Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- [Separat-Ausgabe] (31.7.1905)
- Date
- 1905-07-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 3 Separat-Ausgabe „Die $ Welt" Seite 9 wurde. Im Laufe dieser Jahre haben wir fast nur eines getan, wir haben darüber diskutiert und gestritten. Unsere Literatur, unsere Sitzungen, Delegierten tage — alle waren dieser Frage gewidmet. Und wer sich bis jetzt über sie noch keine Meinung geschaffen, dem werden jetzt die Reden am Kongresse nichts beibringen. Wenn ich aber diese Aufgabe übernommen habe, wenn ich dem Willen meiner Freunde gefolgt bin, so war es nur aus der Pflicht heraus, unseren Standpunkt hier klar zu machen und jene Folgerangen zu definieren, die aus diesem allgemeinen Standpunkte folgern. Ich habe noch eine Pflicht, eine konkrete Frage zu behandeln, das ist eben das Uganda-Projekt. Ueber Uganda werde ich nicht viel sprechen müssen. Die Berichte, die uns vorgelegen sind, die auch in der „Welt" publiziert wurden, haben diese Arbeit sehr erleichtert. Wie Sie wissen, sind in den Berichten Unterschiede da. Nach dem günstigsten werden wir, nach Aufwand der grössten Kräfte und Mittel, nach Jahrzehnten vielleicht 20,000 Seelen dort ansässig haben; nach dem Berichte von Prof. Kaiser kaum 5000 Seelen und nach dem letzten auch das nicht erreichen können. Sie werden sich alle wohl erinnern, welche Hoffnungen mit diesem Projekt am letzten Kongresse verbunden waren; welche Hoffnungen die Freunde dieses Projektes in unserem unglückseligen und hungernden Volke erweckt haben. Was ist schliesslich das Resultat? Wenn wir Jahrzehnte lang Kräfte und Mittel anwenden, dann werden wir, im besten Falle ein Fünftel, vielleicht ein Viertel desjenigen erreichen, was unsere Emigration aus Russland allein in den letzten Jahren jährlich liefert. Zum Zionismus als solchen hat es keine Beziehung. Man könnte denken: Die Wohltätigkeits- oder Emigrationsgesellschaften werden sich damit befassen wollen. Sie wissen, es sind Schritte in dieser Richtung gemacht worden. Herr Wolftsohn hat sehr breite Fühlungen mit allen Gesellschaften genommen und es haben sich nur wenige gefunden, die auch nur beraten wollten. Das ist auch leicht zu begreifen. Die Idee, auf die wir uns stützen, haben diese Gesellschaften nicht. Ohne eine solche sind Kolonisationsprojekte im grossen Stile nie durchführbar. Also die wollen es auch nicht. Es bleibt uns nur eines übrig: das Projekt ablehnen, aber dankend ablehnen. Herr Shire hat gestern, meiner Meinung nach, sehr unrecht gehabt, als er die englische Regierung tadeln wollte, sie habe in ihrem eigenen Interesse dabei gehandelt. Meine Herren! Wir bauen den politischen Zionismus eben nicht nur auf dem Interesse des Judenvolkes, sondern gewissermassen auf dem Interesse aller Völker auf. Wir wissen ja, class man uns in manchen Ländern nicht sehr gern hat* Nur wandten die Völker bis jetzt nur eine Methode an, uns zu drücken und zu verfolgen. England ist das erste Volk, das verstanden hat, dass der beste Weg ist, dem Judenvolke zu seiner Heimstätte zu verhelfen (Beifall). Wir wollen hoffen, dass was England verstanden, auch die übrigen Völker verstehen werden und dann würde es uns viel leichter sein, unser Ziel zu erreichen. Wir hoffen auch noch auf weiteres; wenn England einsehen wird, dass wir nur in Palästina unser Ziel sehen, wird es bei diesem Ziele uns behilflich seiu (grosser Beifall) und auch im Interesse des englischen Volkes. Also von Uganda haben wir nicht mehr zu sprechen. Wir wollen und können es nur mit tiefem Danke ablehnen. Nun kommt Mister Zangwill und fragt: Ich bin auch geneigt zu finden, Uganda sei nicht ganz für uns passend. Man könnte uns aber ein besseres, grösseres Land vorschlagen; was werden Sie dann antworten? Meine Herren! Die Antwort, glaube ich, hat Mister Zangwill gleichz9itig dann schon im Saale verstehen können. Ich werde sie aber jetzt, im Namen aller Zione- Zionisten, klar und deutlich ihm sagen: Nein (Bravo!) Ein anderes Land wollen wir nicht und können es nicht annehmen. Warum? Um das zu begründen, muss ich mich leider in eine theoretische Erörterung jetzt einlassen. Ich muss unsern Standpunkt begründen, wenigstens kurz. Ich kann mich jetzt nicht so ausführlich, wie es das Thema erfordert, verbreiten. Aber wenigstens die Grundursachen will ich angeben. Der Kernpunkt unseres Programmes ist, dass wir für das jüdische Volk eine öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina schaffen wollen. Wie stellen Sie sich eine „Heimstätte für das Volk" vor, denken Sie wirklich, dass wir das ganze Volk, das auf allen Erdteilen zerstreut ist, wieder in einem Punkt versammeln werden? Eine solche Konzentration des ganzen Judenvolkes ist, wollen wir zulassen, möglich. Das ist aber eine sehr weite Aufgabe, über die wir jetzt natürlich nicht diskutieren können. Aber unsere nächste Aufgabe ist die, —- eine Heimstätte für einen Teil des Volkes zu schaffen, aber eine solche Heimstätte und in einem solchen Lande, dass sie die Lage des ganzen Volkes, aller seiner zerstreuten Teile, im Grunde ändern wird (Bravo!) Das jüdische Volk hat zweierlei Leiden: es leidet sittlich und leiblich, politisch und national. Seitdem wir unser Heim verloren haben, sind wir überall in der Minorität, überall in einer Ausnahmestellung. Da liegt die Ursache der spezifischen politischen Leiden, der spezifischen materiellen Judennot, die unser Schicksal ausmacht. Neben dieser steht die zweite. Das jüdische Volk hat einen starken, unbeugsamen Geist; es kann sich nicht assimilieren. Unsere Geschichte hat es vollständig bewiesen. Und da es in der Diaspora in allen Ländern mit fremden und oft starken Kulturen zu tun hat, so leidet es geistig in allen Ländern. Es ist nicht leicht zu sagen, welche Leiden schwerer sind. Unser verehrter Präsident, Herr Dr. Nordau, hat in seiner Rede am ersten Kongress mit Recht gesagt, dass „die sittliche Judennot noch bitterer ist, als die leibliche, weil sie höher differenzierte, stolzere und feiner fühlende Menschen heimsucht." Bedenken Sie diese Worte, dann werden Sie mit mir einverstanden sein, dass wenn auch die Lage unseres Volkes sich in der Diaspora bessern wird, die sittliche Judennot noch stärker werden wird. Je freier wir werden, desto stolzer werden wir, desto mehr entwickelt sich das nationale Bewusstsein und desto mehr werden wir leiden. Wie ist da zu helfen? Wenn wir das jüdische Volk retten wollen, müssen war in beiden Richtungen gleichzeitig arbeiten. Und was ist da zu machen? Die Assimilanten, die vor uns über das Judenvolk gedacht und für sein Wohl gearbeitet haben, haben folgendes gepredigt. Wir müssen uns assimilieren; dann wird unsere Ausnahmestellung allmählich weniger merkbar sein; man wird uns einfach nicht überall bemerken und verfolgen. Was den nationalen Geist anbetriift, der wird allmählich absterben; wir werden aufgehen, im einzelnen Mileu aufgelöst werden. Das war die Lage, die wir getroffen haben, und das Heilmittel, welches dem Judenvolke vorgeschlagen wurde. Da kam der Zionismus und proklamierte: Nein, nicht sterben, sondern leben! Ein volles Leben, ein volles geistiges und physisches Leben, ein freies Leben wollen wir anstreben und erreichen! Und da wir den Weg, den Moses gemacht hat, als er das ganze Volk aus der Sklaverei herausgerissen hat, und ihm Freiheit und Land gegeben, nicht nachahmen können, müssen wir