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Die Welt · 1905-08-25 · 34 (25.8.1905) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
34 (25.8.1905)
Date
1905-08-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 „ble # Welt" Nr. 34 Ganz besonders müssen wir die Aufmerksamkeit auf die wichtigen Ausführungen des Herrn Dr. Leopold Kahn über die türkibchen Bodenrechtsverhältnisse lenken. Dieses Kapitel ist eines der wichtigsten und schwierigsten unseres Problems. Wir können darauf nicht näher eingehen, zumal das Referat in der „Welt" gedruckt vorlag. Wir wollen nur nochmals unsere Gesinnungsgenossen auf die Wichtigkeit dieser Frage aufmerksam machen und an dieser Stelle den Verfasser ersuchen er möge einen Sonderabdruck als Broschüre veranlassen, da dieselbe viele Irrtümer und Missverständnisse zu beseitigen wohl imstande wäre. Einen mehr wissenschaftlichen als praktischen Wert beanspruchen die weiteren hochinteressanten Referate von Professor Bertholet über die Siedlungsverhältnisse Palästinas in alttestamentarischer Zeit, Professor Marti über Ausgrabungen und Funde aus Palästina mit Projektionen und unseres Gesinnungsgenossen Dr. Alfred N o s s i g über die Uebereinstimmung der modernen Agrarprinzipien mit den mosaischen Gesetzen. Alle Vorträge, und speziell die der Professoren Warburg und F u r r e r, haben einen starken Eindruck auf die Anwesenden gemacht und sie in der Ueberzeugung der Realisierbarkeit der zionistischen Bestrebungen in Palästina bestärkt. Allen Vortragenden, die das Zustandekommen der Kurse ermöglicht haben, sei an dieser Stelle dafür herzlichst gedankt Wz. Ueber die Kraft Von D. Salo. Für die Stärke einer Partei oder einer Bewegung ist ihre Presse ein guter Gradmesser; nicht allein für ihre ziffermässige Ausdehnung, sondern häufig auch für die moralische und materielle Kraft der Anhänger. Um die Stärke einer Partei zu schätzen, wird man das eine Mal die Stimmen zählen, des andere Mal sie wägen müssen. Die Vitalität eines Gedankens kann ebensogut auf der Zahl wie auf der Qualität seiner Verfechter beruhen. Und die publizistischen Organe einer politischen Richtung können ihre Existenz entweder auf ihre grosse Verbreitung gründen oder ihr Bestand wurzelt in dem tatkräftigen und opferbereiten Interesse eines kleineren Kreises, der ihre materiellen Stützen schafft. Parallel mit dem Wachstum jeder politischen Partei geht stets das Wachstum ihrer Presse. Die Entstehung eines Tagblattes ist neben der Erreichung einer parlamentarischen Vertretung eines der meisterstrebten politischen Ziele; für manche Partei oder Parteibestrebung, die infolge besonderer Verhältnisse an eine parlamentarische Vertretung nicht gut denken kann, sogar das zunächst zu erstrebende politische Ziel. Die Sozialdemokratie hat in Oesterreich für diese allgemein geltenden Sätze wiederholt vollgültige Beweise erbracht. Und das wiedererwachende jüdische ßewustsein hat Tageszeitungen in den jüdischen Zentren Russlands und eine Tageszeitung in Galizien hervorgebracht. Vor ungefähr anderthalb Jahren fühlten sich die „Liberalen" in Galizien bemüssigt, sich ihrer Haut zu wehren. Die Liberalen, das waren in erster Linie die jüdischen Polen, die gleichzeitig von zwei Seiten angegriffen wurden. Die allpolnische Bewegung zog immer weitere Kreise und gab den jüdischen Politikern deutlich zu verstehen, dass sie innerhalb des Polentums nichts zu suchen hätten, und das Judentum des Landes liess sie nicht im Zweifel darüber, dass es bessere Wege wisse als die ewigen Bettelgänge um die Gunst des im Grunde der Seele nicht sehr judenfreundlichen Polentums. Das Hauptorgan der Polen, das „Slowo Polskie", das bisher eine gewisse Rücksicht auf seine jüdischen Leser genommen hatte, begann immer auffälliger antisemitische Allüren anzunehmen, in der Erkenntnis, dass es sich bei seinen polnischen Lesern damit nicht schade, dass die Ganz-Juden darüber nicht überrascht sein würden und dass die Halb-Juden, stolz wie sie sind, sich doch nicht zu mucksen getrauen würden. Dabei blieb's aber nicht lange. Solange die Polenblätter hauptsächlich über die armen Juden herfielen, genierte es ja allerdings die Wortführer des Kahals, die jüdischen Landtags- und Reichsratsabgeordneten, wenig. Aber die Angreifer rückten dann auch den Bemittelten zuleibe, begannen Wirtschaftspolitik zu treiben, und da waren natürlich die Wähler in Gefahr. Und als dann den Herren Repräsentanten selbst die Frage gestellt wurde, was sie denn als Juden ununterbrochen in polnische Angelegenheiten dreinzureden hätten, da war die Not am grössten. Jetzt gi n g e n d i e A s s i m i 1 an ten d ar a n, ihr eigenes Blatt zu gründen, den „D z i e n". Die Taktik war natürlich die der „Abwehr". Mit allen guten Argumenten versuchte man darzutun, dass die Schädlichkeit des Judentums in Galizien eine Erfindung seiner Feinde sei. Der „Dzien" fand dabei auch ein gewisses Entgegenkommen bei der Regierung, weil dieser der scharfe Ton des Allpolentums nicht passen konnte und weil sie sich's mit ihren jüdischen Abgeordneten, die eine Roll«3 im Polenklub spielen, sowie mit der jüdischen Finanz- und Kaulmannswelt Galiziens als mit zuverlässigen politischen Elementen nicht verderben wollte. Darin, dass die leitenden Persönlichkeiten des Landes auf das Blatt hörten, lag auch allein seine Bedeutung für das Judenum. Denn ebensowenig wie die Juden den Angriffen der antisemitischen Presse Glauben schenken konnten, waren ja die Antisemiten geneigt, dem ,,Judenblattu auf das Feld der Beweise und der Tatsachen zu folgen. Aber an jenen Stellen, die zu einem Scheine der Objektivität amtlich verpflichtet sind, wusste man doch wenigstens, dass gegenüber den Angriffen der Judenfeinde doch auch Argumente existieren — und mögen sie noch so wenig beachtet sein. Der Bestand des Abwehrblattes liess zum mindesten nicht die Lügen dadurch zur Wahrheit werden, dass sie unwidersprochen blieben. Und auch die antisemitischen Angreifer wurden ja etwas weniger kühn im Verleumden, als sie sahen, dass es jemand gebe, der ihnen auf die Finger zu klopfen willens war. Wenn also das „Abwehrblatt" für das Judentum nicht ganz ohne Nutzen war und deshalb auch von jüdischer Seite einigermassen unterstützt wurde, so war es für seine Auftraggeber doch geradezu eine Notwendigkeit. Es war ihr einziges Sprachrohr und sie selbst mussten doch an die Kraft ihrer Beweisführung glauben : alles andere hiesse, ihre ganze Grundauffassung von dem Verhältnisse des Judentums zu den umgebenden Nationen verleugnen. Wenn sie nicht mit aller Macht die Assimilation, teils als Tatsache, teils als Möglichkeit verteidigten, so untergruben sie ihren Lebensnerv. Das Ende ihrer politischen Stellung war dann selbstverständliche Konsequenz. Und nun haben sie dieses Blatt dennoch eingehen lassen. Vor einigen Wochen hat der „Dzien* nach unsäglichen Qualen sein Dasein beendet. Der Redakteur hat in einem hoffnungsvollen Idealismus und in schwer enttäuschter Zuversicht in den guten Willen und in die moralische und materielle Kraft derer, für die er in den Kampf trat, ungeheure persönliche Opfer gebracht. Er hat fast zwei Jahre lang gearbeitet, ohne einen Heller an Gehalt zu beziehen. Er hat ein kleines Vermögen aufgezehrt, das er in schwerer journalistischer Arbeit erworben hatte. Ja er hat noch Verbindlichkeiten auf sich genommen, um die letzten paar Nummern zu sichern. Endlich aber schlug die Stunde, da es ohne die Hilfe derer, die dazu verpflichtet gewesen wären, nicht mehr weiter ging. Das Blatt der Assimilation in Galizien hat aufgehört. Wie ist das gekommen?

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