Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 35 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „im* # wett« Nr. 35 wunderte sich wohl über Herrn Luden Wolfs Zeilen im „Jewish Chronicle" vorige Woche. Er ist ein Vogel, der immer über einem Schiffe schwebt, wenn ein Sturm im Anzüge ist (Gelächter), und wenn die übertriebenen Behauptungen über den Kongress eischienen, regte er die Schwingen. Seine ersten Worte sind charakteristisch: „Der Zionismus ist hoffnungslos bankrott!" Herr Wolf scheint einigermassen meschugah zu sein, was Bankrott anbetrifft» (Gelächter.) Vor einigen Monaten schrieb er der „ Timesu etliche Briefe, um zu beweisen, dass Russland bankrott sei. Jetzt sagt er, der Zionismus sei es. Ich glaube, er irrt sich in dem einen sowohl wie in dem anderen Falle. Das schlimmste dabei ist aber, dass Herr Wolf aus seinen eigenen Vorurteilen Meinungen zu machen scheint und dann höchst ärgerlich ist, wenn der einfache Umstand, dass er ein vernichtendes Urteil über etwas ausspricht, nicht genügt, um seine Meinung zur Tatsache zu machen. Herr Lucien Wolf sagte, Russland sei bankrott und er ist wirklich unwillig darüber, dass es nicht sofort seine Fensterläden schliesst; er betrachtet es als eine Impertinenz von Russland, seinen Laden offen zu halten, nachdem er sein Verdammungsurteil erlassen hatte. (Gelächter.) Dasselbe hat er am Zionismus auszusetzen. Er hat keine Sympathie dafür und er dauert doch fort. Es scheint nun, dass neulich dem russischen Botschafter in Amerika — wir wollen hoffen, dass er ein Friedensbote ist — von einigen Juden Vorstellungen gemacht wurden, die zu verstehen gaben, dass, wenn Russland mit seinen jüdischen Untertanen anders umgehen wolle, die Juden Russland finanziell unter die Arme greifen würden. Herr Wolf war wütend. Er schrieb an die „Times" — nein, er schrie in der „Times". (Gelächter.) Wie durften jene Juden es wagen, an finanzielle Geschäfte mit Russland auch nur zu denken? Hatte nicht Herr Wolf gesagt, Kussland sei bankrott? Und nun wagten sie es, mit dem russischen Botschafter über einen solchen Gegenstand zu unterhandeln, ohne vorher Herrn Wolf um Erlaubnis zu fragen? (Gelächter.) Denn hatte nicht Herr Wolf darüber an die „Times" geschrieben? Und dann hatte jener Journalist noch die Kühnheit, Herrn Schiff über Finanzen und Herrn Oskar Strauss über Diplomatie Vorschriften zu machen, und endet mit der Behauptung, dass sein Brief an die „Times* die grosse Frage, ob Krieg oder Frieden zwischen Russland und Japan bevorsteht, beinflussen könnte. (Gelächter.) Ist es der Mühe wert, die Ansichten und Meinungen eines Mannes, der sich so anschlägt, ernst zu nehmen? Er sagt, dass wir Zionisten „wahnwitzig" sind. Ich hätte gemeint, dass ein Herr, dessen angenommene literarische Begabung genügte, um seine Ernennung auf ein Jahr zum Präsidenten des Bundes Jüdischer Literarischer Gesellschaften zu rechtfertigen, einen weniger beleidigenden Ausdruck hätte wählen können und vor allem einen, der seinen eigenen geistigen Zustand in ein weniger klares Licht stellte. Er kann sich dieses Ausdruckes bedienen, wir werden ihn nicht vergessen, Nun, dieser Herr Wolf — der nicht wahnwitzig ist — bezeichnet unser Streben nach Palästina als „Torheit*. Was ist seine Geschichte? Herr Wolf der — nicht wahnwitzig ist — machte faktisch dem verstorbenen Herrn von Plehwe den Vorschlag einer ausgedehnten jüdischen Kolonisation, Und wo? In der Mandschurei. (Gelächter.) Nur zu viele unserer armen Juden sind leider dahin ausgewandert, aber welch ein staatsmännischer Ueberblick in einem, der nicht wahnwitzig ist! Welch eine Eingebung war die Mandschurei! Herr Wolf macht einige Angaben über den ostafrikanischen Plan, die einfach falsch sind und ich werde ihm bei anderer Gelegenheit darauf antworten. Jetzt können wir Herrn Wolf beiseite lassen und wir können seine Ansichten, seien sie über die russischen Finanzen, über Zionismus, über die Mandschurei oder über Ostafrika, mit Gleichmut aufnehmen, denn er hat jeden, der nicht mit ihm übereinstimmt, für „wahnwitzig" erklärt. Ich möchte jedoch Herrn Wolf, der jahrelang mein guter persönlicher Freund gewesen ist, bitten, sich zusammenzunehmen, solange es noch Zeit ist. Er kennt doch sicherlich die Geschichte von dem Manne, der eine Irrenanstalt besuchte und einen der Einwohner fragte, was ihn dahingebracht hätte. »Nur eine Meinungsverschiedenheit", war die Antwort. „Ich behauptete die Welt sei verrückt und die Welt sagte, ich sei es. Die Welt war in der Mehrzahl." (Gelächter,) Ich bin ersucht worden, Ihnen den folgenden Beschluss vorzulegen: Dass diese Versammlung von Londoner Zionisten ihre unabänderliche Absicht, für das Heil des jüdischen Volkes dadurch zu wirken, dass sie für dasselbe ein gesetzlich gesichertes und öffentlich anerkanntes Heim gründen, erklären, und auch ihrem Entschlüsse Ausdruck geben, die während des siebenten zionistischen Kongresses getroffenen Entscheidungen bis auf das äusserste durchzuführen. Ich lege Ihnen diesen Beschluss von ganzem Herzen vor und bin überzeugt, dass Sie demselben sich einstimmig anschliessen werden. Ich bitte Sie aber, noch mehr zu tun. Ich bitte Sie, ihm nicht nur dem Buchstaben, sondern auch dem Geiste nach beizustimmen und wo Sie nur können, Zwistigkeiten zu verringern und Punkte, mit denen Sie übereinstimmen, hervortreten zu lassen. Unser Werk ist auch unter den günstigsten Umständen ein schweres; da sind noch manche Furchen zu ziehen und manche Stoppeln wegzuräumen, bevor wir nur hoffen können, die Saat zu säen, die wir ernten möchten. Wir können nur stark und guten Mutes sein und überzeugt sein, dass eine gute und gerechte Sache in unserer Obhut ist, die Sache Israels, und dass der Hüter Israels uns schützen und unser Werk fördern wird. Wir haben schwere Zeiten durchgemacht, wir haben unser volles Mass von Leid gehabt; vielerlei Prüfungen mögen uns noch bevorstehen. Aber lasst uns nicht mutlos sein. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Mögen die, die die köstliche Saat mit sich tragen, weinend hinausgehen; sie werden sicherlich in Freuden zurückkehren mit den Garben der Ernte. (Stürmischer Beifall.) Die Resolution wurde mit Akklamation angenommen und die Versammlung nach einer Dankeskundgebung an die Delegierten und den Vorsitzenden unter Absingung zionistischer Lieder geschlossen. ^ribüoe. (Für diese Rubrik ist die Redaktton nicht verantwortlich.) Für die Feiertage. Der theologische Verein der Hörer an der israelitischen theologischen Lehranstalt in Wien empfiehlt den P. T. Gemeinden seine Mitglieder als Prediger an den hohen Feiertagen. Gef. Zuschriften sind zu richten an Dr. Gustav Sicher, IL, Bembrandtstrasse 28, Mezzacin. # * * Mitteilungen des innerösterr. Distriktskomitees. Das innerösterr. Distriktskomitee teilt mit, dass auch dieses Jahr in allen Räumen des Kongressbureaus (IX., Türkenstrasse 9) an den hohen Feiertagen ein Gottesdienst stattfindet, weshalb die P. T. Gesinnungsgenossen 'A ihre Damen eingeladen werden, rechtzeitig ischten Plätze zu belegen.