Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- [Separat-Ausgabe] (31.7.1905)
- Date
- 1905-07-31
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 „Die & Welt" Separat-Ausgabe No. 3 einen andern Weg suchen. Wir müssen, auf öffentlichrechtlichen Grundlagen eine Heimstätte schaffen, welche, wenn auch nur von einem Teile bewohnt, die politischen Verhältnisse und das innere Leben, die materielle und geistige Lage des ganzen Volkes ändern wird. Unser Volk stellt eine Reihe von Kolonien, die in allen Weltteilen zerstreut sind, vor, die aber keine Metropole besitzen. Diese Metropole müssen wir dem jüdischen Volke schaffen. „Dann, sagt Dr. Herzl in seinem »Basler Kongress", „werden wir das odiose Privileg beseitigen, dass wir eine Ausnahmestellung einnehmen, weil wir als Juden geboren sind." Denn wir werden dann keine Ausnahme zwischen den Völkern machen. In dieser Metropole wird das Volk sich auch geistig selbständig entwickeln können, da wird sein geistiges Leben frei gedeihen und das Bedürfnis nach nationalem Leben erfüllt werden. Allen zerstreuten Teilen werden aus diesem Zentrum Hilfe und frische nationale Kräfte zufliessen. Diese Metropole für einen Teil des jüdischen Volkes zu gründen, das ist die nächste Aufgabe des Zionismus, das heisst, die Heimstätte für das jüdische Volk zu schaffen. Eine Zeitlang dachte man, und es sind auch jetzt noch viele da-, die so denken, dass man dazu nur ein Territorium braucht, ein Stück Land, und wenn wir das bekommen, dann werden wir schon alles übrige lösen. Unser verewigter Führer war in der ersten Zeit seiner Tätigkeit derselben Ueberzeugung. Ein Stück Land soll man Uns geben, alles übrige werden wir selbst besorgen, sagt er in seinem „Judenstaat". Wir aber, Zionisten, feägen: für unsere Aufgabe, für die Schaffung eines Zentrums, einer Metropole für das ganze Judenvolk, welche die politische Lage und das innere Leben des ganzen Volkes gründlich abändern könnte, gibt es nur ein Land, und das ist unser Palästina, unser historisches Land (lang anhaltender Beifall). Ich kann dies hier nicht mit vielen Worten begründen, muss aber kurz folgendes sagen. Wenn wir uns vorstellen, dass wir nur einen Teil des jüdischen Volkes dort ansiedeln werden, so kann unserem Zwecke nur ein solches Land entsprechen, welches in den Augen des Judenvolkes, wie auch der andern Völker die Autorität eines Zentrunis, des ganzen zertreuten Judenvolkes besitzen wird. Erinnern wir uns an Esra. Er ist nur mit 1500 Familien nach Palästina zurückgekommen und das jüdische Reich . wurde mit dieser kleinen Zahl hergestellt. In jedem andern Lande würde es nur eine Gruppe von Juden bilden, aber nie die Metropole, das Zentrum des Volkes. Und auch jetzt nirgends, ausser in diesem einen Lande kann ein Teil des Volkes die nötige Autorität in nnsern und in fremden Augen bekommen. 2. Wir haben gesehen, dass neben der leiblichen Not die sittliche dasteht als der zweite Teil: das Bedürfnis des Judenvolkes nach selbständiger nationaler Entwicklung. Das können wir nur dort erreichen, wo wir nicht von starker Kultur umgeben sind, und, am leichtesten, dort, wo unser Volksgeist seinen eigenen Boden findet lebende Traditionen, wo die Gegenwart mit der Vergangenheit in harmonische Verbindung kommt. 3. Schliesslich und hauptsächlich muss das Land eine solche Attraktionskraft besitzen, dass die kollossal schwierige Aufgabe, die wir übernommen haben, gelingen könnte. Die Geschichte hat solche Präzedenzien nicht aufzuweisen. Und bei unserer Lage, unserem Mangel an Mitteln und Kräften müssen wir mehr, als alle andern auf solche Imponderabilia rechnen. Hören Sie, was unser verstorbener Führer Herzl darüber in einem Briefe an Baron Hirsch geschrieben hat: «Glauben Sie mir, die Politik eines ganzen Volkes — besonders wenn es so in aller Welt zerstreut ist — macht man nur mit Imponderabilien, die hoch in der Luft schweben. — Und wer damit nichts anzufangen weiss, der mag ein vortrefflicher und nüchterner Mann sein und selbst ein Wohltäter in grossem Stil. Führen wird er die Menschen nicht, und es wird keine Spur von ihm bleiben.» — Wie prophetisch klingen diese Worte! Denken Sie, dass Baron Hirsch einen solchen Kongress wie den unsrigen hatte zusammenbringen können? Nein! Herzl hat ihn zusammengebracht, weil er den Weg zum Herzen des jüdischen Volkes gefunden hat. (Lebhafter Beifall); Alle diese Bedingungen zusammen haben wir nur und ausschliesslich in einem Lande, in unserem, historisch uns gehörenden Lande! Hier ist es möglich, diese Metropole zu schaffen, von hier wird die Lage des ganzen Volkes beeinflusst, das Aufheben der Ausnahmestellung in allen Ländern und die Erfüllung des Bedürfnisses nach nationalem Leben und Entwicklung. Viele, die zuerst mit dem Judenstaate begonnen haben, sind nachher zu dieser Ueberzeugung gekommen, darunter Dr. Herzl. Als wir das letzte Mal im April 1904 in Wien zusammen waren, hat er sich an uns mit folgenden Worten, die ich nie vergessen werde, gewandt: „Als Judenstaatler", sagte er, „bin ich zu Euch gekommen; ich habe Euch meine Visitkarte überreicht. Herzl — Judenstaatler! Im Laufe der Jahre* im Laufe meiner Arbeit, als ich näher mit meinem Volke in Berührung gekommen bin, habe ich vieles gelernt, und jetzt sage ich Euch: Das Problem des jüdischen Volkes ist nur in Palästina zu lösen." Dies war das Testament unseres Führers, welches er in der letzten Sitzung, die er in Wien noch geleitet hat, in unserer Gegenwart abgab. Ja, nur das Problem des jüdischen Volkes, des ganzen Volkes, das ist die Aufgabe des Zionismus. Nicht philosophische Hilfe, nicht Emigrationsfragen, sondern das ganze Problem im Kern zu lösen, die Bedingungen der politischen Lage des ganzen Volkes und des innern Volkslebens zu ändern — das ist unser Zweck. Und mit unserem Führer zusammen sagen wir: Nur in Palästina kann unser Problem gelöst werden. Jetzt, Herr Zangwill, wenn Sie uns über andere Länder fragen, werden Sie unsere Antwort verstehen. Unserem Zwecke entspricht nur ein Land; in andern werden wir es nicht erreichen, Wenn wir den Zweck schon erreicht haben* dann Kolonien gründen, ja mit Vergnügen. Jetzt ist Ihr Vorschlag zu früh. Nun kommt man und sagt uns« das was ihr wollt, ist aber ungeheuer schwer. Zangwill und Chasan haben hier sehr schwarze Bilder gemalt. Ja, dass unsere Aufgabe von kolossaler Schwierigkeit ist, das wissen wir und wussten wir früher. Wir sagen aber: ein Volk kann, wenn es will. Die Frage war nur, ob das Volk wirklich will. Und das haben diese zwei Jahre bewiesen. Denken Sie nicht, dass die Chasans nur hier unser Land so beschimpfen und beschmutzen wollten, dass wir die grösste Kraft anwenden mussten, um ihn ruhig anzuhören. Die Chasans haben dies in sehr vielen Städten Russlands mit Eifer getrieben. Und nun sehen Sie rechts und links, und Sie werden jeden Zweifel aufgeben, ob das Volk will und was es will. Und wenn es wirklich will, dann — Fowdo tiquosseinu! (Starke Beifallsbezeugungen.) Nicht alle teilen unsere Hoffnung und Sicherheit. Die Territorialisten sagen nein, sie wollen und können nicht nach Palästina gehen. Wir zwingen niemanden, mit uns mitzugehen. Uganda steht Ihnen frei.