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Die Welt · 1905-08-03 · Separat-Ausgabe Nr. 6 (3.8.1905) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
Separat-Ausgabe Nr. 6 (3.8.1905)
Date
1905-08-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „Die # Welt" Separat-Ausgabe No. 6 Hoher Kongress! Ein schwieriger und folgenreicher Kongress liegt hinter uns. Mit manchen von den gefassten Beschlüssen haben wir eine schwere Verantwortung vor unsern Wählern, vor dem jüdischen Volk und vor der ganzen Welt aut uns genommen. Wohl dem, der sie mit ruhigem Gewissen und leichten Herzens tragen kann. Ich glaube mich keines übertriebenen Optimismus schuldig zu machen, wenn ich mit Genugtuung feststelle, dass die Krisis im Zionismus überwunden ist. (Lebhafter Beifall.) Wir haben das Baseler Programm von neuem verkündet (Beifall); wir haben es als nicht zu überschreitenden Rahmen der praktischen Palästina-Arbeit aufgestellt und wir haben die Organisation dadurch gekräftigt. (Andauernder Beifall). Alles gestattet die Hoffnung, dass wir nunmehr mit frischer Kraft und Zuversicht an der einzig möglichen Lösung der Judenfrage weiter arbeiten mögen. (Lebhafter Beifall). Der Kongress hat Auftritte gesehen, von denen ich betrübt die Augen abwenden möchte. So unangenehm diese auch für uns sind, so dürfen wir aber auch daraus entnehmen, dass der Zionismus lebt, denn Kampf ist Leben. Wir wollen hoffen, dass die erlebten Szenen nie bei uns wiederkehren * wir wollen Frieden halten miteinander. Im Bruderkriege sind Siege ebenso unheilvoll wie Niederlagen, denn der Besiegte bei uns ist immer ein Jude und ein Zionist. (Lebhafter Beifall), Ein Wahrspruch lautet: Scholaum, Scholaum Mekorauw leroschauk: Friede, Friede dem Fernstehenden und auch dem Nahen (Beifall). Wir sind alle Kinder eines Volkes, wir fühlen gemeinsam und nur durch Einheit werden wir mit Gottes Hilfe siegen. Jeder, der in ehrlicher Absicht zu uns kommt, jeder, der auf Grund des Baseler Programms mit uns arbeiten will, gehört zu uns, ist unser. Auf dem letzten Kongress hat Herzl den Schwur geleistet: im eschkochech jeruscholaim tischkach jemini — Wenn ich Dein vergesse Jerusalem, so soll ich meiner Rechten vergessen! Ich habe diesen Schwur in der schwersten Stunde, am Grabe Herzls für Sie alle geschworen. Wir wollen ihn wiederholen, und stets und immer daran denken: Nie an Zion, nie ab'er auch an Herzl vergessen! (Langandauernder, sich oft wiederholender, brausender Beifall.) Mit dem Mahnrufe, dass die Arbeit von neuem beginne, schliesse ich hiemit den VII. Zionistenkongress! (Stürmischer Beifall, Tücher und Hüteschwenken.) Viele der Versammelten stimmen das „Od lo owdou, die zionistische Hymne an. Langsam leert sich der Kongress-Saal unter den feierlichen Tönen des Liedes. Propaganda und Agitation. (Kongressreferat von Dr. Gronemann-Hanover.) Sprichwörtlich geworden ist die Weisheit und Geduld des Rabbi Hillel. Eabbi Hillel war weise und war geduldig, und die Geschichte mit dem Heiden, der auf einem Fusse stehend, von ihm die Lehre des Judentums empfing, beweist das aufs prächtigste, aber mich dünkt beinahe: auch jener Heide war ein tüchtiger Mann, dem mir unsere Hochachtung zollen dürfen. Gewiss war es etwas unbescheiden von ihm, von Rabbi Hille! zu verlangen, er solle ihm die jüdische Lehre in der kurzen Spanne Zeit beibringen, aber er verstand es doch wenigstens, und das will sehr viel sagen, er verstand es, eine geistreiche und präzise Antwort zu würdigen. Denn als ihm die Antwort wurde: „Das Judentum lehrt: Füge einem andern nichts zu, was Dir nicht behagt", da schwieg er betroffen und bekehrte sich. Er stellte keine törichten Fragen weiter, er wurde nicht grob und nicht ausfallend, er verlegte sich auch nicht auf Geistreicheleien, er replizierte überhaupt nicht, er dachte den Gedanken zu Ende und fand, dass darin wirklich alles enthalten sei, dass alles andere nur Weiterentwicklung oder Mittel zum Zweck darstelle, und er bekehrte sich. Es war ein ganz ausserordentlicher Heide, und man kann getrost annehmen, dass Rabbi Hillel sich seinen Mann zunächst angesehen hat, ehe er ihn mit jenem Satze schlug, der das Wesen des Judentums erschöpfend, den höchsten Altruimus auf die realste Basis, den Egoismus der Menschheit gründet. Nicht bei Jedem hätte die Antwort so gewirkt und bei manchem hätte sie ihm gar schlecht bekommen können. So hat Meister Lilien einen glücklichen Gedanken gehabt, als er im Hamburger Logenheim die Szene zwischen Hillel und dem Heiden als Gegenstück zum Bilde des Lehrers Mose wählte, dem er die Züge Theodor Herzls verlieh. Hier der grosse Künder der Wahrheit, der seine Lehre der Welt offenbart, die Wahrheit als Wahrheit, unbekümmert noch, ob die Menge sie hören und begreifen wird, oder ob erst zukünftige Generationen sie ganz erfassen werden, dort der mildlächelnde Weise, der die Einzelnen, die Unwissenden aufsucht, ihnen forschend ins Antlitz blickt und ihnen die Lehre so kündet, wie sie sie verstehen, und zu seinen Füssen den trotzigen Wahrheitssucher, der auf den Funken harrt, welcher die Flamme der Erkenntnis auch in ihm anzufachen vermag. Hillel ist Muster und Preis allen denen, welche eine neue Lehre ins Volk zu tragen haben. Und ganz gewiss benötigt derjenige von uns, welcher die zionistische Anschauung verkünden und verbreiten will, hundertfach die Geduld eines Hillel. Aber nur selten findet er einen so klugen Zuhörer wie jenen Heiden. Auch uns bestürmen die scheinbar Lernbegierigen: Euere zionistische Lehre, was ist sie? Was will sie? Aber nur schnell, schnell, schnell! Sagt es in einem Satze! Sie alle haben es ungeheuer eilig: die Börse wartet, oder der Stammtisch, oder das Minjan, oder die Frau will zum Ball, oder die Kinder sollen sehneil getauft werden. Auf diese Eile waren wir von Anfang an gefasst, und wir haben eine Antwort in einem einzigen Satze geprägt, einem einfachen, leicht fasslichen Satze, unserem Programm: „Der Zionismus erstrebt die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina." Das ist Alles! Aber wenn wir nun mit diesem Satze geduldig den Ungeduldigen begegnen, so überschütten sie uns mit einer Fülle von Fragen und Vorhaltungen, die grossenteils so ungeheuerlich und überraschend sind, dass selbst einem Hillel die Geduld platzen könnte: Warum nicht in Neu-Süd- Wales? Warum gerade für die Juden? Wieso nennt ihr das Zionismus und warum nicht, ich weiss nicht welchen -ismus? Ich denke, Ihr wollt Afrika? Muss ich meine Villa im Grunewald schon kündigen? Erlaubt das die Polizei? Wozu das alles, wenn doch der Aufnahme von Juden in Unteroffiziersschulen in Preussen gesetzlich nichts im Wegle steht? Und was dergleichen hübsche .Fragen mehr sind! Und ehe wir uns, halbbetäubt durch Itdiese Fülle von Unverstand erholt haben, stürmt der Ungeduldige weiter, im Hetztempo des Zeitalters des Verkehrs, zum Cafe oder zur Börse oder zum Münster. Was war jener Heide doch ein lieber Mensch! Hillel hatte es leichter als ein heutiger Agitator des Judentums! Aber wir müssen jenen unverständigen Fragern etwas zu Gute halten. Seit dem ersten Auftauchen der

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