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Die Welt · 1905-09-01 · 35 (1.9.1905) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
35 (1.9.1905)
Date
1905-09-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 35 fl&ie $ weit" Seite 3 Was ist von der Duma zu erwarten? Ein Interwiew. Einer unserer Mitarbeiter hatte eine Unterredung mit einer Persönlichkeit, die vermöge ihrer Stellung in der Lage ist, Einsicht in die gegenwärtige Situation der russischen Politik zu haben, die aber auch die Stimmung unserer russischen Stammesbrüder mit Treue wiederzugeben vermag. Die Frage, was das russische Judentum von der Duma zu erwarten habe, stand natürlich im Mittelpunkte des Gespräches und unser Gewährsmann äusserte sich darüber folgendermassen: Ehe das Manifest kam, lautete unsere Frage: Wer wird in der Duma der Vertreter des Judentums sein? Und darin war schon die Bejahung der Frage enthalten, ob das Judentum Vertreter im Reichstag haben werde. Sie werden wissen, dass wir uns heimlich um das Fell des nicht erlegten Bären stritten, dass wir schon Mandate verteilten. Wir taten es mit einem gewissen Stolz. Unsere Leute sollten nicht die schlechtesten sein in dieser Heerschau der Völker Russlands. Sollte Intelligenz und Wissen sich in dem „Hohen Hause" ein Rendezvous geben — gut, so sollten unsere Vertreter zeigen, dass alle Unterdrückung uns nicht hatte hindern können, geistige Schätze in hohem Masse aufzuhäufen. Sollte Geschäftsklugheit und praktische Tüchtigkeit den Ausschlag geben: wir waren auch da in der Lage, Männer von internationalem Rufe zu entsenden. Und selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass das Vermögen, den Auserwählten machen solle, waren wir gerüstet. Nicht gerüstet waren wir allerdings für einen — ich möchte sagen: negativen Fall; dass nämlich das Sprichwort „Wissen ist Macht" bei der ganzen Anlage des Planes für die Wahlberechtigung ins Gegenteil verkehrt werde. Diejenigen, die in Russland in den letzten Jahren den Kampf gegen die Reaktion kämpften, waren naturgemäss die „Intelligenten* in den Städten. Das hat gewissermassen auch körperliche Gründe: man kann den Gegner nur in seiner Gegenwart fassen und darumfiel die Rolle der Stürmer und Dränger der städtischen Bevölkerung zu. Uebrigens sind fast zu allen Zeiten die Staatsreformen in erster Linie von den Städten ausgegangen. Und heuer war ja schon einmal die Nachricht aufgetaucht, dass die russische Bureaukratie das Rad der Zeit zurückdrehen und die Universitäten aufs Land hinaus verlegen wolle. Sie spürte es, dass die „Intelligenz* den Stiel der Axt in den Händen hält, die den Stamm der Reaktion mit schweren Hieben trifft. Was war also aus dem Bestreben der Selbsterhaltung heraus natürlicher, als dass die vom Geiste Pobjedonoszews die Intelligenz von der Duma möglichst fernzuhalten suchten? Und wenn die Intelligenz ferngehalten ist, ist natürlich auch die Judenschaft ferngehalten. Das Wahlrecht auf Grund des Vermögenszensus kann die Juden dafür nicht entschädigen, weil sie wohl sehr zahlreich der mittleren und unteren Kaufmannschaft angehören, wirkliche Grosskapitalisten und insbesondere Leute, die den vom Gesetz als Massstab des grossen Vermögens festgestellten hohen Wohnungszins zahlen, sind doch bloss in verhältnismässig geringer Zahl unter ihnen zu finden. Die Frage ist also nach dem Erscheinen des Gesetzes über die Reichsduma eine ganz andere geworden: wir fragen nicht mehr, wer als Vertreter der Judenschaft ins Parlament einziehen wird, sondern wir sind schon bescheiden geworden und sorgen uns nur noch, ob jemand als Vertreter der Judlenschaft hineinkommt. Die Frage wird verschieden beantwortet und ich möchte den Tatsachen nicht vorgreifen. Nur auf eine Anomalie möchte ich noch aufmerksam machen, die auch bei dieser Gelegenheit wieder zeigt, wie man uns behandelt. Für die Grenzbezirie, das heisst für die nichtrussischen Nationalitäten, werden besondere Wahlgesetze geschaffen werden. Die Nationalitäten werden ungünstiger gestellt sein als die Russen, aber sie werden einige garantierte Vertreter haben. Bisher hat man die Juden in Russland stets als besondere Nation behandelt und ihnen Ausnahmsgesetze diktiert. Nun, da die Konsequenz eintreten sollte, nach der die Juden eigene Vertreter bekommen müssten, lässt man sie in der Ueberzahl der russischen Wähler verschwinden. Also Gleichberechtigung — insofern sie ihnen nur schadet. Es fragt sich also jetzt in erster Linie: Was werden wir von der Duma an sich profitieren? Gewissermassen indirekt — oder: inwiefern werden wir an der Duma mitprofitieren? Ich muss gestehen, ich halte die Möglichkeit dieses Mitprofitierens für sehr gross. Von konservativer Seite ist behauptet worden, dass die liberale Majorität in der Kammer überwiegen wird. Es sprach aus dieser noch nicht ganz bewiesenen Behauptung — ich wollte, sie wäre schon bewiesen — nichts anderes als die Angst vor der Oeffentlichkeit, Für die russische Bureaukratie ist das Geheimnis allein eine Bürgschaft des Erfolges. Diese Angst vor der Oeffentlichkeit hat ja auch bewirkt, dass die Dumasitzungen vor den Augen und Ohren der Welt abgeschlossen werden können. Die Liberalen werden sich, so wie sie sich aus Furcht vor dem Polizeiknüppel das Reden nicht verbieten Messen, um so weniger in der Duma ein Blatt vor den Mund nehmen: Und diese Oeffentlichkeit ist die Hoffnung der Juden. Vor allem: wir werden einForum haben. Das Gesetz über die Duma besagt ausdrücklich, dass Klagen gegen die Verwaltung im Parlamente vorgebracht werden dürfen, und zwar mit namentlicher Bezeichnung des konkreten Falles. Was hier als Beschränkung gedacht ist, wird möglicherweise eine sehr wohltätige Einrichtung werden. Eine ganze Menge administrativer Gewalttaten, ja das ganze System der Bestechung beruht darauf, dass es niemals bekannt wird. Ein Beamter, der riskieren muss, sein Treiben in der Duma beleuchtet zu sehen, wird sich hüten, es zu arg zu treiben. Der Nutzen für die Juden liegt hier auf der Hand. Mit jedem Stück Korruption wird ein Stück Judenelends verschwinden. Wendet man dagegen ein, dass die Juden aktiv an den Bestechungen ihren Anteil haben, so kann man nur sagen, wenn den Juden derartig errungene Vorteile entgehen, so kann die Judenschaft sich dessen nur freuen. Sicher ist, dass mit der wiederholten Aufdeckung der Einzelfälle das System getroffen werden wird. Die Oeffentlichkeit vor dem Ausland aber wird sich ja in keiner Art beschränken lassen. Mag ein Vorsitzender auch die Wiedergabe einer Verhandlung in der russischen Presse verbieten, so werden die liberalen Teilnehmer die ausländische Presse um so eingehender informieren. Bei Judenunruhen wird das eine ganz direkte Konsequenz haben. Denken Sie daran, wie beiKischenew und Hornel geleugnet wurden? Wie in den letzten Tagen die „Nowoje Wremja* so frech war, Kertsch als harmlos hinstellen zu wollen? Wie über Bialystok die jüdischen Blätter sagten, dass sie nichts sagen durften, und dies nicht aus eigener Schuld? Wenn in Hinkunft ein Abgeordneter in der Duma derartige Schandtaten aufdecken wird

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