Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 35 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite J « W«H" Nr. 35 Der Aufruf der Leitung. Mit inhaltlich scharfer Klarheit hat der Präsident des A.*C. in seinem Aufrufe die Endergebnisse des VII. Kongresses herausgehoben und zu einem unzweideutigen Programm der Leitung verdichtet. Mit hoher Genugtuung entnimmt jeder Zionist aus dieser Kundgebung des Präsidiums, dass der Schluss der verwirrenden Schwankungen seit Uganda gekommen ist; die Nebentür, die der vorige Kongress aufgerissen hat, ist wieder geschlössen, den Auslegungen und Randkommentaren des Basler Programm es ist der Boden entzogen» Mit geschlossener Front haben wir wieder zur Treue gegen uns selbst zurückgefunden. Wir sind wieder der natürlichen Politik zugekehrt, dem natürlichen Streben nach dem Lande, wo unser Volk körperlich und geistig gestaltet wurde, das die Stätte unseres Glanzes war und wo wir mit Unterstützung des Glückes und unserer Arbeit unsere ruhmreiche Geschichte, unsere natürliche Entwicklung dort fortsetzen können, wo sie durch die Katastrophe des Golus unterbrochen wurden. Das Baseler Programm mit seiner Reinheit und Einheit ist wieder hergestellt und bleibt weiter die Feuersäule auf dem Wege, der unser Volk aus seiner seelischen und körperlichen Not herausführen wird. Unser altes Ziel ist ja so bedachtsam gewählt, dass es in seiner Erfüllung sowohl unserem Hunger nach moralischer Erhöhung als auch dem nach Lebensmöglichkeiten glänzend entsprechen wird. Und die Zionisten, das heisst die Juden mit dem heissen Herzen und dem kühlen Kopfe, haben auf dem Kongress entschieden, dass sie sieh mangels jedes anderswohin lockenden Tatbestandes jedes leeren Streites um Ansichten begeben und mit geduldiger Kraft an ihre ursprüngliche, gegen alle Anfeindungen stets siegreich gewesene Aufgabe machen wollen. Für dieses nun nicht mehr schwankende Ziel sind eine reiche Menge von Haupt- und Hilfsarbeiten zu leisten, von denen diejenigen im Aufruf skizziert werden, die der Leitung zufallen. Nach wie vor werden diplomatische und praktische Arbeit einander ergänzen. Die Diplomatie wird die gesetzliche Sicherung für unsere Unternehmungen in Palästina bringen, und deren Bestand wieder wird es ermöglichen, weitere diplomatische Erfolge zu erlangen, als leere Hände erreichen können. Nar lehnen wir auch jetzt jede ohne behördliche Genehmigung gewagte Festlegung unseres Nationalvermögens und jede Barmherzigkeitsaktion ab. Kein Menschenschmuggel, keine Schnorrerzucht, kein planloses Vorwärtshasten. Dagegen offene Stützpunkte, tatkräftige Anhänger, Vertrauen der massgebenden Faktoren sind die Gesichtspunkte unserer modernen politischen und wissenschaftlichen Palästinaarbeit. In diesen wenigen Leitsätzen des Aufrufes ist das Bedürfnis und der Vorsatz mühevoller Anstrengung ausgesprochen. Der Zionismus ist eben die am meisten demokratische Bewegung, die ihre Aemter nur nach Arbeitsfähigkeit der üebernehmer austeilt. „Die Wucht der Last" — diese Worte Wolffsohns geben auch das richtige Bild von dem Verantwortlichkeitsgefühl einer Leitung, welcher eine historische Aufgabe, welcher die Rettung eines ganzen Volkes vor den Augen der Kulturwelt und der Weltgeschichte anvertraut wurde* Zustimmende Kundgebungen sonder Zahl haben dem neugewählten Aktionskomitee bereits gesagt, dass es sich auf dem rechten Wege befinde und ihm den Wunsch ausgedrückt, dass sein guter Wille zu guten Taten führen möge. Dazu ist besonders der gute Wille der Organisation notwendig, wie in der Kundgebung unseres Präsidenten auch gesagt wird. Es ist klar, dass es auf seinen Aufruf nur eine massgebende Antwort gibt und dass diese nur von den Zionisten selbst erteilt werden kann* Diese Antwort wird die Bücher der Bank, des Nationalfonds, der Organisation, der palästinensischen Unternehmungen füllen. Diese Antwort wird aus eroberten Kultusstuben, gewonnenen Vereinen, geschaffenen Ortsgruppen heraus gegeben werden. Unsere Führer müssen den Sturm des Lebens, den wir erregen, im Rücken haben, wenn sie weit und stark vorwärtsschreiten sollen. Halten wir uns vor Augen, was unser Nordau über dieses Kapitel in den »Stimmen der Wahrheit" sagt: „Die Führer des Zionismus haben keine andere Gewalt als die, welche das jüdische Volk ihnen verleiht" und weiter: „Jeder einzelne Jude muss sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass er in einen entscheidenden Abschnitt seiner Geschichte eingetreten ist, dass die Welt eine grosse Anstrengung von ihm erwartet und dass er vor seinen fernsten Nachkommen dafür verantwortlich ist, wie er diesen Erwartungen der Welt genügt*. Dieses zugleich drückende und erhebende Gefühl historischer Aufgaben haben wir Zionisten ja schon, doch ist es notwendig, dass wir unsere Bereitwilligkeit mit Ernst vor unserem Gewissen, mit kräftiger Unterdrückung derEigenliebe nach sorgsam erwogener Art inEreignisse umsetzen. Wir wollen ja dieses Gefühl auch auf die anderen Juden übertragen, wir wollen, wie es der Aufruf sagt, „die Zusammenfassung aller Juden und die Hrbung des Volksbewusstseins nicht vernachlässigen". Wir sind sicher, dass die opferfreudige Betätigung unserer Gesinnungsgenossen ihre Spannkraft behalten wird. Schon beginnt die Saison der politischen Betätigung, seien wir Zionisten die ersten und die fleissigsten am Platze! Wir haben tatsächlich nicht Ortsgruppen von Vereinsmitgliedern; jede Ortsgruppe muss bis zu dem Zustande gebracht werden, dass sie eine Vereinigung von Agitatoren darstellt. Diese Agitatoren haben es ja sehr leicht. Denn sie bringen den Juden das einzige Programm, das von Vernunft und Wissenschaft geprägt wurde. Für uns sind rührige Gruppenvorstände mit einem folgsamen Vereine zu wenig. Die Organisation muss bis in ihre Grundlagen nach dem Muster des A.-C. gebaut sein. Ressortkommissionen für die nationalen Fonds, für die Propaganda, für Palästinaarbeit und alle die Teilforderungen unseres Programmes. Zweckversammlungen aller dieser Kommissionen werden sich mit der nationalen Kleinarbeit des einzelnen vereinigen, um grosse nationale Arbeit zu leisten. Wir müssen zionistische Arbeitskonkurrenzen veranstalten, um Preise an das jüdische Volk verteilen zu können. Das wollen wir und es kann unmöglich lange mehr dauern, bis wir uns mit allen Juden, die von den Verhältnissen in unsere Arme getrieben werden und unsere selbstlosen Absichten immer besser einsehen, verständigen. Ganz unmöglich, dass bei den teils drängenden, teils günstigen Umständen es unter uns noch Leute geben wird, welche die Kraft ihres Geistes und ihren Fleiss auf etwas anderes aufwenden, als unsere von jedem Standpunkt erprobten Ziele miterobern, die lebendige Arbeit des Zionismus und nicht graue Theorien fördern zu helfen. Im jüdischen Volkskörper sind wir die Lungen, durch die das lang gedrosselte Volk wieder zu atmen beginnt. Wir sind gesund, wenn sich das kleinste Teilchen in einem und demselben Luftzuge hebt und senkt, Und wir müssen uns gesund halten ob der Gesundung des ganzen Körpers. Wir sind uns dessen bewusst, dass es an uns liegt, dass die Leitung des Zionismus ihre Aufrufe an das jüdische Volk richten kann. J. Upfimny*