia 33% der fremden Bevölkerung bilden, figurieren mit 17% an der Fremdenkriminalistik, Die Juden schaffen neue Arbeitszweige und fungieren keineswegs als Lohn drücken Die Löhne sind gestiegen und die Erwerbsmöglichkeit ist grösser geworden, da viele Güter, die früher eingeführt werden mussten, jetzt in England erzeugt werden. So zum Beispiel beschäftigt jetzt die von jüdischen Einwanderern eingeführte Kleiderfabrikation in North Leeds 20.000 nichtjüdische Arbeiter. In New York hat sich dem „Jewish Comment Baltimore0 zufolge ein grosser „Verband der Galizianer und Bukowinaer Juden" gebildet, der mehr als 10.000 Mitglieder zählt. Er gibt ein Wochenblatt im Jargon „The Jewish Weekly" heraus. Bei der ersten Jahresversammlung, die drei Tage währte, wurde beschlossen, ein Heim für Einwanderer, ein Auskunftsbureau und eine Verbandsstelle in Ellis Island zu errichten. Der Verband sowie sein Wochenblatt stehen dem Zionismus sehr sympathisch gegenüber. Der in St. Petersburg erscheinende „Herold" behauptet, dass der amerikanische Botschafter in St. Petersburg durch ein Zirkular alle amerikanischen Konsuln informiert habe, dass fortan Juden, die amerikanische Untertanen sind, die Erlaubnis erhalten werden, nach Russland zu reisen und sich in allen Teilen Russlands aufzuhalten und zu wohnen. Der „J. Chr." bemerkt zu dieser interessanten Meldung, dass auf dem Konsulate der Vereinigten Staaten in London von einem solchen Zirkular nichts bekannt ist. Wie der „Frankfurter Ztg.* aus Bukarest gemeldet wird, schlägt der h o c h o f f i z i ö s e antisemitische „Conservatorul" nunmehr judenfreundliche Töne an. Durch die bekannte „Fremd enapolitik haben in den letzten Jahren mindestens 60.000 Juden Rumänien verlassen. Lauter kräftige junge Arbeiter, Handwerker und Kaufleute. Ihre Positionen haben die Griechen eingenommen, die, von der Regierung nachsichtig behandelt, bald leitende Stellungen eroberten und sich dem Lande fühlbar machen, indem sie es zu ihren Gunsten ausbeuten. Der „Conservatorul" bedauert nun diesen Wechsel. Ob diese Einsicht auch zu einem Wechsel der Politik den Juden gegenüber führen wird?? In einer Zuschrift an den „Jewish Chronicle" warnt J. M- Trachtenberg davor, Wittes Versprechungen in Bezug auf die russische Judenpolitik als bar anzunehmen, bevor man sich absolute Sicherheiten dafür verschafft habe, dass Wittes Zusagen auch wirklich von der zuständigen Stelle approbiert werden. Vor noch nicht langer Zeit habe ein Londoner jüdischer Bankier, zugleich Mitglied des Parlaments, mit Witte wegen einer kleinen Anleihe — 14 Millionen Pf. St. — verhandelt und die Zusicherung erhalten, es werde den Juden durch ein Gesetz das Recht des Aufenthaltes in Sibirien gewährt werden. Kurz darauf gab derjenige, von dem sich Witte seine Instruktion bezüglich jener Zusicherung geholt hatte, den Befehl, dass die in Sibirien geborenen Juden sich nur an ihren Geburtsorten aufhalten dürften! — Von Witte selbst teilt Trachtenberg die nicht allgemein bekannte Tatsache mit, dass er mit einer Jüdin verheiratet ist. Seine jetzige Frau war, als er sie kennen lernte, verheiratet, und Witte;war ihr bei Erlangung der Scheidung behilflich. Als Wittes Schwiegermutter im Jahre 1892 (oder 1893) starb, wurde sie auf dem Petersburger jüdischen Friedhofe begraben und das Ehepaar Witte suchte selbst den Stein für ihr Grabdenkmal aus. Frau Witte ist niemals am russischen Hofe empfangen worden, obwohl sie die Religion ihres berühmten Mannes angenommen hat In einem „Das Herz Polens" betitelten Leitartikel konstatiert das allpolnische „Slowo Polskie" (Lemberg) mit Bedauern, dass Warschau immer mehr von Fremden besiedelt wird. Während die Gesamtbevölkerung in den letzten 20 Jahren um 90% zugenommen (1884 — 404.889, 1904 — 771.382 Seelen), hat sich die Zahl der orthodoxen Russen verdreifacht (1884 — 12.702, 1904 — 36.335), die der J u d e n verdoppelt (1884 — 137.195, 1904 — 274.378), die Zahl der Katholiken und Polen ist jedoch nur um 85% gewachsen (1884 — 236.644, 1904 — 438.815) und die der Evangelischen heit Polen) nur um 18% (1884 — 18.095, 1904 - 21.253). Auf 100 Einwohner entfielen im Jahre 1884 1904 Kathol. 58 45 56-89 — 1 56 Juden 33*88 35-57 4- 1 69 Russen 3-13 4-71 -f 1«58 Evaug. 4*47 2*75 — 1-72 Der Zuwachs der Russen erklärt sich durch die energische Zarenpolitik. Das Wachstum der jüdischen Bevölkerung ist eine konstante Erscheinung, die vom ökonomischen Charakter der Stadt abhängt. Warschau ist nämiich ein Handelszentrum, welches zwischen Europa und Russland, dem Westen und Osten, vermittelt, Und diese Vermittlung ist fast ein Monopol des jüdischen Volkes. Daher der auch künftighin zu gewärtigende Zuzug von Juden, womit man ernst rechnen muss. Im letzten Jahrzehnte wuchs auch ihre Zahl infolge der Ausweisungen aus Russland. Diese russischen Juden sind ein eifriges russifikatorisches (?!) Element. Im Jahre 1884 waren alle intelligenten und halbintelligenter! Juden — Polen, während die Massen dem Konservatismus huldigten. Jetzt sind sie teilweise russifikatorisch, teilweise aber zionistisch, im allgemeinen ein polenfremdes, wenn schon nicht gar feindliches Element. Die Assimilationssucht ist sogar nnter der jüdischen Intelligenz bedeutend gefallen. Das Blatt setzt seine ganze Hoffnung auf die baldige Autonomie Polens. W. „Hasman*, Monatsschrift für Leben, Literatur, Kunst und Wissenschaft. I. Jahrg., Heft V, VI (Mai-Juni), 1905. Soeben ist von dieser vortrefflichen Monatsschrift das den zweiten Band abschliessende Doppelheft erschienen. Leider haben die häufigen Arbeiterstreiks in Rassland das pünktliche Erscheinen nichtnur der Tagespresse, sondern auch der periodischen Schriften unterbunden und so musste die Monatsschrift im August anstatt Juni erscheinen. Das Heft enthält nebst schönen belletristischen und dichterischen Beiträgen von Frischmann, Schalom-Aleichem, Steinberg, Hirschbein und anderen die Fortsetzung von Georg Brandes' „Menschen und Werke" (übersetzt von Dr. Ehrenpreis), Briefe des hebräischen Dichters Mapu aus den Jahren 1857—67, herausgegeben von Doktor Slouschz und manchen anderen wichtigen Beitrag, der Höhe entsprechend, auf die diese literarische Revue seit ihrer Begründung gestellt ist. B. Ein neues literarisches Institut. Trotz des mehrjährigen Bestandes zweier literarischer Gesellschaften in Warschau, die auf einzelnen Gebieten manches Nennenswerte geleistet haben, ist auf dem hebräischen Büchermarkte in der letzten Zeit kein Werk von tieferem Gehalt und grösserer Bedeutung erschienen, wenn man von einigen wenigen Neuauflagen und Sammlungen zerstreuter Arbeiten einzelner Schriftsteller absieht. Diesem Mangel gab man in einer in Basel am vorletzten Kongresstage stattgefundenen Versammlung von hebräischen Schriftstellern sowie Freunden und Gönnern der hebräischen Literatur Ausdruck. Ueber Anregung von Dr. Bernfeld und S. Hurwitz erging ein von vielen Schriftstellern gezeichneter Aufruf zur Gründung eines Unternehmens für die Förderung hebräischer Literatur und Verbreitung jüdischen Wissens. Herr Hurwitz referierte in hebräischer Sprache über die Notwendigkeit einer solchen Institution, die abseits und unbeeinflusst von der politischen Strömung über allen Parteirichtungen stehen und einen Sammelpunkt für alle unsere literarischen und wissenschaftlichen Kräfte bilden solle. Es solle ein ähnliches Institut entstehen wie das seinerzeit von Philipp söhn und Jost geleitete „Institut zur Förderung der israelitischen Literatur'-, das mit Hilfe mässiger Subskriptionen während <-iner beinahe 30jährigen Tätigkeit die jüdische WissenFchaft mit den bedeutsamen Werken von Graetz, Jost, PhilippRohn, Kays^r- 1 i n g, Geiger und anderen versehen hat. Nach einer kurzen, s?hr sachgemässen Debatte, die von Dr. L. Kahn und R. B r a i n i n abwechselnd geleitet wurde, wurde ein vorbereitendes Komitee eingesetzt, das sich auf alle Länder verteilt. Das Arbeitsprogramm wird demnächst erscheinen

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