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Die Welt · 1905-08-11 · 32 (11.8.1905) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
32 (11.8.1905)
Date
1905-08-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 32 „bie # weit Seite 5 dann entgegnet, und ihnen das notwendige Material an die Hand geben. Unser Freund Klee in Berlin hat solche seminaristische Hebungen mit Erfolg eingeführt und dieses Beispiel sollte Nachahmung finden. Um den Eifer für die Kleinarbeit anzuspornen, könnte , man vielleicht denjenigen, die grössere greifbare Erfolge aufweisen, eine gewisse öffentliche Anerkennung zuteil werden lassen. Wenn jemand heute eine für ihn vielleicht unbedeutende Summe hergibt, so kann er seinen Namen im goldenen Buch oder der Oelbaumliste verewigt sehen, während derjenige, welcher hunderte von neuem Mitarbeitern anwirbt, leer ausgeht. Man könnte nun daran denken, jemandem, der innerhalb eines Jahres 200 neue Schekelzahler gewinnt, irgend eine derartige Freude zu bereiten. Ich gebe diese Anregung, die an mich gelangt ist, wieder, ohne selbst mich allzusehr dafür erwärmen zu können, denn die Sache hat auch ihre Kehrseite. Es soll die Agitation nicht zum Sport ausarten und kein Wettbewerb entstehen, wer die meisten Assimilanten zur Strecke zu bringen vermag. Ich glaube, dass der Eifer für unsere Sache auch ohne solche künstliche Mittel der deckbar höchste ist. Wenn wir.festgestellt haben, was die Agitation leisten soll, so kommen wir an die weitere nicht minder wichtige Frage, wie gearbeitet werden soll, die Frage nach der Methode. Diese Frage kann nie erschöpfend beantwortet werden, indem man eine Reihe zweckmässiger Einzelvorschläge macht, sondern auch für die Methode müssen sich bestimmte Leitsätze aufstellen lassen. Es gibt eigentlich nur eine einzige Methode, die, durch Ueberzeugung zu wirken. — Wir zeigen unsere Voraussetzungen an, entwickeln logisch unsere Folgerungen und berichten von unserer Tätigkeit. Wir haben nur das Material herbeizuschaffen, auf Grund dessen ITierr Publikus, der gestrenge Richter, sein. Urteil zu sprechen hat. Unsere besten Akquisitionen machen wir am besten an den Leuten, die auf Grund eigener sorgfältiger Prüfung dasselbe Resultat gefunden haben wie wir. Unsere Sache ist eine Sache strenger Logik und wir dulden, nicht nur, wir fordern von unserem Auditorium eigenes Nachprüfen. (Bravo.) Insoweit lässt sich also die Frage nach der Methode leicht genug beantworten. Aber in der Praxis zeigt es sich, dass es gar nicht immer so leicht ist, das rechte Material auszusondern und herbeizuschaffen. Was ist wichtig und Avas nicht? Eine allzu grosse Fülle von Details, das haben wir schon gesehen, wirkt nur verwirrend — zu wenig ist auch nicht gut! . Jetzt kommen nur noch die bösen Geister des Opportunismus, des Partikularismus und noch einige andere kleine Geister und legen uns Fallstricke. So wichtig und zweckmässig es ist, dass z. B. der Redner sich auch nach seinem Publikum richtet, so gefährlich, kann dies Bestreben, seinen Hörern auch alles mundgerecht zu machen, bisweilen werden. Gewiss wird vor einem Auditorium von braven einfachen Bürgern es nicht eben sonderlich, zweckmässig sein, den Unterschied zwischen deduktiver und induktiver Ansehauungsgewirinung als gewichtiges Imponderabile bei der Beurteilung der jüdischen Volkspsyche zur Grundlage eines Agitationsvortrages zu machen, ebensowenig wie es nötig sein wird, einen Kreis atheistisch gesinnter „Glaubensgenossen." darüber zu beruhigen, dass der Zionismus den religiösen Institutionen, keine Gefahr bringe. Aber diese Rücksichtnahme darf niemals den Kern der Sache selbst betreffen, sondern eben nur auf die Art der. Darstellung einwirken. ' Nun ist es ja nicht mehr als natürlich, dass etwa ein Gesinnungsgenosse, der irgendwo auf vorgeschobenem Posten schwer mit Vorurteilen und Rückständigkeiten seiner Umgebung zu kämpfen hat, allmählich alles vom lokalen Gesichtspunkte auffasst, seine Agitation nicht nur, sondern seine .gesamte zionistische Anschauung nun darnach einrichtet, was seine, lieben Mitbürger dazu sagen. Da kann ein Zeitungsartikel, eine politische Aktion, eine Rede einen solchen Vertrauensmann oft ■ in Verzweiflung bringen, weil dadurch vielleicht die Lehre des von ihm gepredigten, für die reifere Jugend von . Tiertschtiegel oder Dingsdorf bearbeiteten, zensurierten und korrigierten Zionismus desavouiert wird. Wer öfters Agitationsreisen unternimmt, kennt diese interessante Erscheinung. Schon auf dem Bahnhofe wird, dem erwarteten Redner die erste Instruktion erteilt: „Hier muss man ganz besonders vorsichtig sein •— hier herrschen ganz eigenartige Verhältnisse — hier ist ein ausnahmsweise schwieriger Boden." Nun,-das geht noch an! Eigenartig^ Verhältnisse und ein ausnahmsweise schwieriger Boden liegen überall vor und sind des Agitators tägliches Brot. „Verletzen Sie nur nicht religiöse Gefühle — nicht die Vaterlandsliebe Vc Als ob ein vernünftiger Mensch bei ernsthafter Klarlegung unserer Idee sich jemals in religiöser oder patriotischer Richtung gekränkt fühlen könnte. Es kommt aber noch besser: „Hier hat man grosse Furcht vor den Antisemiten" — oder „der Herr Soundso hat eine Tante in Jerusalem" oder „Herr Kommerzienrat X hat einen katholischen Schwiegersohn". Nun ja, solche Tante in Jerusalem oder solch kommerziem rätlicher Schwiegersohn können unter Umständen dem ganzen lokalen Zionismus das Gepräge aufdrücken. Ein vernünftiger Redner wird sich natürlich nicht bange machen lassen. Er wird von den FäniilienVerhältnissen der geschätzten Herren Soundso und X mit Vergnügen Kenntnis nehmen, aber sein Spriicliel unbeirrt sagen. Es ist immer das grosse Ganze im Auge zu behalten und unter Umstanden kann ein Agitationsredner, nach dessen Vortrag 90 Prozent aller Gruppenmitglieder ihren Austritt erklären, weil sie nämlich jetzt wirklieh das Wesen des Zionismus erfahren, segensreicher wirken, als der Vertrauensmann, der mit wer weiss welcher verschwommenen Darstellung Massenbeitritte herbeigeführt hat. Gerade die von aussen kommenden, mit den lokalen Verhältnissen unbekannten Agitatoren können für die Einheit der Bewegung Unendliches leisten. Ueberaus zu wünschen wäre es, wie ich an dieser Stelle vorwegnehmen will, wenn von Zeit zu Zeit die Hauptredner der einzelnen Länder in fremde Länder gingen, um so die internationale Diskussion zu fördern und so die Einheitlichkeit der Arbeit noch mehr zu stärken. Also das Ganze ist im Auge zu behaltenauf den Sieoder Idee arbeiten wir hin und nicht, um gerade den. einen oder anderen zu bekehren. Und nicht allzu viel Angst sollen wir haben, links oder rechts anzustossen, Missverständnisse hervorzurufen oder ängstliche Gemüter einzuschüchtern. Wir reden nicht für "Kinder und Sehwachsinnige, sondern für reife Menschen' mit eigener Urteilskraft und normalem Mute. Auf die anderen werden wir verziehten und ohne grosses Bedanern. Vor allem haben wir in der Agitation uns vor jodem Kompromisse zu hüten. Die Organisation, die wohl gefügte, disziplinierte Einheit kann Verträge eingehen, nicht aber der Agitator, der gerade nur das "Neue unserer Idee künden soll, der deutlich zeigen muss, wodurch wir uns von den arideren unterscheiden! Nur so können wir es vermeiden, dass, wie schon seit lange jeder Jude seinen eigenen Schulchan-Aruch besitzt, nun auch jeder Zionist sein eigenes Programm zum häuslichen Gebrauche sich zulegt. (Lebhafter Beifall.) Und damit kommen wir auf einen anderen wichtigen Punkt zu sprechen: Unsere Organisation umfasst Vertreter fast aller im Judentum vorhandenen Eichtungen, nämlich aller Strömungen ausser der Assimilation; aber das ist weniger eine Strömung als ein stehender Sumpf, und unsere

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