Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- Separat-Ausgabe Nr. 6 (3.8.1905)
- Date
- 1905-08-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 6 Separat-Ausgabe „Die $ Weit« Seite 5 zionistischen Idee ist eine ungeheure Fülle von neuen Begriffen und Schlagworten, neuen Bestrebungen, Fragen und Debatten, neuen Parteien und Kampfobjekten, ist eine solche ^ülle von Literatur und Makulatur entstanden, dass es wohl jemand, der bislang unbefangen, in diesem Wirrwarr sich orientieren will, von alledem so dumm werden kann, als ob ihm zehntausend Mühlräder im Kopfe herumgingen. Und nun gibt es noch eine Menge guter Freunde, welche sich redlich bemühen, die Verwirrung zu vergrössern, das Oberste zu unterst zu kehren, das Grosse unter tausend kleinen Dingen zu verstecken, und was dergleichen erfreuliche Tätigkeit mehr ist. Und auch viele, denen es ernst um die Sache zu tun ist, unsere eigenen Parteigänger und Agitatoren selbst, begehen auf Schritt und Tritt Fehler, ebnen neuen Missverständissen die Bahn und schaffen neue Verwirrung. Und keinem von ihnen ist ein Vorwurf zumachen, denn in der Agitation marschieren wir leider noch immer nicht nach gemeinsamer Marschordre, sondern jeder muss sich einzeln seinen Weg suchen und so wie er es vermag durchschlagen. Da haben wir unseren wunderbaren zionistischen Bau, ein Schloss für alle unsere Volksideale, aufgeführt, und jeder, der recht vor ihn gestellt wird, so dass er ihn in seinem Gesamtbilde zu überblicken vermag, muss von der Harmonie und Schönheit des Ganzen, von der Zweckmässigkeit aller Bestandteile überzeugt sein. Aber natürlich hat jeder von uns, der Künstler wie der Gelehrte, der Arbeiter, der Rabbiner, sein Lieblingsplätzchen in diesem Palast, seine Stube, in der er besonders gern weilt und arbeitet. Und viele kennen allmählich nur noch den einen Weg zu ihrem Sessel, die einlassheischenden Freunde aber führen sie nun durch Seitentüren, durch winklige Korridore und dunkle Wendeltreppen dorthin, statt sie über die breite Freitreppe hinaufzugeleiten, ihnen den Plan des Ganzen zu erklären und dann ihnen den Weg zu ihrem Flügel zu weisen. Ich halte das für das Wesentliche bei unserer werbenden Arbeit. Immer aufs Ganze sehen, nie den Ueberblick verlieren. Und da das so verzweifelt schwer für jeden ist, der lange in der Bewegung steht und nach Neigung und Individualität sich fortdauernd mit irgend einer Spezialität befasst, muss der Kongress, muss die Parteileitung einen Plan, eine unzweideutige Weisung erlassen, um endlich die Agitation von dem Zufall, von der persönlichen Neigung und Begabung Einzelner unabhängig zu machen, sie zu einer einheitlichen, zielbewussten und planvollen zu gestalten. Es ist beinahe unverständlich, class bislang nach dieser Richtung noch so gut wie garnichts geschehen ist. Ist doch Kongress für Kongress betont worden, dass es sich um eines der wichtigsten Dinge für uns handele, um eine Lebensfrage unserer Bewegung, und ist doch schon auf dem ersten Kongress sogar die Forderung eines solchen Agitationsplanes aufgestellt worden. Von der Agitation hängt es ab, welchen Umfang unsere Organisation noch gewinnen wird, weiter aber auch, welche Elemente zu uns stossen, von wem künftig die Machtmittel, die wir geschaffen haben, benutzt werden können. Eine planlose, eifrige Werbearbeit kann vielleicht quantitativ eine Stärkung der Partei bringen, aber nur eine, nach vom Kongress selbst anerkannten Grundsätzen planvoll und systematisch arbeitende Propaganda kann uns die Sicherheit bieten, dass für ewige Zeiten die Tribüne, die wir errichtet, nicht von solchen in Beschlag genommen werde, welche ihrer nicht würdig sind, dass unser Kongress und unsere Organisation das bleibe, was sie ist, die Vertretung des jüdischen Volkes, das sein Volkstum und seine Kraft erkannt hat und bereit ist, für seine Existenz, für seine Zukunft und für sein Land zu arbeiten und zu kämpfen. Und noch Eins möchte ich hier hervorheben. Wir haben viel Zeit auf unseren Kongressen der Frage gewidmet: Welche Gegenwartsarbeit dürfen wir treiben? Unsere jungen neugeworbenen Freunde bestürmen uns in nicht zu bändigendem Arbeitsdrange: Gebt uns zu tun, schafft uns ein Feld der Betätigung! Wir haben diese Frage, was wir jenen löblichen Stürmern zur Antwort geben sollen, oft und vielfach erwogen, und kaum ein Punkt sonst in unserer Tagesordnung pflegt so viel Differenzen und erregte Debatten zu zeitigen. Der Weisheit letzter Schluss war stets: Vertieft Euch in das zionistische Problem! Vergrössert Eure Kenntnis des Judentums! Aber das ist etwas Selbstverständliches, die natürliche Pflicht des Zionisten, und über Selbstverständlichkeiten braucht man nicht zu reden. Die jungen Leute wollen etwas anderes, sie wollen ihr neu erworbenes Wissen auch praktisch verwerten. Noch mehr, docendo discimus, es giebt keine bessere Methode zu lernen, als indem man lehrt! Ich behaupte, es lässt sich durch eine planvolle Inangriffnahme der Propaganda ein weites und dankbares Tätigkeitsfeld eröffnen und zugleich wird damit das Beste auch für die Vertiefung zionistischer Erkenntnis geleistet. Die beste Gegenwart sarbeit ist die Agitation, ist die Propaganda unserer Idee! Freilich muss das richtig verstanden werden; wenn wir in der Propaganda wirklich die beste Gegenwartsarbeit sehen, so haben wrir dabei nicht die Bestätigung als Olaqueure in Versammlungen im Auge, nicht die bestmöglichste Lungen-Anstrengung, die Bravour im Sammeln von Staniol oder Cigarrenspitzen, oder die Neigung, harmlose Passanten zum Zwecke der Schekel- Erpressung in die Ecke zu klemmen, sondern wir sprechen eben nur von jener Agitation, welche durch Verbreitung von Autklärung und Kenntnis, durch Ueberzeugung allein zu wirken sucht, die zielbewusste und planvolle Agitation, für die wir die rechte Basis erst gewinnen wollen. (Beifall.) Propaganda und Agitation ist zweierlei. Propaganda ist die Theorie, Agitation die praktische Anwendung. Propaganda des Zionismus bedeutet die Ausbreitung der grossen Grundideen, auf welchen der Zionismus basiert, der allgemeinen Anschauungen und Gefühle, aus denen heraus wir zu unseren positiven Ergebnissen gelangt sind. Agitation treiben wir, wenn wir uns bemühen, unsere Machtmittel zu verstärken, wenn wir neue Schekelzahler anwerben, neue Ortsgruppen gründen, Aktien verkaufen oder für den Nationalfonds sammeln. An sich also könnte man das Eine wie das Andere allein treiben. Man könnte sich damit begnügen, nur der grossen nationaljüdischen Idee zur Anerkennung verhelfen zu wollen, oder etwa die Renaissance jüdischer Kultur und Kunst zu künden, man könnte aber auch seinen Ehrgeiz nur darin suchen, möglichst viele Schekelquittungen aaszustellen oder Oelbäume zu verkaufen. Ich glaube nun, class wir vor allem uns dahin verständigen müssen, dass wir das Eine ohne das Andere verwerfen. Wohl werden wir uns freuen, wenn unsere grossen Ideale allmählich von immer weiteren Kreisen erfasst werden, auch solchen, die sich von unserer Arbeit noch fernhalten, nur habe ich im allgemeinen gegen die sogenannten moralischen Erfolge ein gewisses Misstrauen, und wenn ich lese, „der moralische Erfolg war ungeheuer", scheint es mir gar nicht geheuer, denn gewöhnlich ist das der euphemistische Ausdruck für einen Reinfall, Vor allem aber haben wir uns gegen die gegenteilige Praxis zu verwahren, dagegen zu protestieren, dass durch eine lediglich auf die Erlangung