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Die Welt · 1905-09-01 · 35 (1.9.1905) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
35 (1.9.1905)
Date
1905-09-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „ai^ ö w*ri" Nr. 35 wird er nicht die Minister zur Gerechtigkeit, zur Bestrafung der Schuldigen zwingen und damit am besten der Wiederholung vorbeugen? Wird von solchen Vorgängen in der Duma nicht das Ausland ausführlich Kenntnis nehmen? Und die öffentliche Meinung des Auslandes wirkt in Russland Wunder! Aber auch im Inlande werden Gommuniques wie jene des „ Regierungsboten" über verschiedene Judenexzesse nicht möglich sein, wenn sie gleich darauf in der Duma Lügen gestraft werden. Den Staatsanwalt von Schitomir zum Beispiel, der die dortigen Juden als die Schuldigen hinstellte, würde ein halbwegs informierter Abgeordneter einfach einen Lügner nennen* Glauben Sie, dass das nicht eine Warnung für dergleichen Helden ist? Und nun denken Sie an jene speziellen Judenschmerzen, die nicht, wie die Massakers, ihren Ausdruck in Katastrophen finden, sondern die schleichende Krankheiten an unserem Volkswohl sind: Die Beschränkungen unserer Rechte, Alle Blätter sind einer Meinung darüber, dass die Revision der Judengesetzgebung eine der ersten Angelegenheiten sein wird, die die Duma zu beraten liaben wird. Man gibt sich schon heute der Hoffnung hin, dass die Aufhebung der Wohnungsbeschränkungen und der Bildungsbeschränkungen sich nicht werden umgehen lassen. Das ist dann natürlich absolut eine neue Epoche im Leben des jüdischen Volkes in Russland. Doch wir sind noch nicht so weit. Eines aber ist sicher: Die Judenfrage wird erörtert werden. Dann ist aber wenigstens für die ärgsten Verleumdungen das Ende gekommen. Bisher haben die Feinde und die Freunde der Juden aneinander vorbeigeredet. Die reaktionäre Masse besonders erhielt absolut bloss von den Lügen gegen die Juden Kunde. In der Duma wird sich hoffentlich Gelegenheit finden, dem Feinde Aug' in Aug' gegenüberzutreten. Wir erhoffen davon nicht gar zu viel, aber wir erhoffen davon eine andere Spielart des Antisemitismus; dem russischen Volke wird man natürlich seine Judenfeindschaft nicht nehmen können. Aber den Staatsantisemitismus hoffen wir zu mildern und den Beamtenantisemitismus, der zumeist der Gewinnsucht entspringt, hoffen wir ins rechte Licht zu setzen. Sollten diejenigen, denen wir nichts als die Wahrheit vorhalten werden, allein unter allen Menschen es aushalten, sich ohne Unterlass voreinander schämen zu müssen? Auch die Freiheit des Wortes und die Freiheit der Presse soll von der Duma baldigst beraten werden. „Wir können Ihre Korrespondenz nicht bringen", liest man oft im Briefkasten der jüdischen Blätter, „aus Gründen, an denen wir unschuldig sind" — das ist doch deutlich genug! Die ewige Furcht vor der Zensur herrscht gewiss nicht bloss unter den Juden allein — aber hatte die „Nowoje Wremja* jemals den Zensor zu fürchten, wenn sie gegen uns loszog? So gross war keine Lüge, dass der Blaustift des Zensors über sie gestolpert wäre. Dagegen durfte der Zensor in Kiew bei seinem Rücktritte neulich einem Journalisten das kostbare Geständnis ablegen, er habe die Gesetze über die Zensur nie gelesen. Einigen Provinzblättern hat man neulich verboten, die von der Zensur gestrichenen Stellen im Blatte freizulassen, „Man darf nicht wissen . ..." ist der Grundsatz der Beamten. Wenn die Duma dem ein Ende macht, so wird in Russland aus tausend Munden, die bisher stumm sein mussten, das Leid der Juden schallen. Und kein Minister wird das Blatt wegen »schädlicher Richtung" vernichten dürfen. Und kein Polizist wird ihn einsperren dürfen, wenn er in öffentlicher Versammlung sagen wird, was ihn zu Tode gequält. Die Erkenntnis wird da der erste Schritt zur Besserung sein. Als eine der ersten Angelegenheiten soll auch das Presswesen eine Neuerung erfahren. Für die inländischen Juden hängt das wohl mit der Reform der Wohnrechte zusammen. Auch die Erlaubnis freien Eintrittes für fremde Juden wird von wohltätigen Folgen sein. Sie werden sehen, wie wir leben. Und sie werden laut ihre Stimme erheben, dass dieses Leben sich ändere. Nicht zu unterschätzen ist es auch, dass der Präsident der Duma das Recht des Vortrages vor dem Kaiser hat. Ich glaube, dass selbst das Interpellationsrecht manchen Nutzen schöpfen wird, wenn man von dem schlecht unterrichteten an den besser zu unterrichtenden Minister apellieren darf. Aber wenn uns ein glücklicher Zufall einen aufrechten Dumapräsidenten beschert, sollte dieser nicht in vielen Dingen das Ohr des Zaren gewinnen können? Einige Blätter glauben ferner versichern zu dürfen, dass die Duma baldigst ein Gesetz über die allgemeine Schulpflicht beraten werde. Von den Schulrechten hat man die Juden ausgeschlossen; sowie das Lernen eine Pflicht wird, ist das nicht mehr möglich. Man könnte sonst die Juden für bevorrechtet halten. Die Schulpflicht wäre der wohltätigste Zwang, den ich mir denken kann. Zu befürchten wäre höchstens eine dem Gesetz innewohnende Russifizierungsbestrebung. Aber diese wäre bei den Juden wohl weniger wirksam, als sie es bei Deutschen und Polen war. Der Schulzwang wird für uns alle eine der grössten Segnungen des kommenden Friedens sein. Alles in allem: Ich freute mich, als N o r d a u auf dem Kongresse der Juden den Platz an der Seite der Freiheitskämpfer anwies. Ich glaube mit ihm, dass auch an den Erfolgen dieser Freiheitskämpfe die Juden ihren Anteil haben werden. —tsch. Massenmeeting in London. Wie überall, ist auch in England die Zeit nach dem Kongress eine sehr lebhafte. Es entspricht dem hochentwickelten politischen Sinn der Engländer, dass die Entgegennahme des Berichtes der Delegierten in gross angelegten, der breitesten Oeffentlichkeit zugänglichen Versammlungen stattfindet. Wie gross die Spannung war, mit der dem Bericht über den siebenten Kongress entgegengesehen wurde, zeigt die massenhafte Beteiligung, welche das am 19. August von der English Ziemst Federation veranstaltete Meeting aufwies, welches in der üreat Assembly Hall, die schon oft der Ort denkwürdiger zionistischer Versammlungen war, stattfand. Mit der Verlesung der eingelaufenen Briefe durch den Sekretär A. Val. Finkenstein begann die Tagesordnung. Doktor Gaster, der von England abwesend war, bedauert lebhaft, an der Versammlung nicht teilnehmen zu können. Er ist der sicheren Zuversicht, dass sich alle Kräfte zur Erreichung des Zieles des Zionismus, „der gesetzlich gesicherten» Heimstätte in Palästina4', vereinen werden. Auch Miss Carmei Qoldsmid, die als Rednerin für den Abend fungieren sollte, jedoch am Erscheinen verhindert war, erklärt sich in ihrem Schreiben von den Resultaten des Kongresses höchst befriedigt. Der Kampf zwischen Majorität und Minorität sei nun zu Ende. Für die Zukunft sei Einigkeit aller Kräfte zu erwarten. Der Vorsitzende J. Cowen teilte sodann mit, dass von Wolffsohn (stürmische Hochrufe) und üssischkin Briefe eingelaufen seien und bringt, nachdem er die Demonstration bei

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