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Die Welt · 1905-09-01 · 35 (1.9.1905) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
35 (1.9.1905)
Date
1905-09-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „b\z # Weit11 Nr. 35 Ruhe, und ich meine, dass wir wohl hoffen dürfen, dass, wenn der siebente Kongress auch nicht sofort Ruhe und Frieden in die Reihen der Zionkten bringt, er doch die Grundlage der Einigung über eine Sache gelegt hat, die die Harmonie unserer Organisation ernstlich störte. Bevor ich aber auf diese Sache näher eingehe, muss ich hier protestieren gegen übertriebene — böswillig übertriebene — Behauptungen, die in der englischen Presse über die Vorgänge während des Zionistenkongresses erschienen sind. Ich habe immer mit Stolz der Ansicht gehuldigt, dass die Presse dieses grossen Landes einen so hohen Begriff von ihrer Stellung und Würde hatte, dass sie unter keinen Umständen die Wahrheit der Sensationshascherei opfern würde. Und ich bin noch immer dieser Ansicht. Wenn dieser hohe Begriff aber aufrechterhalten werden soll, so ist es klar, dass Redakteure und Leiter der Zeitungen in der Wahl ihrer Berichterstatter die grösste Sorgfalt ausüben müssen, besonders wenn es sich um Vorgänge im Auslande handelt, wo es schwer ist, solche Berichte zu kontrollieren. Es tut mir leid, sagen zu müssen, dass in bezug auf den Kongress diese Sorgfalt augenscheinlich nicht ausgeübt worden ist. Der „Daily Chronicle" wpr, denke ich, am meisten zu tadeln. Da wurden Geschichten von Handgemengen und anderen Ausschreitungen aufgetischt, von Versuchen, die Rednerbühne zu stürmen, und von durch versammelte Raufbolde geleistetem Widerstande, die alle nur der Phantasie des Berichterstatters zur Schande gereichen. Eine andere Zeitung betitelte in ihrem einzigen Berichte über den Kongress den betreffenden Artikel „Zionistisches Pandämonium". Ich habe einige Erfahrung von öffentlichen politischen Versammlungen in England, wo die Gemüter sehr erregt waren, und habe Szenen beigewohnt, die viel zügelloser waren und viel mehr an Pandämonium erinnerten, als die wildesten, die in Basel stattfanden, und die dort Versammelten waren nicht mit der angelsächsischen Kaltblütigkeit zur Welt gekommen. Ich brauche Sie nicht an die vielen Ausbreitungen zu erinnern, die in diesem Lande vorgekommen sind. Ich brauche nicht auf die aufgehobenen Versammlungen — und blutigen Köpfe — hinzuweisen, die zur Zeit der Gorn Law Agitation (Agrargesetze) so häufig waren, oder in neuerer Zeit auf Lany Mack oder auf Mr. Lloyd Georges Flucht unter Polizeischutz aus der Hintertür des Rathauses in Birmingham. Im Parlament selbst sind in den letzten Jahren stürmischere Szenen vorgekommen als die, die während des Zionistenkongresses stattfanden. Ganz kürzlich rnusste der Präsident die Sitzung aufheben, weil ein Minister beharrlich von der Gegenpartei überschrien wurde, und vor nicht geraumer Zeit hatten Tories, die sich den Freuden der Tafel zu rückhaltslos hingegeben hatten ein Scharmützel im Parlamentshause. Diesem Grunde konnten jedenfalls die Vorkommnisse während des Kongresses nicht zugeschrieben werden. Da lagen die Dinge anders. Manche unserer Delegierten konnten Basel nur erreichen, nachdem sie sich wochenlang den äussersten Entbehrungen unterzogen hatten. Manche, sagte man mir, legten viele Meilen mühevoll zu Fuss zurück, hochgebildete Männer taten die untergeordnetste Arbeit, um nur genug Geld zu erwerben, um nach Basel zu kommen. Und eine grosse Anzahl darunter war nur mit ihrem Leben davongekommen, der Schatten der „Pogroms* lag über ihren Heimstätten und bedrohte das Leben ihrer Nächsten und Liebsten. Die Minderzahl, die sich irgend welchen Ausschreitungen hingab, kam nach Basel mit dem Gefühl, dass die eiste Gelegenheit, die unserem Volke gegeben werden sollte, den lebenden Tod, dessen tägliche und stündliche Opfer sie waren, zu mildern, verworfen werden sollte. Jene Minderzahl kam nach Basel mit dem schmerzlichen Gefühl, dass sie durch Mittel, die nicht die gerechtesten waren, zur Minderzahl gemacht worden waren. Wenn wir alle diese Umstände in Betracht ziehen, wenn wir uns sagen,, dass die Mehrzahl eine lebhafte und in vielen Fällen fast fanatische Furcht davor hegte, dass das Werk ihres Lebens vernichtet werden sollte, dass ihre Hoffnungen, ihre Ideale, ihre Bestrebungen einen Schlag erhalten sollten, den sie nie wieder überwinden würden, und dass diese Mehrzahl bei der Abstimmung einen überwältigenden Sieg davongetragen hatte; wenn wir alle diese Umstände in Anbetracht ziehen, so können wir uns nicht über die Gefühlsausbrüche beklagen, die während des Kongresses stattfanden. Kein Berichterstatter, der seinen Lesern eine wahrheitsgetreue Schilderung der Vorgänge bieten wollte, hätte die Ausschreitungen, die etwa vorkamen, übertrieben, sondern wäre bemüht gewesen, die lokalen Verhältnisse, die allgemein bekannt waren, zu erläutern. In der Tat ist das Gegenteil geschehen und der Welt ist ein trügerisches Bild vorgelegt worden, welches in manchen Fällen, wo keine Böswilligkeit vorlag, das Resultat krasser und augenscheinlicher Unwissenheit war. Ich sagte, dass ich hoffe, der siebente Kongress habe wenigstens die Grundlage gelegt zum vollen Verständnis einer Frage, die uns seit zwei Jahren beschäftigt hat. Ich hätte vielleicht sagen sollen: zwei oder drei Fragen. Was Ostafrika anbetrifft so sehe ich nicht die geringste Veranlassung, die Ansichten zu ändern, die ich häufig über dieses Anerbieten öffentlich ausgesprochen habe. Ich zweifle nicht daran, dass, wenn der Kongress es möglich gemacht hätte, dasselbe anzunehmen, dem Judentum eine Wohltat erwiesen worden und dass damit ein wichtiger Fortschritt in der Nationalisierung unseres Volkes getan worden wäre. M. Ussischkin sagt, in dem vom Präsidenten vorgelesenen Briefe, dass kein Sieg und keine Niederlage zu verzeichnen ist. Ich kann nicht mit ihm übereinstimmen. Er hat einen grossen Sieg angebahnt und durchgeführt und den Schatten eines Gespenstes besiegt. (Gelächter.) Denn er und diejenigen, die mit ihm arbeiteten, huldigten dem Wahne,, dass das, was sie zu bekämpfen hatten, eine Verdrängung Zions durch Ostafrika war. Ich bin dieser Ansicht stets feind gewesen und bin es noch jetzt. Ich leugne, dass eine solche Verdrängung jemals in Aussicht genommen worden ist und dass sie jemals hätte erfolgen können. Ausser in einigen vereinzelten Fällen, wurde Ostafrika niemals als unser Ziel betrachtet und ich habe nie die Furcht geteilt, die so viele beseelte, dass Ostafrika die nationalen Bestrebungen unseres Volkes befriedigen würde. Das war das Gespenst; nun kommen wir zum Schatten. Lange vor dem Kongresse — sobald der Bericht der Expedition veröffentlicht wurde — lag es auf der Hand, dass der Kongress vernünftigerweise zu keinem anderen Entschlüsse kommen konnte als zu dem vom Aktionskomitee empfohlenen. Denn wir waren gebunden durch die sehr weisen Bedingungen des Planes, die Herzl in seinem Briefe vom Dezember 1903 an Sir Francis Montefiore niederlegte. Und die eine Bedingung, die die ganze Zeit mangelte, war öffentliche Unterstützung für den Plan entweder ausserhalb oder innerhalb der Reihen der Zionisten. Ich glaube nicht, dass sie leugnen werden, dass ich wenigstens mein möglichstes getan habe, um diese Bedingung ins Leben zu rufen, wir wurden aber nicht so sehr durch Widerstand geschlagen als durch Gleichgültigkeit. Wir hatten den jüdischen Geist des jüdischen Volkes überschätzt*

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