Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 32 (11.8.1905)
- Date
- 1905-08-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „Die # Welt11 Nr, 32 gemacht werden, dass es geflissentlich durch' diese Vorenthaltung objektiver Berichte, durch diese Verschweigung interessanter Ereignisse getäuscht wird. Die Leser dieser Mütter müssen aufgerufen werden, von ihren Zeitungen Rechenschaft zu fordern und eventuell die Konsequenzen zw ziehen. Ich bin überzeugt, dass ungeheuer viele Leser, sogar solche, welche dem Zionismus feindlich gesinnt sind, doch über alle Torgänge orientiert werden wollen und in gerechter Entrüstung sich einem derartigen Proteste ansehliessen würden. Wenn wir also auch keinesfalls um des agitatorischen Eindruckes willen arbeiten sollen, so bleibt es doch deshalb nicht minder wahr, dass unsere stetige ruhige Arbeit selbst unwillkürlich die beste Propaganda in sich birgt. Wenn ich mich jetzt dazu wende, über die einzelnen Mittel der Propaganda, wie sie uns zugebote stehen, zu sprechen, so muss ich darum an erster Stelle eben diese unbeabsichtigte Agitation durch die von uns geleistete Arbeit selbst hervorheben. Je unbekümmerter wir unseren Weg zur Höhe emporschreiten, je weniger wir uns um die unberufenen Warner und Wegweiser kümmern, die uns durch ihre Zurufe zu verwirren suchen, desto eher werden jene einsehen, dass sie sich verstiegen haben und wir die Zielbewussten sind, desto eher werden sie umkehren und unseren Spuren folgen. Sie werden es bequemer haben als wir, da sie in die Stufen treten können, die wir mühsam mit der Eishacke gesehlagen haben. Es gibt keine bessere Propaganda als unseren Kongress. Diese imposante Vereinigung von jüdischen Männern und Frauen aller Länder, aller Berufskreise, aller "Weltanschauungen, die sich vereint haben, um über das Schicksal ihres Volkes Beratung zu pflegen, sie ist an sich eine Tat, die jeden, auch den Fernstehenden und den Skeptiker, mit Bewunderung erfüllen muss. Dies hier ist die einzige Tribüne der Welt, von der aus unser Volk, das einst allen Völkern der Erde die Grundlagen aller Ethik und aller Lebenskunst gekündet hat, nun sein Leid klagen kann, seinen Protest einlegen gegen die Vorenthaltung seiner Rechte, sich schützen, gegen die Verjährung seines historischen Besitztitels auf das Land seiner Väter. Und je ehrlicher auf diesem Kongresse gearbeitet wird, je weniger er zu Demonstrationen benützt wird, einen desto gewaltigeren Eindruck muss er machen. Und wie die Errichtung dieser Tribüne, muss die Ausdehnung unserer Organisation, muss das wunderbare Wiedererwachen jüdischer Triebkräfte in Kunst und Literatur — muss die Tatsache, dass wir wieder als ernster Faktor von ersten Grossmächten der Welt angesehen werden — muss dies alles die Aufmerksamkeit auf unsere Bewegung lenke]], uns neue Kritiker und neue Freunde zuführen. Der Kongress gewährt uns und allen, die sich für unsere Sache interessieren, einen Ueberblick über das, was erreicht ist; seitdem der Kongress nun nur alle zwei Jahre einberufen wird, haben wir einen solchen Ueberblick nur seltener und unsere Propagandaleidet deshalb nicht unerheblich durch den unausbleiblichen Ausfall an Interesse in jedem kongresslosen Jahre. Es fehlt dann an einer alle Kräfte anspannenden Machtprobe. Man hat versucht, durch die Ausgestaltung des sogenannten Sehekeltages einen gewisse]! Ersatz zu schaffen. Diese Einrichtung ist aber bislang nicht recht volkstümlich geworden und man sollte untersuche]], ob es möglich ist, aus dem Schekeltage die öfters schon vorgeschlagene Institution eines Nationalfeiertages zu entwickeln. Ein solcher Nationalfeiertag würde jedenfalls aber mit einein unserer hohen Festtage zusammenfallen müssen, damit aber wieder viel von seinem besonderen Charakter verliere]]. Immerhin muss aber etwas geschehen, um die Kontinuierlichkeit der Bewegung von Kongress zu Kongress zu stärken und unserer Agitation eine grössere Gleichmässigkeit zu sichern. Da hielte ich es denn, für sehr zweckmässig, wenn unsere Parteileitung verpflichtet würde, in regelmässigenZwischenräumen offizielle Mitteilungen herauszugeben, die sämtlichen Vertrauensmännern zuzugehen haben. Diese Mitteilungen sollen unsere Parteigenossen über die wichtigsten Ereignisse auf dem Laufenden halten und ihnen so die rechte Grundlage zu agitatorischer Arbeit geben. Gar zu oft hört man: „Bei euch Zionisten ist es jetzt so still, es scheint ja nichts zu geschehen!" Und wenn das auch ein törichter Vorwurf ist, denn wir wollen ja keine Spektakelschauspiele aufführen, so ist es doch schade genug, wenn wirklich getane Arbeit und wirklich erzielte Erfolge nicht rechtzeitig bekannt werden oder wenn gar entstellende Berichte in feindlichen Blättern erscheinen und der Vertrauensmann nicht in der Lage ist, auf Grund authentischen Materials die Wahrheit festzustellen. Es ist selbstverständlich, dass solche Mitteilungen nichts enthalten sollen, als was wirklich ohne Gefahr der grossen Oeffentlichkeit kundgegeben werden kann. Diese Mitteilungen müssten in den verschiedenen Sprachen abgefasst sein und würden deshalb wohl zweckmässig gleichzeitig in den Zentralstellen der einzelnen Landesorganisationen erscheinen. Es könnten dann die Landesorganisationen diesen Mitteilungen ihrerseits Instruktionen zufügen. Solche regelmässige Mitteilungen und Instruktionen sind absolut notwendig, wenn die Agitation in gleicher Art und gleichmässigem Tbmpo von hunderttau senden über den ganzen Erdball Zerstreuten geleistet werden soll. Denn an unserer agitatorischen Arbeit sollen sich ja nicht nur einzelne besonders geschickte Redner oder Schriftsteller beteiligen, sondern es soll ein Arbeitsfeld für alle Zionisten werden. Es wurde auf den früheren Kongressen, wenn die Frage der Propaganda erörtert wurde, regelmässig als die wichtigste und erfolgreichste Agitation die von Mund zu Mund erfolgende bezeichnet. Das klingt ja nun nicht nur plausibel, sondern es scheint auch für uns hier sehr bequem. Wenn das wahr ist, nun dann überlassen wir es getrost den einzelnen und reden wir von etwas anderem. Aber es ist nur eine relative Wahrheit. Ereilich ist dieses unausgesetzte Arbeiten aller Kräfte ungeheuer wichtig und ganz unersetzlich, aber es kann diese Arbeit nur dann Erfolg haben, wenn wir stets für Material sorgen, wenn wir die. Grundlagen liefern, wenn wir die einzelnen in den Stand setzen, erfolgreich zu arbeiten. Dieser Kleinarbeit liegt der schwerste Kampf ob, der Kampf mit dem Indifferentismus. Die schönste Rede, die glänzendste Schrift, sie verfehlen ihren Zweck, wenn niemand sie hört oder liest. Wenn wir die Leute erst an unsere Versammlungen gewöhnen und zum Lesen unserer Aufklärungsschriften vermögen, ja. dann haben wir schon fast gewonnenes Spiel; aber darin liegt gerade die Schwierigkeit. End da ist es Sache der einzelnen Agitatoren, die Leute aus ihrer Schläfrigkeit aufzuriitteln, ihnen so viel Interesse einzuflössen, dass sie einmal ein Buch in die Hand nehmen oder eine Versammlung besuchen. Und ausser dieser vorbereitenden Tätigkeit, dem Urbarmachen des steinigen Bodens, liegt der Kleinarbeit vor allem die Tätigkeit ob, einzuernten, was ein Redner oder ein Buch gesäet haben. Sie haben dafür zu sorgen, dass das Ergebnis einer Propagandaversammlung praktisch verwertet werde, das dort erregte Interesse nicht nachlasse, das dort gezündete Feuer der Begeisterung nicht wieder verlösche. Es ist gar nicht so leicht, dieses Agitieren von Mund zu Mund, und es gibt Leute, welche eher einen guten Agitationsvortrag halten können, als solche Kleinarbeit zu leisten. Wir müssen dafür sorgen, dass wir uns unsere Agitatoren selbst erziehen. Es sollte jeder in der Propaganda Erfahrene unter uns die Leute seiner Umgebung, die ihm geeignet scheinen, versammeln und sie systematisch anleiten, mit ihnen debattieren, sie belehren, auf welche Einwendungen man gewöhnlich stösst, wie man