Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- [Separat-Ausgabe] (1.8.1905)
- Date
- 1905-08-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 „Die $ Welt« Separat-Ausgabe No. 4 wirtschaftlichen Unternehmungen. Mag auch manche Arbeit vergeblich sein, das was einschlägt trägt hundertfach Früchte. Oder wäre es nicht von Gewinn für die zionistische Idee, wenn Kunstgewerbe und Hausindustrie in Palästina zur Blüte kommen, wenn wir eine genaue Landesaufnahme besitzen, wenn von Juden gegründete und kontrollierte Fabriken, Bergwerke, öffentliche Arbeiten etc. in Palästina entstehen, wenn die Abarbanell- Bibliothek sich wirklich in eine Nationalbibliothek umwandelte und sich daran ein jüdisches Nationalmuseum und eine jüdische Akademie angliederte, wenn jüdische Mittel- und Hochschulen den Jesuitenschulen Syriens Konkurrenz machen und neben Medizinern, Apothekern auch Beamte für die Türkei ausbilden würden, wenn von. Zionisten begründete landwirtschaftliche und technische Anstalten sowie medizinische Untersuchungsstationen Zeugnis ablegen von der Kulturfälligkeit nicht nur des Landes, sondern auch seiner jüdischen Bewohner? Sind dies wirklich kleinliche Objekte und sind die Bestrebungen, das zu erreichen, wirklich unnütze Spielereien? Man gebe nur allen Zionisten, ja allen jüdisch fühlenden Juden einen Anteil an der Palästinarbeit und das wird nach Schaffung der nötigen Centralen in Palästina schon möglich sein — dann wird nicht nur der ungesunde territoralistische Spuck in unseren Reihen schnell genug verschwinden, sondern der zionistischen Partei werden noch massenhaft neue Anhänger entstehen. — Dass aber eine solche Beteiligung jedes Zionisten an der Palästinaarbeit schon jetzt möglich ist, dafür nur einige Beispiele. Jede grössere Ortsgruppe sollte Besitzerin einer Orangen-, Mandel- oder Olivenpflanzung sein^ die Pläne dazu würden von unseren Fachmännern in Palästina ausgearbeitet, das Land durch sie gekauft und verwaltet werden, aber immerhin würde die Ortsgruppe durch die Kontrolle und später durch den Verkauf oder Verteilung der Produkte an die Anteileigner sehr enge Beziehung zu Palästina unterhalten müssen. — Ebenso sollte jeder wohlhabende Zionist allein oder familienweise ein Stück Land in Palästina sein eigen nennen und durch unsere Fachmänner bewirtschaften lassen; und Angebote hierfür müssten unsere Vertrauensmänner machen und verbreiten. — Andere Gruppen der Zionisten werden sich industriellen Aufgaben zuwenden, sie werden Gesellschaften bilden zur Errichtung von Mühlen, Oelpressen, Ziegeleien, Gementfabriken, Conservefabriken, Brauereien, Brennereien, Stärkefabriken etc., hierbei unterstützt durch die Bank und die zionistischen Vertrauensmänner in Palästina. Auf diese Weise wird der jüdische Einfluss in Palästina immer mehr steigen und schliesslich wird auch der nicht jüdische Teil der Eingeborenen, der ja schon jetzt grossenteils das Recht der Juden auf Palästina anerkennt in stetigem Contakt mit jüdischem Erwerbsleben, sich stillschweigend an die Idee gewöhnen, dass die Juden auch tatsächlich wTiecler von ihrem Land Besitz ergriffen haben. Schon unsere bisher geringe Tätigkeit hat grossen Eindruck gemacht auf die nichtzionistische Welt, sowohl Juden als auf Nichtjuden. Viele, die unsern weiten politischen Ideen, d. h. der Erlangung des Charters oder der administrativen Autonomie fern stehen, erkennen gerne die kräftige und zielbewusste Umsetzung unserer Ideen in der Praxis an, und tragen auch, dazu aufgefordert, ihre Scherflein dazu bei. Sie geben zu, dass sie sich geirrt hatten, als sie vor Jahren dachten, der Zionismus sei nur eine Seifenblase, die gehörig angeschwollen, zerplatzt ohne einen wesentlichen Rückstand zu hinterlassen, und beginnen einzusehen, dass auch unsere Bewegung wie so viele ähnliche von idealen Gesichtspunkten ausgehende Geistesstimmungen, langsam aber sicher in die Bahnen einer zwar ruhigen aber um so erfolgreicheren Tätigkeit einlenkt. Also nochmals sei es betont, dass wir unsere moralische Position durch systematische praktische Arbeit in Palästina ausserordentlich zu heben vermögen, dass wenn die Erfolge dieser Arbeit an sich in der ersten Zeit nicht sehr gross sein sollten, der in der Vermehrung des Ansehens unserer Bewegung liegende indirekte Nutzen für unsere Bestrebungen von grösster Bedeutung ist. Also auch die rein politisch gestimmten Gesinnungsgenossen haben alle Ursache, unsere Palästinaarbeit als wichtiges Agitationsmittel aufs intensivste zu unterstützen, In kurzen Sätzen festgelegt besteht unser Palästina- Programm in folgendem: 1) Stärkung und Vermehrung des jüdischen Elementes in Palästina auf legalern und vertrauenerweckendem Wege, Erhebung und Kräftigung der in den Städten Palästinas darbenden Volksglieder durch Erziehung und Schaffung von Erwerbsgelegenheiten. 2) Stärkung und Vermehrung des jüdischen Einflusses in Palästina durch Besitznahme oder Kontrolle aller wichtigeren ökonomischen Paktoren seitens jüdischer Korporationen und Personen mit Unterstützung der zionistischen Institutionen. 3) Schaffung eines Zentrums jüdischer Kultur in Palästina durch systematische Gründung und Ausbau aller hierfür nötigen Organisationen. 4) Erstrebung der für die Hebung Palästinas notwendigen Reformen in Bezug auf Verwaltung und Recht. 5) Erstrebimg eines Charters in Palästina auf der Basis administrativer Autonomie. Wie Sie sehen, ist dieses unser Palästina-Programm, weit umfassender als die bisher aufgestellten. Dr. Kahn's kürzlich (in der Nr. 28 der Welt) veröffentlichten Leitsätze des Zionismus enthalten nur den Punkt 1 unseres Programmes, den wir wirklich adoptierten und Herrn Ussischkins Programm ist im wesentlichen nur ein Agrarprogramm, während das unsrige in Punkt 2 $■ ämtliche ökonomischen Faktoren umfasst und in Punkt 3 auch der Hebung der geistigen Kultur in Palästina Rechnung trägt. Die Punkte 4—5 unseres Programmes stellen die politischen Forderungen der zionistischen Partei dar, und zwar fordert Punkt 4 diejenigen allgemeinen Reformen, deren Gewährung auch ohne Erteilung spezieller Charter die ökonomische Entwicklung des Landes beschleunigen und eine etwas schnellere Kolonisation derselben ermöglichen würde, während Punkt 5 spezielle Verträge mit der türkischen Regierung verlangt, durch die eine Massenkolonisation ermöglicht und ein sehr schnelles Aufblühen des Landes gesichert wird. Haben wir erst diese Programmpunkte in Wirklichkeit umgesetzt, so sind wir am Ziel unserer Wünsche, und dann wird eine schnelle Entwicklung von Palästina bald genug den Einwand Zangwills und der Territorialisten widerlegen, dass man in der Türkei ernst machen kann. Vergegenwärtigen sie sich doch den schnellen Aufschwung von Egypten, Oypern, Algier, Tunis nach Beseitigung der administrativen und juristischen Hindernisse; ja selbst an den noch heute türkischen Gebieten Samos und Libanon können sie erkennen, dass schon die Einführung einiger weniger grundlegenden Reformen genügt, jene friedlichen Länder des Orients die alte