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Die Welt · 1905-08-18 · 33 (18.8.1905) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
33 (18.8.1905)
Date
1905-08-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 33 „bi* * w^it Seite 3 verstände hat der siebente Kongress eine schwere Aufgabe hinterlassen, für die Kommentatoren und Interpreten blüht jetzt der Weizen. Und es ist von Wichtigkeit, dass schon jetzt, der noch frische Eindruck des Kongresses registriert, die. ersten wiederkehrenden Echos all des in die Ferne Geld ungenen aufgefangen, werden, ehe die Kommentare die Sache üherdeutlieh oder undeutlich gemacht haben. Wir Abwesende des Kongresses haben, nun aus den Berichten zunächst den Eindruck gewonnen, dass der siebente Kongress der programmatischeste war seit jenem, der unser Grundprogranmi geschaffen hat; derjenige, der sich am meisten von allen Nachfolgern des ersten Kongresses mit der Grundfrage der Bewegung beschäftigt, am mächtigsten und entschiedensten auf das Ziel hingewiesen hat. Er hat die ungeduldigsten und zähesten Anhänger der jüdischen Renaissance einander gegenübergestellt und durch eine Be i he von heftigen Gewittern die Unklarheiten und Zweideutigkeiten zerstreut, die sich nebelgleich über die Hauptstrasse und die NVbenpfade unserer Bewegung gelegt hatten. Er hat u m e i n e n h o h o n P r e i s das geschaffen, was man, mit einer Anlehnung an uns Oesterreichern geläufige Verhältnisse, die einheitliche Kommaudospracho des politischen Zionismus nennen möchte, und die äusserste Schranke gezogen für die Aus- und Unterlegungen, die sich an das Baseler Programm geknüpft haben und in Zukunft knüpfen könnten. Der siebente Kongress hat dem ersten recht gegeben, hat Palästina und seine Nebenländer als das unverrückbare Ziel der Bewegung sichergestellt und jedes ariden1 Ziel ebenso verworfen:, wie er die Gefahr einer Wiederkehr der Kleinkolonisation verhütet hat. Das feierlich bekräftigte Baseler Programm erhält eine wichtige Unterstützung durch die praktische, jedoch an genau umschriebene Grenzen gebannte Palästinaarbeit, Alle Ideen und Projekte, die vom reinen Baseler Programm wegführen, sind von der offiziellen Geltung ausgeschlossen. Die Organisation des Zionismus bleibt eine rundgeschlossene Kette, an die palästinafremde Gedanken sich angliedern, in die sie sich aber nicht eingliedern können. ich habe früher von einem hohen Preise gesprochen, den der Kongress dafür gezahlt hat. dass er aus den Kampfrufen der Ungeduldigsten und der Zähesten, aus den Vorschlägen und Projekten der Nicht verantwortlichen einen leitendeiiGedanken herausgehoben hat, für den, er mag nun durchführbar oder in absehbarer Zeit nicht durchführbar sein, der politische Zionismus die Verantwortung übernehmen, für den er, unter gewissenhafter und bedachter Leitung, die treue Gefolgschaft der Zionisten verlangen darf. Unter dem hohen Preise verstehe ich aber das der Welt unserer Feinde gegenüber nicht unbedenkliche Schauspiel eines leidenschaftlich streitenden und entzweiten Kongresses. Uns, die Abwesenden, haben die Temperamentausbrücbe des wildgewordenen jüdischen Parlamentarismus geäugsfet. Zwar darüber, was Assimilantenhohn in den Kaffeehäusern tratschte: in Basel habe es einen zionistischen Kramarz gegeben, der Ueberzeugungen polizeilich traktieren wollte —.darüber haben wir nur gelacht, immerhin, auf solche Explosionen waren wir nicht gefasst, und der eine oder andere hat sich gefragt, ob es denn wirklich nicht möglich gewesen wäre, ruhigeres Blut zu bewahren. Aber schliesslich und endlich — wir Juden sind kein nordisch kühles Volk, das seine Politik im Flüstertone macht. Und unser Kongress tagt für uns und für unsere nationalen Interessen und nicht für die ■v Fremden und nicht für die Sittennote unbeteiligter Schulmeister. Wir, die Abwesenden des Kongresses, wissen schon : tiefe und männliche Ueberzeugungen haben in Basel offen, ehrlich und charaktervoll gekämpft. Laut und ungebärdig bisweilen, wie eben Ueberzeugungen, die zu stark und entschieden sind, um nebenbei auch noch überhöflich und manierlich zu sein und dem Hobel eines Kompromisses zu gestatten, sie salonmässig zu glätten. Auch, fällt es uns nicht ein, dem einen, aus seiner Zähigkeit, dem anderen aus seiner Ungeduld einen Vorwurf zu machen. Wir sagen uns. dass die Männer, die unser Vertrauen nach Basel entsendet bat, dieses Vertrauens genügend würdig waren, um zu ermessen, ob der furchtbare Ernst der im Stadtkasino behandelten .Fragen das den Spott der Gegner lockende Bild gewitterhafter Kongresstage rechtfertige. Das Gewitter ist vorüber, die Nebel zerstreut. Und die Bewegung, dasjenige, was man bisher unter dem abgekürzten Ausdruck verstanden hat, bleibt nach wie vor die eine, ungeteilte. Unter dem Schatten der historischeu Flagge, die vor Jahren in einer denkwürdigen Stunde von einem freien Volke gegrüsst wurde, zieht die regulär* Arme«1 des Zionismus ihren. Hoffnungen entgegen. Die anderen sind ein Freisehärlerkorps, wackere Herzen, untadelige Fhrenmänncr — gelieble Brüder, die irgendwo uäher an der 'Marke des Erfüllbaren ihre Zelte aufschlagen möchten. Und ich habe solch festen Glauben an die unerschütterliche Lebenskraft des Zionismus, dass ich die Frage, ob wir uns den Luxus von Partei ungen gestatten, dürfen, nur als eine Frage der Zeil, nicht des Wesens betrachte. .Min Dichter und ein Ingenieur können da leicht verschiedener Ansicht sein. Das wichtigste ist: der Zionismus bleibt. Wenn das will e n I ose Judentum bleiben konnte — und das war ein Wunder —■ <o bleibt um so gewisser das wollende Judentum — und das ist selbstverständlich und kein Wunder. J e d u a. Das Urteil. Sie können siclfs noch immer nicht abgewöhnen! Unwiderruflich erscheinen nach jedem Kongresse dieselben Liedchen, aus denen wir zu. unserer Verwunderung erfahren, wie schlecht es eigentlich um uns bestellt ist. Man niüsste wirklich die Assimilantenblätter einmal genau darauf anschauen, ob diese Artikel und Notizen gegen den Zionismus nicht vom vorigeninal einfach abgeschrieben wurden. Denn sie sagen doch immer dasselbe: Spaltung, Unzufriedenheit, Ende. Wir trösten uns mit den Tatsachen, die dem Spruche des Volksmundes folgen, wonach gerade die Totgesagten am längsten leben. Mit durch Gewöhnung abgekühlter Verachtung sehen wir die journalistischen Färber an der Arbeit, sehen sie die kleinsten Spalten zu Abgründen retuschieren, die Erfolge verdeckeil und die Ziele verkleinern. Der Zionismus ist das Stiefkind der öffentlichen Meinung, soweit sie von einer ganz bestimmten Art versumpfter Juden gemacht wird. Englische und arische, d. i. politisch geschulte und in Männerstolz erzogene Politiker bringen zwar genug Buhe und Gewissenhaftigkeit zusammen, um unsere notwendigen taktischen Wendungen zu begreifen, unsere Differenzierungen sogar zu schätzen, weil diese ein Zeichen reichen Lebens sind, und unseren Endzweck, ein freies und würdiges Leben für die Juden, rückhaltlos zu loben, weil dieser Zweck mit Menschlichkeit und Moral zusammenfällt. Aber einzelne Juden, die zufällig die Macht dazu besitzen, haben es sich in den Kopf gesetzt, uns mit "Druckerschwärze zu vergiften; und sie entehren sich und das Judentum, indem sie sonst jede Freiheitsbewegung jedermanns gerne unterstützen und nur eifrig den einzigen Weg verrammeln helfen, auf dem die Juden sich die stolze Gleichberechtigung als Weltbürger holen können.

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