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Die Welt · 1905-08-18 · 33 (18.8.1905) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
33 (18.8.1905)
Date
1905-08-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 fl5ie 2^ W^lt" Nr. 33 welche sich mit einem objektiven Bericht ohne die üblichen Gehässigkeiten begnügten. Das ist ein schätzenswerter Beweis der Ehrlichkeit, eine Regung des Gewissens. Die Politik ist bankrott; unter deren Regierung Europa jeden Tag feindseliger, die Flucht aus dem Westen immer wilder und ihr Ausgang immer schmäler wurden. Bankrott ist die Politik der Heuchelei, des Hinweises auf eine unmögliche fremde Hilfe, die Politik, die mit keinem Worte sagen kann: Folget uns, bei uns ist Rettung! Nun soll unser angegriffenes Programm als Gegenstück aufgestellt werden. Seine Prinzipien und Grundsätze sind nicht von Auch-Politikern, sondern von bewährten Staatsmännern und Koryphäen der Wissenschaft unter ('ingehender Beratung mit jüdischen Delegierten aus allen Teilen der Welt aufgestellt worden. Nur Verhetzung kennte es dazu bringen, dass man darin etwas Absonderliches oder Unnatürliches findet. Wir wollen ja fast nichts vom Bestehenden ändern: politisch, gesellschaftlieh und materiell sind ja die Juden schon hier fast nur aufeinander angewiesen. Sie leisten wie ein richtiger Staat ja auch schon besondere Steuern zur Erhaltung ihres Judentums, ihrer Wissenschaft, zur Unterstützung ihres Proletariats. Das Judenvolk hat für seine besonderen Zwecke schon ein richtiges Millionenbudget, das von Jahr zu Jahr wächst, nebst den Steuern, die der Stiefvater Staat einsteckt. Der Zionismus will das alles nur transportieren und modernisieren. Wenn fünfzig Juden zugrunde gegangen und in einen anderen Weltteil gegangen wären, um dort als Landwirte oder Arbeiter zu leben, so würde die „Allg. Ztg." oder eine andere Instanz der Weisheit einen Festartikel bringen: ,,Die Juden als Ackerbauer". Die Zionisten aber, die dieses Experiment machen und vielmals wiederholen wollen, bekommen taxfrei den Titel von Schwärmern und Träumern. Dieselben Steuern wie hier mit Abzug der ungeheuren Privatspesen für die Erhaltung des Judentums werden wir drüben haben und die Gemeinheit unserer jetzigen Lage werden wir vergessen können. Das ist der Grundzug unseres Programines — und dafür ernten wir Feindschaft. Allerdings werden wir mit . dem Gulden nach dem Dukaten werfen müssen. Hindernisse, die nur ein mit Gold beladener Lastträger nehmen kann, stehen uns genügend entgegen. Aber viel grösser als sie ist die Allmacht des Geldes in der Politik. Wir haben schon gesehen, dass wir genau so weit kommen können, als wir den Weg mit Münzen pflastern werden. Die Vorwürfe und Anwürfe gegen die angebliche Langsamkeit und Erfolglosigkeit des Zionismus werden also an falscher Stelle gemacht. Nicht uns gebühren sie von den Gegnern, sondern den Gegnern von uns. Wir bitten unausgesetzt um Unterstützung eines Programms, dessen 1-M'üIking eine wirkliche Lösung der Judenfrage ist. AVer Anspruch auf Anerkennung seines Judentums macht, ist verpflichtet, es ernst und ausgiebig zu fördern. Es wäre Much trotz aller Verdrehungen der Gegenseite zu schade, in das bodenlose Fass ihres ni dezentralisierten, bedeutungs- und zwecklosen Programms, von den Notaktionen abgesehen, auch nur ein Minimum jüdischer Kraft auf Nimmerwiedersehen hineinzuwerfen. —y. Die Abwesenden des Kongresses. Vor einigen Jahren erschien in diesen Blättern ein Artikel unter obigem Titel. Es schien mir ein glücklichgeprägter Ausdruck, zugleich ein Ausdruck kerzlicher und einsichtsvoller Rücksicht. Die Anwesenden des Kongresses, das sind diejenigen, die sich auf der höchsten, der vornehmsten Tribüne unserer Qeffentlichkeit aussprechen dürfen. Sollen aber die Abwesenden, deren Herz-so voll ist/ zur Stummheit verurteilt sein? Es ist diesmal aus zwei Gründen unabweisliehe Notwendigkeit, sie mögliehst bald zu Worte kommen zu lassen. Nicht deshalb, weil sie unzweifelhaft, die Majorität vorstellen: der zionistische, wie jeder andere Parlamentarismus bedeutet die Vereinigung vieler Stimmen zu der einen des befugten Redners und der Wahlzettel innerhalb der Urnenwand stellt ein Stück Recht vor, dessen jnan sieh begeben, indem man es übertragen hat. Aber das Recht der diesjährigen Kongress-Abwesenden auf die Tribüne ist anders begründet. Es ist diesmal das Recht derer, die für den Kongress gelitten haben. Bisher war es anders. Bisher waren die Tage von Basel stolze Tage für das zionistische Publikum. Es wartete, und während es wartete, erquickte es sich an der ehrlichen oder auch widerwilligen Ächtung, mit der ringsumher von der Tagung des jüdischen Parlaments gesprochen wurde. Wir, die Wähler, sonnten uns freudig im Abglanze des feinen Lichtes, das im Schweizerland über dem Schicksal unseres Volkes aufging. Die Sonne des Glücks für „ein Volk, das im Dunkel geht" ... Diesmal war es Spott und Hass, die den Wartenden die Wartezeit verlängerten. Ihr habt es besser gehabt als wir, ihr Herren vom Kongresse! Der Leidenschaft eurer Debatten hingegeben, hattet ihr keine Zeit, euch nach der Wirkung dieser Debatten in den Ländern draussen zu erkundigen. Was haben aber wir zu hören bekommen?! Der Zionismus sei im Niedergang begriffen, er -mache eine lebensgefährliche Krisis durch — das war noch das mindeste. Aber sehr vernehmlich umscholl es uns auch, dass der Untergang des Zionismus besiegelt sei, xlass der siebente Kongress den Zionismus totgeschlagen habe. Antizionistischer Spott! Er war laut und frech -zur Zeit, da der Zionismus seine hellsten, seine glücklichsten, seine hoffnungsseligsten Jugendtage lebte. Ermesset daraus, wie abscheulich und erbarmungslos er uns diesmal anfiel. lieber Herzls Grabe . . . Wenn ihr alle heimgekehrt sein werdet, ihr Herren Delegierten, wollen wir euch erzählen, was der eine oder andere von euch vielleicht schon vergessen hat: dass wir Feinde haben. Dieses Geheul der Freude! Die Bibel bewahrt Zeugnisse solcher Freude, die unsterblich ist wie , das Volk Israel. Während ihr in Basel die Instrumente der Zukunft stimmtet, haben wir, leidend und in unseren Leiden staunend, ein Lied der Vergangenheit gehört; haben zum neuen Male erfahren, dass auf keines Volkes Untergang, so leidenschaftlich gewartet wirdwie auf den des unseren. Amon und Moab, die Philister und die Idumäer haben uns in alten Zeiten mit den Feuerbränden ihres Hasses umgeben. Sind jene Völker wirklich untergegangen? oder sind sie, durch Blutmischung entstellt und unkenntlich, in die Welt gewandert, vor uns Juden noch, um auf uns später Kommende zu warten und uns in den neuen Kreis des alten Hasses zu schliessen? Die Frage ward lebendig, als, in eurer Abwesenheit vareilender H&ss/dem Zionismus hämische oder triumphierende Totenlieder sang. Fürwahr, die Abwesenden des siebenten Kongresses haben ein Recht darauf, zu sagen, was sie litten .... / Aber nicht nur das Recht, wir haben auch die Pflicht, zu reden. Noch niemals hat es die Leitung des Zionismus so nötig gehabt, rechtzeitig zu erfahren, wie der Kongress von den Abwesenden, aufgefasst und verstanden worden ist, Ee war diesmal nicht leicht, sich auszukeimen in der Fülle der angenommenen, der abgeänderten, der abgelehnten Resolutionen und Beschlüsse, im programmatischen TIeberschwall die sichere Furt, im Diskonzert aufeinandertreffender, auseinanderstrebender Töne die Noten des bleibenden Liedes zu entdecken. Dem dialektischen Juden-,

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