Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 32 (11.8.1905)
- Date
- 1905-08-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „bis # Weit11 Nr. 32 Bewegung hat selbst eine Eeihe neuer Strömungen geschaffen. Es haben sieh eine ganze Eeihe von Fraktionen gebildet, die alle gewisse Sonderinteressen wahrnehmen, und auch alle, die keiner Partei angehören, sympathisieren doch mit der einen oder anderen und haben jede»falls auch Stellung genommen zu den wichtigsten Fragen. Was ist natürlicher, als dass nun bei der Agitation ein jeder just seine eigene Stellung motiviert und seinen Partner nicht nur zum Zionismen, sondern auch zum Parteigänger innerhalb des Zionismus zu machen sucht! Und doch ist nichts verkehrter als das! Gewiss ist es begreiflich, wenn ein Vertreter des Misrachi sich an orthodoxe Kreise wendet, während die Mitglieder einer radikaldemokra tischen Fraktion den Schauplatz ihrer agitatorischen Tätigkeit eher in das Cafe Monopol in Berlin verlegen, aber bei der Agitation nach aussen müssten streng genommen der Misrachist, der Ugandist, der Demokrat oder der Konservative, der Neinsager wie der Jasager, genau dasselbe sagen. "Denn unsere Agitatoren haben einzig und allein das Gemeinsame aller Zionisten zu predigen. Gegenstand der Agitation der einzelnen Fraktionen und Richtungen sind erst die bereits für die Organisation Gewonnenen, die bereits in unser Heer Eingereihten. Ich hielte es für ein schweres Unglück für unser Werk, wenn Leute beiträten nicht aus Liebe zu unserem' Programm, zu unserer grossen Idee, sondern nur als Parteigänger einer der im Zionismus existierenden Sondern eh tu ngen. Nach aussen sind wir eins und müssen als Einheit auftreten; niemand, der als Agitator unserer Idee wirkt, hat das Recht, seine Privatmeinung oder das Programm seiner Partei zu entwickeln, sondern er hat einzig und allein das Programm, zu dessen 'Durchführung wir alle uns geeint haben, zu erläutern — nur den Willen der Gesamtheit zu interpretieren. Ich glaube, ausser der Partei leidensehaft und dem natürlichen Hange zur Subjektivität spielt hier noch ein Faktor mit, mit dem wir nie ganz fertig werden können. Es handelt sich nämlich bisweilen nur um eine zu weit getriebene Ehrlichkeit. Ehrlichkeit ist etwas Schönes, aber man soll bekanntlich von ihr keinen zu weitgehenden Gebrauch machen. Selbstverständlich sollen wir, was zur Sache gebort, ehrlich und klar, unbekümmert um den Eindruck, den es machen kann, vorbringen. Was ich meine, ist etwas anderes. Es kann bei uns z. B. noch folgendes vorkommen : In einer grossen Versammlung hält ein Redner eine glänzende und überzeugende Rede, welche die Hörerschaft orientieren, begeistern und uns näherbringen muss. Nim *?t irgendwo in dieser Rede beispielsweise ein Bild gebraucht oder ein Bibelvers angeführt, nur ganz beiläufig, oder der Redner hat auch ganz nebenbei ein kritisches Wort über ein nicht eben wichtiges Ereignis gebraucht. Kaum ist der Beifallssturm vorbei, erhebt sich da ein Mitglied der Ortsgruppe und hält eine halbstündige Rede, in der er den Nacheweis zu erbringen versucht, dass in jenem Bilde etwas schief sei. dass der Bibel vers anders ausgelegt werden müsse oder gar nach dem Standpunkte moderner Bibelforschung auszumerzen sei. oder dass es sich mit der bewussten Angelegenheit nicht ganz so, wie der Redner gesagt, sondern anders verhalte. Und so bringt dieser gewissenhafte Mann es fertig, nicht nur den Eindruck des Referates zu verwaschen, sondern auch wieder eine heillose Begriffsverwirrung herbeizuführen; denn die Debatte dreht sich nun nur noch um diese Kleinigkeiten, und der Besucher, der hinging, um aufgeklärt zu werden, wird mit dem Eindruck weggehen, dass die Hauptsache die sei, ob jener Vers im Deutero-Jesajas steht oder ob die National fondsmarken schlecht gummiert sind oder ob der Rhythmiis jener Verse wirklich den Pulsschlag neu erwachender jüdischer Höhenkun^ spüren lasse. Wir sollen also beim Agitieren daran denken, dass unsere Partner hören wollen, was der Kongrcss will, und nicht unsere persönliche Beichte entgegenzunehmen gedenken. Wir haben uns mehr Selbstzucht aufzuerlegen, auch hier wieder an das Grosse zu denken und das Kleine zurückzustellen. Noch eins ist hier zu sagen: Wir sollen uns hüten, mit Augenblickserfolgen zu operieren. Gewiss gibt es keine bessere Propaganda, als die durch die Tat. Indem wir arbeiten, unsere Leistungsfähigkeit erweisen, überzeugen wir die Zweifler, die uns unpraktische Träumer nennen, auf das bündigste von ihrem Irrtum. Aber wir wollen nicht Leute haben, die sich durch einen gerade erzielten Erfolg verblenden lassen, durch eine gute Dividende, einen schmeichelhaften Empfang und dergleichen; diese Leute werden uns, wie im Wechselspiel der Zeit unsere Aktien fallen, treulos verlassen. Wenn wir augenblicklich erzielte Erfolge agitatorisch allzusehr betonen, so ist das eine zweischneidige Waffe. Regelmässig folgt bei zu hochgespannten Erwartungen, wenn die noch erwarteten weiteren Erfolge länger auf sieh warten lassen, Ernüchterung und Erschlaffung. Und die grösste Gefahr ist die, dass diese Tätigkeit eine Reaktion auf unsere Politik hervorruft, dass die Notwendigkeit, die versprochenen Erfolge herbeizuführen, uns dazu verleitet, auf Augenblickserfolge hinzuarbeiten. Und das wäre die gefährlichste Politik, die wir treiben können; wir dürfen nie und nimmer darauf hinarbeiten, nur dem Volk ein positives Ergebnis zeigen zu können. Wer mit uns ist. muss Geduld und muss Vertrauen haben. Ich habe bereits hervorgehoben, dass dieses Agitieren von Mund zu Mund ganz notwendig mit den Veranstaltungen von Propaganda Versammlungen Hand in Hand geben muss. Das Halten von Agitationsvorträgen ist eines unserer wirksamsten Agitationsmittel. Durch die von auswärts kommenden Redner wird, wie schon erwähnt, die Gefahr vermieden, dass ein lokaler Zionismus von eigener Art gezüchtet wird. Es wind die Einheit der Bewegung dadurch gewährleistet. Das schlimmste ist bloss, dass der Redner sich nicht mehrere Tage am Orte aufhalten kann. Und deshalb bleiben die schönsten Reden oft ohne dauernden Erfolg., wenn an Ort und Stelle nicht tüchtige Leute vorhanden sind, die die erzielte Wirkung auszunützen verstehen. Es bleibt sonst bei den berühmten „moralischen Erfolgen". Für eine wirksame Versammlung müssen allerhand Voraussetzungen zusammentreffen. Unbedingt notwendig ist, dass die Versammlung gut vorbereitet und gut geleitet wird. Selbstverständlich können ja nicht in. jeder Versammlung dieselben Dinge gesagt werden. Wenn anfangs in Grundzfigon die zionistische Lehre gezeichnet ist, wird regelmässig in späteren Vorträgen der Grundriss auszufüllen sein, werden Spezialfragen erörtert, einzelne Gebiete vorgeführt werden. In solchen Fällen wird es nun vor allem Sache des Leiters der Versammhing sein, in für jeden verständlicher Weise klarzulegen, dass es sich hier nicht um einen Vortrag der gesamten Lehre des Zionismus handle, sondern nur um die Darstellung eines kleinen Teiles derselben. Er wird zweckmässig eine Skizze unseres Gesamtbaues zu geben und den Platz zu bezeichnen haben, an welchen der heute zu behandelnde Gegenstand gehört. Auf diese Weise kann allein dem Entstehen von Missverständnissen und Verwirrungen vorgebeugt werden. Der Rodner selbst wird ja dazu zwar nicht alles, aber viel tun können. Einen galten Rediier zu bekommen, ist nicht immer leicht. Wer vor einer Versammlung von Gelehrten ehrenvoll bestehen würde, könnte deshalb doch vor einem Publikum von kleinen Handwerkern kläglich Fiasko machen'. Man denke doch nur an den bösen Reinfall, den weiland König Balak mit dem als tüchtigen Agitationsredner bekannten Bileam erlitt, der so gan-z anders sprach, als sein Gastgeber