Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- [Separat-Ausgabe] (31.7.1905)
- Date
- 1905-07-31
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316128-3316133--47155-3342034- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- hazzan 2× ep/1004827
OCR text
No. 3 Separat-Ausgabe „Die $ Welt" Seite 11 Wir aber hoffen, dass wir weiter arbeiten werden und haben Geduld. Ich zitiere die Worte unseres jetzigen geehrten Präsidenten, die er am VI. Kongresse gesprochen hat: „Sollte sich gleichwohl dieUnmöglickeitherausstellen, mit seiner Majestät dem Sultan zu einer Verständigung zu gelangen, sollte sein unbeugsamer Wille uns Palästina verschliessen, dann müssen wir eben, unter feierlicher Aufrechterhaltung unserer unverjährbaren geschichtlichen Ansprüche auf das Land unserer Väter mit beiden Füssen unerschütterlich auf dem Boden des Basler Programms beharren, uns in Geduld fassen und wartenu. Wir können warten. Aber warten heisst nicht jede Arbeit aufgeben. Hier muss ich ein Missverständnis zerstreuen. Man behauptet hier, wir Zione Zion seien Chowewei Zion. Ich halte es nicht für eine Schande, ein Chowew Zion zu sein. Wir waren solche noch lange, bevor der politische Zionismus begonnen hat. Wenn wir aber von dort hierher gekommen sind, so ist es auch, weil wir ein neues Ziel gefunden, und weil wir eingesehen haben, dass dieser Weg der richtigere ist. Seither sind wir aufrichtige politische Zionisten. Und das bleiben wir bis jetzt. Wir wollen den Weg gehen, den unser verewigter Führer in den letzten Lebenszeiten gegangen war. Zuerst hat er gedacht, dass man nur für Palästina arbeiten soll. Nachher ist er zur Ueberzeugung gekommen, dass man gleichzeitig auch i n Palästina in gewissen Grenzen arbeiten kann. Und das wollen wir fortsetzen. Politische Schritte zur Erreichung Palästinas und gleichzeitig dasjenige, was mit diesen Schritten im Einklang steht, in Politik zu tun — so wollen wir für die Verwirklichung des Zionismus arbeiten. Diesen Weg wollen wir weiter gehen. (Lebhafter Beifall.) Wir täuschen uns nicht: richtig, unsere Sache ist sehr schwer. Darum eben müssen wir alle, ja alle Kräfte anstrengen und zusammenfassen; darum müssen wir gegen jede grosse Tätigkeit neben Palästina sein. Nur wenn wir alle Kräfte einigen, das ganze Volk organisieren, dann werden wir schliesslich unserer Aufgabe gewachsen sein. Jetzt kommt man und sagt uns: es gibt ein Mittel, die Palästinasache zu stärken: das ist, die Kräfte des Volkes von Palästina abzulenken! Diese Logik verstehen wir nicht und anerkennen wir nicht! Dann müssen wir auch gleichzeitig folgendes wichtige Moment immer nicht vergessen: wozu diese „Nebenarbeiten", dieser Ugandismus führen. Ein gutes Beispiel liefert uns Herr Chasan. Herr Chasan, der von dieser Tribüne aus unser Land so beschimpft hat, hat am letzten Kongress von derselben Stelle folgendes gesagt (liest im sten. Protokoll): „Das Streben im Volke nach einem Staate in Palästina wird immer aufrecht bleiben und deshalb ist die Befürchtung nicht gerechtfertigt, dass durch den ostafrikanischen Plan die Zionsidee an Bedeutung verlieren könnte." (Gelächter, Pfui-Rnfe.) An diesem Herrn Chasan sehen sie die Früchte, die Uganda gezeitigt hat! Sie sehen den direkten Uebergang vom Ugandismus zum Territorialismus. Wenn wir unsere Bewegung davon nicht befreien, so müssen wir noch viele solche Früchte erwarten. (Lebhafter Beifall.) Mein Kollege Ussischkin hat hier im Auftrage der Zione Zion eine Resolution beantragt. Diese Resolution enthält den einzigen Weg zur Heilung. Sie haben beschlossen heute darüber abzustimmen. (Vide No. 2 Seite 7.) Das ist der einzige Weg, den wir zur Gesundung unserer Bewegung von der 2-jährigen Krankheit haben. (Lebhafter Beifall.) Wir, die wir diese Krankheit durchgemacht haben, sind vor einer abermaligen Infektion gesichert. Das ist, vielleicht, der einzige Trost, den ich, als Arzt, in der Uganda-Sache erblicken kann. Es kommen aber neue Anhänger; diese müssen wir vor der Infektion schützen. Darum bitte ich sie, diese Resolution anzunehmen. Geehrte Kongressmitglieder! Wir stehen vor einem historischen Moment, den ganzen Ernst der bevorstehenden Abstimmung müssen Sie im Herz fühlen. Die Augen des ganzen Volkes sind hierher gerichtet. Nicht nur das Volk, unsere Mutter Palästina wartet auch auf Antwort. Es sind hier ihre Söhne aus Palästina gekommen, die das Glück haben, schon auf ihrer Scholle zu leben. Sie werden ihr den Gruss von hier bringen. Sie werden unserer Mutter Zion sagen, ob wir ihrer gedenken, ob wir alle Kräfte ihr zu widmen bereit sind, ob wrir das „Im äschkochech" nur auf den Lippen haben oder im Herzen tragen. Und in diesem historischen Moment beschwöre ich Euch, unserem Lande die Treue zu bewahren! (Lebhafter Beifall.) Von der Naohtsitzung am Samstag. Am Schlüsse der 3. Sitzung des ausserordentlichen Kongresses über das Ostafrikaprojekt gab es eine brausend turbulente Szene, infolge derer die Leitung zwei Abstimmungen (Legitimationsausschussantrag und Ostafrikaprqjekt) auf die nächste Sitzung verschieben rausste. Auf Leute, die an das Toben einer Menge um sich herum nicht gewohnt sind, mussten diese Szenen wrohl einen kolossal aufregenden Eindruck machen, obwohl die Erfahrenen sich sofort sagten, ciass nach dem Ausrauchen der Leidenschaften einige schärfere Massregeln dem Präsidium sofort wieder die Macht in die Hand geben müssten, wie es auch tatsächlich bei abgesperrter Galerie am Sonntag vormittag der Fall wTar. Es müssen zur Erklärung einige nähere Umstände vorausgeschickt werden: Fürs erste hat der Kongress unter einein schweren Uebelstande zu leiden. Ueber Basel brütet derzeit eine unerträgliche Schwüle. Man denke sich nun einen mit Menschen vollgepfropften Saal, in dem von 9 Uhr abends bis 3 Uhr früh über ein schwerwiegendes Projekt verhandelt wird. Weiters ist es unmöglich, den Zutritt zur Galerie für Unberufene zu sperren, wenn sie sich mit Leuten von drinnen im Einverständnis befinden. Dann ist auch durch die Anwesenheit vieler Damen die Schärfe der Gegenaktion behindert. Etwa 20 Delegierte im Saal, etwa 100 Gäste auf der Galerie waren an der erwähnten Szene beteiligt. Schon bei den ersten Sitzungen über das Ostafrikaprojekt am Freitag war es stürmisch hergegangen. Aus der 120-Rednerliste wurden die wenigen Generalredner unter schweren Kämpfen gewählt. Man fürchtete viel, aber der zielbewussten und energischen Leitung war es gelungen, die Debatte trotz aller Erregung bis nach 2 Uhr verhältnismässig glatt abzuwickeln. Es war Uhr früh. Der Saal und die Galerien waren noch immer mit gespannt horchendem Publikum dicht gefüllt. Trotz der offenen Fenster unerträgliche Schwüle. Dr. Alex. Marmorek präsidiert und hält die Aufregung nieder. Der letzte Generalredner hat gesprochen. Bevor man zur Abstimmung schreitet, bekommt Percy Baker das Wort zum Bericht des Legitimationsausschusses. Auch für diesen Bericht wurde Sturm erwartet. Unter den Zionistisch sozialen und den Territorialisten herrrschte grosse Aufregung gegen die Zione-Zion-Gruppe (ungefähr 360 Mann), bei welchen angeblich das Wahlresultat künstlich beeinflusst wurde. Wie es damit