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Die Welt · 1905-08-25 · 34 (25.8.1905) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
34 (25.8.1905)
Date
1905-08-25
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 34 „biC & W^It Seite 13 Das Komitee der Chalukah benimmt sich noch immer äusserst provozierend, eo oft man ihm auch auf die schmutzigen Finger geklopft hat. Man wird den eisernen Besen für diese Leute bald finden müssen. Wir erhalten neuerdings folgenden Notschrei: ..Die Chalukah ist eine entsetzliche Geissei in den Händen dieser Leute. Dem einen verbieten sie, seine Ueberzeugung, dem anderen — seine Kinder in die Schule zu schicken. Es ist zwar ein Gegenvrrein mit Namen „Esrath Achim" gegründet worden, doch solange die a-iges'-»h^nen hiesigen Männer sich nicht an die Spitze dieses Vereines stellen, können die Intentionen dieses Vereines kaum eine merkliche Besserung der entsetzlichen und beklagenswerten Zustände herbeiführen, da leider, wie gesagt, die Chalukah in den Händen der Fanatiker eine verwendbare Peitsche für die armen Leute ist. Wird sich dieser Zustand endlich einmal ändern? Es ist wirklich eine schwere Frage, deren Lösung nur vom Auslande zu erwarten ist. Der Belferstrike in Krakau. S-it zwei Wochen streiken die von den Zionisten im Verein „Osrei Zion" organisierten „Belfer", um sich die Samstagsruhp, die sie bis jetzt nicht bpsitzen, zu erkämpfen. Spezifisch jüdisch ist dieser Streik. Die aussterbenden Reste des Ghettos bedienen sich des modernsten ökonomischen Kampfmittels, um sich aus dem Ghetto allmählich hinauszuarbeiten. Die gesamte Krakauer Presse interessierte sich für den Belferstreik. Freitag den 18. August wurden beide Parteien — Belfer und Melamdim — vor das Magistratsamt geladen, wo dank dem konzilianten Einschreiten des Magistratsrates Buczkowski eh e Einigung zustande kam, die einen vollen Sieg der Belferorganisation bedeutet. Sämtliche streikenden Belfer werden wieder aufgenommen, für die Streikzeit werden keine Abzüge gemacht, Feiertage und Samstagnachmittage sind unbedingt frei, bezüglich der Samstagvormittage wurde das Rabbinat um s-in Votum angegangen, das zwar noch aussteht, das aber zweifelsohne günstig ausfallen wird. Um das Gelingen der Sache hat sich besonders Herr Doktor Isidor Kren gel verdient gemacht. Hofrat Professor Politzer in Wien, der Begründer der modernen Ohrenheilkunde, feierte dieser Tage seinen siebzigsten Geburtstag. Zum Unterschiede von den meisten seiner Kol logen hat Professor Politzer stets gezeigt,. dass er stolz auf sein Judentum ist. So stand er der jüdischnationaleii Studentenbewegung bei ihrem Entstehen freundlich zur Seite, wenn ihm auch seine Lehrtätigkeit keine Zeit Hess, sich öffentlich zu betätigen. Eine Raschistrasse in Worms. Am 1. August d. J. waren es 800 Jahre, dass Rabbi Salomo Jizchaki, der im Volksmund abgekürzt Raschi genannt wird, dieser bedeutende und doch so schlichte Gelehrte, sein tätiges Lehen beschloss. In Worms, wo Raschi eine Lehrschule unterhielt und wo viele Schüler zu seinen Füssen sassen, erinnert noch manches an sein Wirken, liier ist im Westen« an die berühmte alte Synagoge noch das!.ehrhaus RaseMs angebaut, die sogenannte ,,Raschikapelle" mit einem in die Wand eingelassenen steinernen Sitze des Rabbi, dem sogenannten Raschistuhl, erhalten. In der Raschikapelle befinden! sich auch mehrere von der Hand des Gekehrten geschriebene Werke. In der jüngsten Zeit hat auch die Stadtgemeinde Worms das Andenken an diesen Mann dadurch geehrt, dass .sie einer Strasse in der Nähe seines Wirkungskreises (Synagoge und Rasehikapelle) den Namen ,Raschistrasse" gab. Vandalismus auf jüdischen Friedhöfen ist in Deutschland ein eifrig betriebener antisemitischer Sport. Rohe Burschen nahen in der Nacht zum 10. August auf dem jüdischen Friedhof in Velbert Denkmäler beschädigt, Grabhügel getreten und anderen Schaden verübt. Auf die Ermittlung der Täter ist eine namhafte Belohnung ausgesetzt worden. Büberei gegen eine Jüdin. Folgende Geschichte illustriert die moralische Stellung der Juden in Deutschland treffend. Es ist ein Fall von leider sehr vielen und zeigt, was für tiefe Gemeinheiten man uns straflos antun darf. Die „Wegiesmühle bei Zellerfeld", Besitzer Talle, ist ein antisemitisches Wirtshaus, hmie jüdische Lehrerin hatte dort behufs Erholung ein Zimmer auf mehrere Wochen gemietet, musste jedoch das Haus verlassen, nachdem sie einen Tag dort gewohnt und übernachtet hatte, weil sie Jüdin sei und der lobenswerte Wirt ihr erklärte, dass er keine Juden aufnähme. Ausserdem erklärte er, „dass er berechtigt sei, den vereinbarten Pensionspreis nicht in Anwendung zu bringen und eine gewöhnliche, allerdings höhere Taxe zu beanspruchen4'. Selbstmord eines Juden aus beleidigter Ehre. Wenn ein solcher Selbstmord Regel würde, so wäre das allerdings die Lösung der Judenfrage. Den Grund finden dann wohl die meisten. Vor einigen Tagen hat sich auch ein junger Mediziner, der Assistent am Berliner physiologischen Institut gewesen, das Leben genommen, weil er nicht zur Dozentur zugelassen wurde. Nun schreibt die „Allg. Ztg. des Judentums" darüber weiter folgendes in einer so unnatürlich leise tretenden und gewundenen Art, dass man darüber lachen müsste, wenn der Fall nicht so ernst wäre. Man lese nur: „Ein eigentümlich tragisches Geschick hat sich an ihm erfüllt, er ist das erste Opfer einer neuen Richtung geworden. Fragt sich nur, ob diese neue Richtung, die vielleicht nur einer augenblicklichen Stimmung der medizinischen Fakultät ihren Ursprung verdankt, überhaupt ein Opfer wert ist. Sicherlich nicht. Aber wenn es selbst der Fall sein sollte, so ist es mit dem Tode eines hoffnungsvollen Gelehrten-, der nicht nur seiner Familie, sondern auch der Wissenschaft entrissen ist, tausend und abertausendmal zu hoch bezahlt. Die neue Richtung .... Gewiss, die Verhältnisse in der medizinischen Fakultät sind ganz unhaltbar. Aber eine einschneidende Besserung müsste an einer ganz anderen Stelle vorgenommen werden. Da? Uehel sitzt doch ganz wo anders Es ist nämlich bei der ganzen Kontroverse bisher ein Moment absolut unbeachtet geblieben, das sich leider heute in jede Frage des öffentlichen; Lebens eindrängt: das konfessionelle! Der Unglückliche war ein Jude!" Gott sei Dank, es ist heraussen! Das Gesetz über die Verschärfung der Sonntagsruhe in London, das den Sonntagsmarkt im Ostviertel Gondons beseitigen sollte, wurde vom Oberhaus in dritter Lesung abgelehnt. Juden in der italienischen Diplomatie. Direktor Mantegazza in Florenz hat ein Buch herausgegebein, das manche interessante Mitteilung über die italienischen Staatsmänner und das auswärtige Amt in Rom enthält. Was Mantegazza nicht gefällt, ist der Umstand, dass in der italienischen Diplomatie zu viele Juden sind. Während der Affäre Dreyfus hatte die Pariser Gesandtschaft in Rom sogar drei Juden, von denen einer, der Botschaftsrat Pollacco, so beliebt war, dass .nch keiner um seinen jüdischen Ursprung kümmerte. Die beiden anderen waren Marchese1 Torre Alfino (ursprünglich Kaheu) und Marchese di Moutegliara (ursprünglich Mayer). Ein Jude M.alvano ist Senator und Generaldirektor und seit Jahrzehnten fast unentbehrlich für alle Minister des Auswärtigen'. Nur Crispi entfernte ihn jedesmal, wenn er Ministerpreäsident war. Alle Depeschen gehen durch seine Hand. Er weiht niemanden in die Geschäfte ein, ist aber auch immer im Amte, ja er nimmt auch fast nie Ferien. Der Verein „Nahrung den Hungernden" — Institutiunea ,,Mancare pentra flamanzi" — im Bukarest erstattet Bericht über seine Wirksamkeit vom Juli 1900 bis Juni 1905. Wie wildem selben entnehmen, sind während dieser fünf Jahre 135 000 Brote, 4500 Kilo Mazzot, 10 000 Kilo Kartoffe1 10 000 Kilo Fleisch etc. zur Verteilung gelangt und daneben Barunterstützungen zu Pessach und den sonstigen Feiertagen gewährt worden. Verausgabt wurden -45 425,76 Lei, eingenommen 45 096 Lei. Der Verein ist nicht entfernt imstande, der ganzen Summe von Not und Elend, die der politische und ökonomische Druck zeitigte und stetig steigert, abzuhelfen. Das Volk des Buches, Ueber den am 8. v. M. in New York verstorbenen Moses A. D r o p s i e, welcher nicht weniger als 160 000 Pfund 3lA Millionen Mark zur Errichtung einer Anstalt für das Studium der Bibel und der hebräischen Literatur hinterlassen hat, teilt der „Jewish Exponent44 nachstehende Daten mit: Mr. Moses A. Dropsie wurde 1821 in Philadelphia als Sohn armer Eltern geboren. Er arbeitete zunächst in einem Kontor für die Uhrenbranche, um später sich dem Studium der Jurisprudenz zu widmen und Rechtsanwalt zu werden. 1856 trat er an die Spitze der Antisklavereibewegung und leitete den Wahlkampf der Republikaner in Pennsylvaiüen. Obgleich so mit politischen Organisationsarbeiten vollauf beschäftigt, nahm er dennoch am geistigen Leben des Judentums lebhaften Anteil. Er war Vorstandsmitglied fast aller jüdischen Wohltatigkeitsvereine sowie einige Jahre hindurch Vorstand der jüdischen Gemeinde in Philadelphia. Die grösste Sympathie brachte er jedoch der hebräischen Literatur entgegen und betätigte sein Interesse, inid-em er jahrelang Vorsitzender der hebräischen Unterrichtsgeseilschaft und hervorragendes Mitglied des Grätz-College war. Auch als Schriftsteller hat er Nennenswertes geleistet. Leider verlor Mr. Dropsie schon im Jahre 1890 gänzlich das Augenlicht und war so genötigt, sich allmählich von der öffentlichen Tätigkeit sowie von der Wirksamkeit als Rechtsanwalt zurückzuziehen. Da er unverheiratet war, so hinterliess er den grössten Teil seines Vermögens dem obengenannten Zwecke. In dem betreffendem Abschnitte seines Testamentes heisst es: Seit langer Zeit macht sich in den Vereinigten Staaten der Mangel einer gründlichen systematischen Ausbildung im jüdi-

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