Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- [Separat-Ausgabe] (1.8.1905)
- Date
- 1905-08-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „Die $ Welt" Separat-Ausgabe No. 4 Delegiertenwahlen in Russland ungesetzlich durchgeführt wurden. Insbesondere war es der Anhang Ussischkins, welcher das Organisationsstatut aufs gröblichste verletzt hat. (Rufe: Diese Debatte ist unzulässig! Das ist keine Geschäftsordnung! Grosser Lärm; schliesslich entzieht Dr. Marmorek dem Redner das Wort.) Nach der Ablehnung zweier Besclilussanträge zur Debatte über den Bericht des Legitimationsausschusses sollen die Resolutionen über das Ostafrikaprojekt zur Abstimmung gebracht werden. Es erhebt sich ein furchtbarer Lärm seitens der Minorität, die die Sache verloren sieht. Vergebens bemüht sich der Vorsitzende die Erregten zu beruhigen. Während sich die Majorität fast ganz ruhig verhält, wird der Lärm immer heftiger. Da erklärt der Vorsitzende die Sitzung für geschlossen. Das Präsidium entfernt sich, aber die meisten Delegierten bleiben im Saale, wo die Lärmszenen durch Eingreifen vieler Galeriebesucher (meist russischer Studenten und Studentinnen aus Bern und. anderen Orten der Schweiz) immer grösser werden. Endlich nach fast halbstündiger Dauer hören sie allmählich auf. Ausserordentlicher Kongress. (Portsetzung.) Sonntag vormittags, den 30. Juli 1905. Der Präsident Dr. Max Nordau betritt 12. 30 von Beifall begrüsst die Tribüne: Die Sitzung ist eröffnet. Ich kann nicht umhin, nochmals mein tiefes Bedauern auszusprechen über die ungebührlichen Szenen, deren Schauplatz dieser Saal heute Morgen war. Wenn diese Szenen sich wiederholten, wären sie geeignet, das Ansehen endgültig zu zerstören, das wir uns durch unsere bisherige Haltung zu erringen gewusst haben. Ich rufe ihr Pflichtgefühl an. Ich beschwöre Sie, sich Ihrer Verantwortlichkeit bewusst zu sein. Verlieren Sie keinen Augenblick die Tatsache aus den Augen, dass die Blicke der ganzen Welt auf Sie gerichtet sind, manche mit höhnischem, manche mit traurigem Ausdruck, und dass das ganze jüdische Volk von seinen Feinden und selbst von seinen Freunden für die Ungebühr, die sich hier ereignet, verantwortlich gemacht werden wird. Wir sind gezwungen gewesen, die Galerien heute den Zuschauern zu verschliessen. Es hat sich als unmöglich herausgestellt, mit der blossen moralischen Autorität des Präsidiums auf der Galerie die erforderliche Ruhe zu erlangen. Infolge dessen waren w7ir gezwungen, um neuen Störungen vorzubeugen, unserem Prinzip der uneingeschränkten Oeffentlichkeit zuwider im Interesse des ruhigen Fortgangs unserer Verhandlungen für heute die Oeffentlichkeit von der Galerie auszuschliessen. Nach der Abstimmung wird die Galerie den Gästen wieder geöffnet werden. Ich wTarne Sie aber jetzt schon vor einer Wiederholung der gestrigen Störungen; denn falls sie sich wiederholen sollten, würden wir unnachsichtlich von unserem Hausherrnrechte Gebrauch machen und Sie d au ern d au sschli e sso n. AVir fahren in der Verhandlung über die Ostafrika- Frage fort. Die Generalredner sind sämtlich zu Worte gekommen. Die Erörterungen sind geschlossen. Wir haben nur noch über die vorliegenden Anträge abzustimmen. Das A.-C., das eben eine Sitzung gehalten hat, die der Grund für die verspätete Eröffnung dieser öffentlichen Sitzung ist, hat mit allen gegen eine Stimme beschlossen, Ihnen die Anträge, die von verschiedenen Parteien gestellt wurden, als eigene Anträge zu empfehlen. Der Antrag des A.-C. wird jetzt verlesen. Vizepräsident Dr. Marmorek: Das A.-C. legt dem 7. Zionisten-Kongress folgenden Antrag vor: I. Der 7. Zionisten-Kongress erklärt etc. (Siehe Resolution des A.-C. Nr. 3). (Die Resolution wird ins russische und englische übersetzt. Herr Zangwill verlangt das Wort zur Geschäftsordnung, als der Präsident es verweigert, erhebt sich auf der Linken ein grosser Tumult.) Präsident Dr. Nordau: Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, dass Sie sich mit einem solchen Benehmen in ruchloser Weise gegen das jüdische Volk vergehen, dass Sie die Ehre und den Adel des jüdischen Volkes in den Kot ziehen (grosser Beifall. Lauter Widerspruch). Präsident Dr. Nordau: Wir stimmen also über den Antrag des A. C. ab. Herr Zangwill wird nachher das Recht haben, seinen Antrag zu stellen. Die Resolution des A. C. wird unter brausendem Beifall mit grosser Majorität angenommen. Unter fortwährender grosser Aufregung des Kongresses spricht nun Zangwill auf den Präsidenten ein und kritisiert das Gebahren des A. C. auf eine so heftige Art, dass ihn der Präsident zur Ordnung rufen muss. Zangwill schliesst: Ich habe einen deutschen Herrn sagen hören: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan; der Mohr kann gehen". Ich sage: „Der Mohr ist leider gegangen; aber das Werk ist nicht getan". Ich kann nicht glauben, dass der Kongress nicht von dieser Resolution überrascht ist. Ende des letzten Kongresses sagte Herr Dr. Herzl zu mir: „Der VII. Kongress wird der letzte sein.„Ich glaube, dass dem so sein wird, (Grosse Aufregung. Pfuirufe.) Vors. Dr. Norda u. Es ist von Seite der politischen Zionisten an das Präsidium die Aufforderung gestellt worden, eine authentische Interpretation des Beschlusses, den der Kongress gefasst hat, zu geben. Das kann mit wenigen Worten geschehen. Der Beschluss besagt nichts anderes, als dass als Zionist nur derjenige betrachtet werden kann, der auf dem Boden des Baseler Programms steht. Praktisch ausgedrückt: Wenn jemand sich zum Beitritt in eine zionistische Organisation meldet und Schekel bezahlen will, hat man ihn bloss eines zu fragen: „Stehen Sie auf dem Boden des Baseler Programms? Ja oder nein?" Wenn er antwortet „ja", so ist der Betreffende Mitglied der zionistischen Organisation und muss seinen Schekel bezahlen. Wenn er „nein" sagt, dann schliesst er sich selbstverständlich vom Zionismus selber aus (Bravo). Eine andere Frage hat man nicht das Recht, an ihn zu stellen. (Tomkin übersetzt obiges ins Russische.) Dr. Nordau: Das Wort hat Herr Dr. Syrkiu, ich bitte ihn ruhig anzuhören, weil er als einziger Redner von der Minorität zu Ihnen spricht. Dr. S y r k i n : Meine Herren! Nach der traurigen Beschlussfassung, die soeben stattgefunden hat und welche mit den Interessen des jüdischen Volkes auseinandergeht, gestatte ich mir, Ihnen folgende Resolution vorzulegen: Im Namen der Kongressgruppe der sozialistischen Arbeiterpartei erlaube ich mir hiermit, folgendes zu erklären : Die Zionistisch-Sozialen gehen von den Interessen des jüdischen Proletariats und der breiten jüdischen Arbeitermassen aus und sehen in der Fixierung des zionistischen Programms aui Palästina, das nicht das Minimum der zur Realisierung unseres Ideals notwendigen Bedingungen aufweisen kann, sowie in allen daraus folgenden Konsequenzen der Kleinkolonisation etc. eine wesentliche und prinzipielle Beschränkung des zionistischen Pro-