Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 33 (18.8.1905)
- Date
- 1905-08-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 „bie ^•-.--weiifl> Nr. 33 Man will uns durchaus keine Zeit lassen für unsere historische Aufgabe, zu der wir — ohne Absicht auf einen kriegerischen Endeffekt — von den Hellenen und noch vielen anderen Völkern ermuntert worden sind. Heisst es nicht ganz einfach angesichts des historischen Schicksals viel schwächerer Völker als wir es sind, der Wahrheit ehr-, los ins Gesicht schlagen, wenn man den Zionismus eine Utopie nennt? Auf der flachen Hand, mit der wir angefangen haben, ist uns schon manches Kornfeld gewachsen, wenn es auch zum Erntefest des ganzen Volkes noch geraume Zeit braucht. Aber mit Bienenfleiss, mit glühender Liebe für unser Volk, mit bedingungsloser Ergebung an Moral und Hecht arbeiten wir auf unsere historischen Ziele untentwegt hin. Sollte man nicht glauben, dass man uns, den Freiheitskämpfern, überallher unter die Arme greift? Statt dessen trüben gewissenlose Individuen das Fahrwasser des Zionismus und stemmen ihre Schultern gegen die Hoffnung eines ganzen Volkes. Eines ganzen Volkes — auch wenn politische Rechen- . künstler mit Zahlen jonglieren, um uns das Gegenteil zu beweisen. Denn die Kinder zählen doch wohl in einer politischen Bewegung nicht mit und die Frauen der Zahl nach nur wenig. Von den übrigbleibenden Männern aber haben wir einen so starken Bruchteil, dass wir wohl behaupten können, in unseren Reihen fast alles zu haben, was im Judentum noch denkt und lebt. Gewisse teilnahmslose Schichten gibt es in jedem Volke, die für keinen Herold zu haben, die vom Alltag allzustark befangen und nur für Erfolge, nicht für Mitarbeit zu haben sind. Ist es nun wahr, dass Arbeit und Erfolge durch den letzten Kongress in Frage gestellt wurden? Das gerade Gegenteil ist richtig. Wohl war der Kongress unruhig, ja stürmisch. Es lagen ihm aber auch gewaltige Fragen vor, gewichtige, Erregung tragende Probleme, bei denen eine schläfrige Uebereinstimmung nicht möglich wTar. Kein Parlament der Welt hätte relativ so schwere Fragen in kühler Vornehmheit erledigt. Wohl hat die Opposition die zulässige Grenze einmal überschritten; aber schon am nächsten Tage kam die Form wieder zu Recht und als nach all den bewegten Stunden Wolffsöhn sich zur Schlussrede erheb, da lausehten all die Vertreter unseres Volkes in altherkömmlicher, feierlicher Kongressstimmung, der Stimmung, die dem Bewusstsein unserer hohen Aufgaben entspringt. Nun wohl —. die Dissidenten. Man hat mit Bedauern vorläufige Erklärungen einiger weniger vernommen, die eine Sonderorganisation bilden wollen. Wir werden noch darauf zu sprechen kommen und glauben sagen zu können, dass man den Brief nach Uebcrwindung der physischen und seelischen Ueberreizung der Baseler Tage anders wird lesen können. Es ist selbstverständlich, dass die schon erwähnte Berichterstattung die Zahl der Dissidenten verfünffachte und den Umstand verschwieg, welche Bemerkung gerade die Besten unter ihnen machten und dass sie nur durch gewisse turbulente Elemente abgedrängt wurden. Es ist aber gewiss, dass ein Streit aus Liebe nicht lange dauern, wird. Im Namen der Volksinteressen, aus Gewissenhaftigkeit also glaubte man schärfer sein zu müssen; wenn die Einsicht der wahren Interessen zurückkehrt, wird sie die Einigkeit schon mitbringen. Nochmals muss betont werden, dass von einer Spaltung nicht gesprochen werden kann, nachdem auch die der scheidenden Resolution nicht zustimmenden sogenannten Dissidenten in der Organisation verbleiben. Aber ausser den masslos aufgebauschten Zwischenfällen war der Kongress eine in ihrer Grösse und der Bedeutung des zur Entscheidung vorliegenden Materials und der Höhe der Debatten imposante Kundgebung des Zionismus und hat eine ganze Serie wichtiger Entscheidungen gebracht, Entscheidungen, welche wirkliche jüdische Politik bedeuten. Denn die in der Ruhe und Eintracht der Kultusstuben und Wohltätigkeitsvereine gefassten Verwaltungsbeschlüsse haben die zunehmende Verschlechterung unseres Schicksals leider noch nie aufzuhalten vermocht. Man hat das Ostafrikaprojekt abgelehnt; viele haben uns deswegen Mangel an politischer Führung vorgeworfen. Die inneren und äusseren Gründe aber, welche eine andere Entscheidung unmöglich machten, haben jene politischen Herren Lehrer gewiss mit keinem Auge verfolgt. Dagegen erfolgte die vollkommen, einzige Konzentration auf Palästina und sein Kachbargebiet, das auch die prinzipiellen Ugandisten immer als ihr Endziel betrachtet haben. Eine ganze Reihe von Leitsätzen wurde unserer Leitung auf den Weg gegeben. Doch ist darin mit klaren Worten ausgesprochen, dass die praktische Arbeit, welche die diplomatische Arbeit der Leitung unterstützen soll, weder heimlich geschehen noch Philanthropie leisten darf. Ein System von wissenschaftlichen und materiellen Zentralstellen soll gegründet, gesetzliche Vorteile sollen geschaffen werden, aber nichts ohne vollständige, loyal eingeholte Sicherung durch die Behörden. Hauptsächlich aber wird die Leitung berufen sein, ihre diplomatische Arbeit, die von der praktischen Arbeit nur unterstützt wird, rastlos zu betreiben. Ein reiches Arbeitsfeld, auf welchem politische, wissenschaftliche und kaufmännische Interessen ineinanderspielen, ist unserer Leitung aufgetan worden. Sie wurde nach sorgsamer Prüfung gewählt und auch das ist ein Erfolg des Kongresses, dass er die sichere Hand gefunden hat, die das Schiff unserer Hoffnung weitersteuert. Erinnern wir uns hier wiederum, was man bei unserem herben Verluste so freundlich war, uns zu prophezeien! Inzwischen wurden glänzende Männer aus unseren Reihen an die Spitze gestellt, und Wolffsohn, an dessen Schultern der kranke Führer sich oft schon lehnte, hat nun die ganze Last des Präsidiums auf sich genommen. Mit vollem Vertrauen sehen wir der neuen Leitung entgegen, deren Wirkungskreis über alle Erdteile geht, die an der Spitze der mächtigsten und stolzesten modernen Volksbewegung steht. Wir wissen sehr gut, dass eine bloss ergebene, aber passive Gefolgschaft wertlos bleibt, dass unser Fleiss immer gespannt bleiben muss. Die Kommissionen, denen eine bestimmte Arbeit für die nächste Zukunft zugeteilt wurde, werden sich wohl in ganz kurzer Zeit mit ihren Forderungen an die Ortsgruppen wenden. Das nationale Bewusstsein unserer Umgebung, der Aufklärungsdienst für die Oeffentlichkeit und vor allem unsere nationalen Fonds bedürfen steter Fürsorge. Für den Rückgang des Zionismus ist wohl nichts zu fürchten, denn wer einmal in ihm und durch ihn das innere Gleichgewicht gefunden hat, geht nicht mehr verloren. Aber der schnellere oder langsamere Fortschritt hängt von der grösseren oder kleineren Menge der Teilchen ab, die der einzelne Zionist zum Wegbau unserer Freiheit herbeibringt. Wir werden weiter arbeiten mit der zähen Entschlossenheit, welche die Grösse unserer Sache erfordert. Zeigen wir unseren schwarzen Propheten weiter den bitteren Irrtum ihres Urteils, zeigen wir Ihnen, dass sich nach wie vor beim Anruf der Leitung in allen Erdteilen Männer zur Vollstreckung erheben werden. Nach dem Sabbatkongress wird mit voller Kraft in die Arbeitswoche geschritten — der Sabbat der jüdischen Freiheit wird folgen. J. Up fimny.