Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- Separat-Ausgabe Nr. 6 (3.8.1905)
- Date
- 1905-08-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „Die $ Welt" Separat-Äusgabe No. 6 von Beitrittserklärungen und Geldmünzen gerichtete Tätigkeit unser grosses Werk verflache und bis zur Stufe einer Wohltätigkeitsinstitution erniedrigt werde. Wir verlangen, dass derjenige, von dem wir den Schekel entgegennehmen und dem wir das Recht der Wahl zum Kongresse einräumen, über unsere Ziele und Wege aufgeklärt sei, wir statuieren neben der Pflicht aller Juden, mit uns zu arbeiten, auch das Recht, den Schekel zu zahlen, ein Recht das erst verdient und erworben werden muss. Andererseits aber verlangen wir von denen, die uns verstanden haben und uns zustimmen, dass sie die Konsequenz ziehen und uns etwas wertvolleres geben als ihre Sympathie. Wenn wir nichts als Sympatieen ernten sollen, wenn selbst die ganze Welt uns nur sympatisch gegenüberstellen würde, könnten wir deshalb doch immer nur vis ä vis de rien stehen. (Beifall.) Das also ist der Ausgangspunkt unserer gesamten werbenden Tätigkeit, dass wir stets die Propaganda für unsere grosse Idee mit der Agitation für unsere praktischen Ziele zu verbinden haben. Und so stellt sich das Ziel unserer Arbeit hier folgendermassen dar: Wir haten uns zu bemühen, nicht nur Mitglieder, sondern brauchbare Mitarbeiter zu gewinnen. Mit dem Augenblicke, als die Leute, welche das Objekt unserer werbenden Tätigkeit sind, der Organisation beitreten, endet die eigentliche agitatorische Tätigkeit. Es eröffnet sich diesen unseren Rekruten gegenüber ein neues Arbeitsfeld, über das zu sprechen nicht meines Amtes ist. Die Agitation aber hat hier ihr Ziel erreicht, und so sehen wir beiläufig, dass es sich wirklich um eine Gegenwartsarbeit handelt, die in einer künftigen Zeit, da die jüdische Masse mit uns sein wird, sich erübrigen muss. Die erste Frage, auf deren präzise Beantwortung durch den Kongress unsere agitationsfreudigen Genossen ein Recht haben, ist also die: Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit wir unsere Arbeit beenden können? Wann haben wir das Unsrige getan? — oder — konkret ausgedrückt: Von wem dürfen wir den Schekel nehmen? Einige und sehr treffliche Gesinnungsgenossen sind sofort mit der Antwort fertig: „Von Jedem!" Das ist sehr präzis und sehr bequem, aber wir haben bereits gesehen, dass das für uns unannehmbar ist. Es handelt sich bei uns nicht um die Hingabe von Geld allein, sondern um die Hingabe der ganzen Persönlichkeit. J Klein also dürfen wir das Recht, den Schekel zu zahlen, nicht zuerkennen, solange mit der Schekelentrichtung das Wahlrecht zum Kongresse verbunden ist, wie es heute der Fall ist und hoffentlich auch in Zukunft bleiben wird. Die Schekelquittung ist der Bürgerbrief unseres Idealstaates. Wenn wir nun anerkennen, dass jemand, dem wir das Recht verleihen, über die Geschicke unseres Volkes mitzubestimmen, uns gewisse Garantieen für seine gute Gesinnung und sein Verständnis geben muss, so dürfen wir doch nicht in das entgegengesetzte Extrem fallen. Wir dürfen keine Gesinnungsriecherei treiben und nicht uns gebärden, als ob man zum Sehekelzahlen schon die höchste Stufe menschlicher und jüdischer Vollkommenheit erreicht haben muss. Nur gewisse Voraussetzungen sind zu erfüllen, es muss eine Grundlage vorhanden sein, auf der später weitergebaut werden kann; das ganze Gebäude braucht noch nicht unter Fach und Dach gebracht zu sein. Aber prüfen doch manche von unseren Agitatoren jeden Kandidaten so grimmig auf Herz und Nieren, dass vermutlich, wie ich an anderer Stelle einmal sagte, der liebe Herrgott selber trotz seiner vielfach uns erzeigten Sympathiebeweise von ihnen nicht zugelassen werden würde. Es gilt also den Mittelweg zu finden. Ich habe auf dem Delegierten tage der zionistischen Vereinigung für Deutschland zu Hamburg im Frühjahr 1904 ausführlich einige Leitsätze über diesen Punkt begründet. Ich kann die ausführliche Begründung hier nicht wiederholen, will aber die damals von mir vorgeschlagenen Leitsätze dem Kongress heute zur Begutachtung vorlegen. Mein Gedanke ist der, dass Voraussetzung für den Beitritt zu unserer Organisation die gewonnene Kenntnis unserer historischen und logischen Grundlagen wie unseres Zieles ist, wohlgemerkt, die Kenntnis, ohne dass auch unbedingt das Anerkenntnis jedes einzelnen Punktes gefordert werden hann. Als berechtigt anerkennen muss der Beitretende dagegen unser praktisches Ziel, die Errichtung der öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina. Mit anderen Worten: Wer den Schekel zahlt, dokumentiert damit, dass er das Baseler Programm in allen seinen Punkten billigt und für dessen Verwirklichung zu arbeiten gedenkt, ferner auch, dass er über die nationalen und sonstigen Grundlagen des Zionismus orientiert ist. Es ist ihm dabei unbenommen, etwa unsere theoretischen Grundlagen für falsch zu halten, wenn er nur praktisch mit uns dieselben Ziele hat, denn viele Wege führen nach Jerusalem. (Lebhafter Beifall). (Fortsetzung folgt.) Jüdische Kunst auf dem VII. Kongress. Schon seit Jahren steuert die jüdische Kunst eine Art Zierleiste zu den zionistischen Kongressen bei — Sonderausstellungen, die in den Nebenräumen veranstaltet sind. In den Pausen, welche die heissen rhetorischen Kämpfe in der Arena des Verhandlungssaales übrig lassen, lässt dann gerne das Publikum die Harmonie der Schönheit auf das erregte Gemüt einwirken, freut sich von Herzen über das Aufblühen nationaljüdischer Kunst, auch eines Teiles unserer Wiedergeburt. Es wundert uns, dass diese Veranstaltungen nicht grösser sind, Kann es denn einen Künstler nicht am meisten reizen, sein Schaffen vor den Abgesandten eines ganzen Volkes auszubreiten, die gekommen sind, um einem Ideal zu dienen? Heuer hat die fürstliche Freigebigkeit einer Künstlerseele der Vertretung des jüdischen Volkes ein prachtvolles Geschenk gemacht. Glicenstein, zu dessen Bewunderern der König von Italien gehört, hat einem flammenden Gedanken Gestalt gegeben und eine überlebensgrosse Allegorie des jüdischen Volkes „Der jüdische Genius" geschaffen, die er dem Kongresse ins Eigentum übergab. Barbarenhände haben dem Kunstwerk einen vollständig unzulänglichen Raum im Hintergrund des Verhandlungssales .gegeben. Aber trotz des Mangels an Licht, trotz der Verbannung in einen Winkel hat sich die packende Schönheit der Statue behauptet und durchgesetzt. Das ist keines jener Werke, zu deren Verständnis ein schriftlicher Kommentar Bedingung ist, sondern mit geharnischtem Schritt tritt die Absicht des Künstlers in das Bewusstsein des Zuschauers über. Glicensteins Hand wurde bei diesem Werk von seinem Nationaljudentuni geführt, und es ist ihm geglückt, die ganze Geschichte seines Volkes in dieser einen Statue wiederzugeben. Auf einem Felsblock sitzt ein alter Jude, den Schofar in der herabhängenden Rechten, die linke wuchtig auf den Oberschenkel gestützt,