Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- [Separat-Ausgabe] (1.8.1905)
- Date
- 1905-08-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316128-3316136--47172-3342052- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 4 Separat-Ausgabe „Die $ Welt1 Seite 11 arbeitern in Palästina und ausserhalb desselben zur Verfügung gehabt hätten. Wir halten es für unsere Pflicht, an dieser Stelle besonderen Dank den Herren: Agronom A. Aronsohn, Geologen Dr. M. Blankenborn, Agronom E. Kraus, Herrn E. Saphir und Ingenieur Treidel abzustatten. Bemerkungen von Prof. Dr. Warburg zum Bericht. Meine Herren! Nachdem Sie aus dem Munde des Herrn Dr. Soskin einen detaillierten Bericht über die Tätigkeit der Palästinakoni mission erhalten haben, erlaube ich mir zur Einleitung der Debatte einige allgemeine und dann auch noch einige programmatische Gesichtspunkte über die Aufgaben der Palästinakommission und der Palästinaarbeit überhaupt Ihnen vorzulegen, die, wie ich Ihnen gleich bemerken will, meine persönlichen Ansichten darstellen. Freilich werden sie grösstenteils auch von den andern Mitgliedern der Palästinakoinmission vertreten, und gewiss auch von manchen Mitgliedern des Aktions-Komitees, jedoch wird jeder wohl das eine oder das andere daran auszusetzen haben. Um so fruchtbringender aber wird hoffentlich die Debatte hierüber sich gestalten, während sich über die positive bisherige Tätigkeit der Kommission naturgemäss nur wenig sagen lassen wird. Nur das hoffen wir durch unsere zweijährige Tätigkeit erreicht zu haben, dass auch der enragierteste rein politische Zionist anerkennen wird, dass die Arbeiten, wie sie die Palästinakommission in Angriff genommen hat, für die Partei absolut nötig und unentbehrlich sind. Sie vernachlässigen heisst nichts weiter, als sie auf die Zeit nach Erlangung des Charters verschieben; aber es ist klar, dass man dann nicht viel Zeit für langwierige Studien haben wird. Will man also nicht ein grosses Risiko laufen, indem man durch den Charter Aufgaben grossen Stiles übernimmt, deren Tragweite man nicht kennt, deren Grundlagen man nicht studiert hat, so muss man sich schon vorher, d. h. jetzt, mit der Gesamtheit der praktischen Palästinafragen bekannt und vertraut gemacht haben. Aber auch die Erlangung des Charters wird durch Inangriffnahme der jetzt schon möglichen wirtschaftlichen Arbeiten in Palästina sicherlich eher erleichtert als erschwert. Die Auffassung Zangwills, dass der Sultan, wenn Leute schon jetzt so dumm sind, für ihn zu arbeiten, sich hüten werde, ihnen Rechte zu gewähren, leidet an einem logischen Fehler. Sie würde richtig sein, wenn es sich um ein kleines Arbeitsgebiet handelte, ich will sagen, um ein Gut, das schon jetzt völlig freiwillig ohne rechtlichen Kontrakt bearbeitet würde. Hier handelt es sich aber um ein ganzes Land, und was wir schon jetzt dort beginnen können, ist im Verhältnis zum möglichen nur ein minimaler Bruchteil. Hier gilt das Wort „Der Appetit kommt beim Essen." Sieht der Sultan erst, was wir können, und was wir zum Nutzen des Landes leisten, so wird er auch leichter unseren Wünschen zugänglich sein und ebenso die Mächte, die uns bei der Erlangung des Charters unterstützen sollen. Meiner festen Ueberzeugung nach können wir erst dann die Erlangung eines Charters erwarten, wenn wir die Grundlagen wirtschaftlicher Arbeit in Palästina gelegt haben werden, auf die wir dann bei unserer politischen Arbeit hinweisen können. Nur eine schon geleistete positive Arbeit kann uns den nötigen Kredit bei den verschiedenen Mächten verschaffen. So lange wir nur unsern guten Willen beteuern ohne auf Taten weisen zu können, wrerden wir tauben Ohren predigen und werden weder Glauben bei der Türkei noch Vertrauen seitens der Grossmächte finden. Die Gegner dieser Ansicht suchen die Gegenwartsarbeit in Palästina als kleinlich zu entwerten und stellen sie dem schwächlichen Tun der Chowewe-Zion gleich* sie bestreiten, dass dieselbe unser Hauptziel, die Erlangung des Charters, wesentlich zu fördern vermöge, ja vielleicht sei sie sogar schädlich, da sie den Zionisten Erfolge vortäusche und sie so von der auf das Hauptziel gerichteten Arbeit ablenke. Aber ist es denn nicht eine allgemeine Wahrheit, dass man, bevor man eine Sache beginnt, sie erst studiert, und wenn man sie genügend erforscht hat, sie erst in kleinem Massstabe ausprobiert? Der Rechtstitel, dass wir vor 2000 Jahren Palästina besassen, ist bei den Mächten an sich und allein nicht wirksam genug, wir müssen uns dazu auch noch moderne Rechtstitel schaffen, und diese bestehen darin, dass wilden Beweis fahren, dass wenn auch nicht de jure, so doch de facto Palästina wirtschaftlich unserem Einfluss untersteht, und dass alle wesentlichen grösseren Fortschritte des Landes unserer Initiative und unseren ökonomischen Machtmitteln ihren Ursprung verdanken. Hier muss ich mich auch energisch gegen die zuweilen ausgesprochene Ansicht wenden, dass ohne Charter in der Türkei alles unsicher sei, und dass jede Arbeit daselbst durch einen einzigen Federstrich weggewischt werden könne» Ich will der türkischen Justiz durchaus kein Loblied singen, dass aber flagrante Rechtsbrüche, wie Wegnahme von Immobilien, Schliessung von Fabriken, Aufhebung von Siedelungen, Zerstörung von Pflanzungen seitens der Regierung in der Türkei häufiger vorkommen, als in anderen Staaten, muss noch erst bewiesen werden; und gegen Kriegszustände, Revolutionen, Bürgerkriege etc. nützt ein Charter eben auch nichts. Dass das wirtschaftliche Eindringen der Juden in Palästina dem Lande zum Vorteil gereicht, sieht die türkische Regierung schon jetzt ein, und wird es auch jederzeit begünstigen, so lange sie nicht die Befürchtung hegt, dadurch die Invasion anderer Grossmächte zu fördern oder eine politische separatistische Bevölkerung dort grosszuziehen. Es ist unsere erste und wichtigste Aufgabe, stets und überall in dieser Richtung aufklärend zu wirken und zu betonen, dass die von uns erstrebte administrative Autonomie nichts mit politischen Separationsgelüsten zu tun hat. Ebenso wichtig aber ist es für uns, nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch zu beweisen, dass wir durchaus nicht irgend einer der rivalisierenden Grossmächte in Palästina Vorschub leisten; und das können wir leicht dadurch zeigen, dass wir einerseits die Juden türkischer Nationalität in Palästina bevorzugen, und andererseits bei den wirtschaftlichen Unternehmungen, an denen wir uns beteiligen, wie bisher, so auch in Zukunft keiner europäischen Grossmacht eine überwiegende Stellung einräumen. Was die Arbeit der Chowewe Zion in Misskredit gebracht hat, ist nicht das Ziel ihrer Tätigkeit, sondern die Art und Weise, wie sie es zu erlangen suchten. Das Prinzip der Wohltätigkeit ist, falls die Mittel nicht ganz ausserordentlich gewaltige sind, wie z. B. bei der J. C. A., nicht im Stande, grosses zu erreichen, um so weniger, wenn die Gelder planlos verzettelt werden, wrie es bei den Chowewe Zion Vereinen bisher meist der Fall war. Die Palästinaarbeit der Zionisten bewegt sich in ganz anderen Geleisen als die jener Vereine. Mitleid, Wohltätigkeit, persönliche Untertützung sind hier fremde Begriffe, hier handelt es sich stets nur um Organisation, Beispiele, Versuche, Schaffung der Grundlagen für Privatinitiative, Beteiligung an grosszügigen