Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1905-08-25 · 34 (25.8.1905) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
34 (25.8.1905)
Date
1905-08-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3316128-3316167--47258-3342143
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 8 „bie # w^it11 Nr. 34 der Well verstreuten Genossen deines Stammes gemessen oder erleiden. Du hast vergessen, dass diese Freiheit nicht überall dieselbe ist; dass sie, zum Beispiel, in Frankreich nicht stark genug war, um einen Unschuldigen vor entehrender Strafe zu retten, und dass sie in Russland bloss die Freiheit der Wahl ist, sich erschlagen zu lassen oder auszuwandern, so schnell einen die Füsse tragen, während sie in England und Italien ein ziemlich sicherer Besitz stolzer und aufrichtiger Hebräer ist. Du verkehrst mit den stolzen Mitgliedern der stolzesten Gesellschaft der Erde, britische Adelige, denen die Historien der weissen und der roten Rose einen Abschnitt ihrer Familiengeschichte bedeuten, behandeln dich und du fahlst dich auch als Gleichberechtigten. Aber der russische Jude, der in Basel abstimmen soll — wenn er dem brutalen Kommando eines Pristav daheim nicht genügend schnell und pünktlich gehorcht, kann eingesperrt und verschickt werden. Teurer Meister, wie konntest und durftest du das vergessen? Vergessen, dass wir anderen Juden eine ärmliche, eine beschränkte, eine Freiheit $uf Kündigung haben? Unsere Freiheit ist wie ein Platz im Winkel, den man einem wandernden Bettler verächtlich, oder wie ein Platz am Herrentische, den man ihm aus grossmütiger Gnade ausweist, Verachtung oder Gnade — fürwahr, wir sind Schnorrer der Freiheit, teurer Meister! Und du, ein König in Freiheit, warst ungrossmütig genug, uns zu zwingen, dass wir dich daran erinnern. Es sei ein Teil deiner Sühne, das^ ich dich öffentlich mit Selbstverständlichkeiten belehre. Ich sage dir: Die Freiheit ist im Weltalle des Ethos die Zentralsonne, die mit ihren wärmenden Strahlen das Wachstum des menschlichen Willens befördert, Menschen, die geknechtet werden, sind scheu, ängstlich und unsicher und ihre Energie ist eine kümmerliche, verkrüppelte Pflanze in dem von entwicklungsfeindlichen Säften vergifteten Erdreich ihres Gemütes. Wo sie wollen, dürfen sie nicht. Wo sie dann aber, von Umständen begünstigt, einmal dürfen, dort wollen sie so heftig und masslos, dass ihnen kein Weg zum Ziele kurz, kein Mittel schnell genug ist, ja, dass ihr en jedes Mittel bloss als unützer Umweg, als Hindernis und Verzögerung, schliesslich als eine Aufhebung des Zieles selbst erscheint, ihr Wille istnichtdieseschöne,gesunde, geübte und erprobte Kraft wie euer im ganzen Arsenale seiner Mittel und Möglichkeiten heimischer, ausgezeichnet disziplinierter englischer Welteroberer-Wille. Russischer Judenwille, von nachdrängendem Leide zur Eile gehetzt, will mit einem Sprung am Ziele sein, mit einem Griffe fassen und halten — auf die Gefahr hin, dass im letzten Momente das ersehnte Gut zwischen den Fingern entschlüpft. Jahrelang wartet er geduldig auf den Augenblick, wo die zufällig freie Bahn ihn zum Sprunge lockt . . . Englischer Judenwille macht prüfend anschleichende Schritte, englische Judenfausf tastet vorsichtig und greift dann zu — um für alle Ewigkeiten festzuhalten. Und eine Arbeit, die darin besteht, auf die Arbeit zu warten, die mag englischer Judenwille überhaupt nicht. Wenn du es aber nicht wahr haben willst, teurer Meister, dass der Wille von Schnorrern der Freiheit (unsere Assimilanten hören es nicht gerne) anders sein muss und anders ist als der Wille eines Königs der Freiheit, so werde ich auf einem anderen Wege dieselbe ungeziemende Belehrung deiner Einsicht zuführen. Ich sage dir: Unsere Rasse hat so vieler Nationpn Seelen in die ihre aufgenommen, so vieler Völker Tugenden und Fehler, Vorzüge und Mängel, dass ein jüdischer Politiker, der klug und gerecht sein will, mit einer vielfältigen Seele seiner Rasse rechnen muss. Ein moderner Jude, das heisst englischer Willensimpetus, britischer Kaufmannsrealismus. Ein moderner Jude, das heisst ebensogut: Oblomow, der die Nächte hindurch phantasiert und schwärmt und über der Klugen Rede, der haarscharfen Dialektik das wirkliche Leben vergisst; Oblomow, der hinreissende Geniale, der unbeschreiblich Unglückliche. Mit welchem Rechte willst du, dessen Ruhm ja doch eines Dichters Ruhm ist, dem unglücklichen jüdischen Oblomow zürnen? Hast du, der Dichter, in den russischen Juden, die dich in Basel hart anfuhren, nicht sogleich die glutvollen Mystiker der russischen Erde erkannt, die slawischen Träumerseelen, die mit vielrauschenden Flügeln vom Extrem zum Extrem, von der Erde zum Himmel, von Meeresküste zu Meeresküste fliegen, ohne ein einzigesmal auszurasten? Hast du die Bettler der Wirklichkeiten, die autokratischen Herrscher der Unwirklichkeiten nicht gleich erkannt, o Dichter? Du hast unrecht getan, teurer Meister, in dessen Namen schon der Wille beschlossen liegt. Nicht nur gehörst du dem glücklichsten Zweige unserer Rasse, nicht nur einem bevorzugten Herrenvolk an, das ans Erreichen und Erobern gewöhnt ist — du selbst nimmst als ein verwöhntes, wenn auch nicht verzogenes Kind des Glückes, eine einzigartige Stelle ein. Du bist nicht, wie die Legion keuchender Schnorrer des Ruhmes, dem Ruhme nachgelaufen, um seine Gaben mit gefalteten Händen aufzufangen, sondern dein Ruhm ist zu dir gekommen und du hast ihn mit fürstlicher Anmut empfangen. Und weil du der König, nicht der Schnorrer deines Ruhmes bist, weil du viel und Grosses verlangen und sicher sein darfst, das Viele und Grosse zu erreichen, duldet's dich nicht, wenn deinem Willen auf die Dauer ohne rechte Gründe widersprochen wird. Es demütigt dich, in den Vorhöfen des Erfolges allzulange zu antichambrieren, eine Politik zu machen, deren hauptsächliche Hemmungsmomente in den Launen eines einzelnen liegen. Gerade dieser Kampf, an den und an dessen Methoden der russische Jude seit jeher gewöhnt ist, widerstrebt deinem Stolze — denn du bist Zangwiil. Deshalb hast du dich von Palästina abgewendet als einer allzuharten Mauer, gegen die du deinen Stolz sich nicht totrennen lassen möchtest. Deshalb bist du für das o st afrikanische oder irgend ein anderes Uganda, das du — wie ehedem deinen Ruhm — mit fürstlicher Anmut empfangen könntest, ohne zuerst mit gefalteten Händen darum zu bitten. Du hast zwar für Uganda eine ganze Armee logischer Gründe ins Treffen geführt, aber der Fuchs, der die Trauben vorn Spalier verschmäht und dafür die Schwarzbeeren vom niederen Gestrüpp als Ersatz nimmt, behauptet ja auch, dass ihm die Trauben zu sauer sind, während er in Wahrheit nur zu stolz ist, zu gestehen, dass sie ihm zu hoch hängen. Ein Gefühlspoiitiker bist du, teurer Meister, gleich dem Russen. Ihn treibt ein romantisches Gefühl der Geschichte, dich das urbritische Gefühl trotzigen Stolzes. Glaubst du es nun, dass du in Basel unrecht tatest, teurer Meister? Je grösser ein Mensch ist, desto wuchtiger, im Guten und im Bösen, ist seine Tat. Du bist Zangwiil und darum ist, was du in Basel getan hast, kein Fehler, sondern eine Sünde. Weil du Zangwiil bist, wirst du dich beeilen müssen, sie gutzumachen. Der Zionismus wird nicht geschwächt, wenn in seinem Lager Partei gegen Partei kämpft. Er wird hart ge~

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.