Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- [Separat-Ausgabe] (31.7.1905)
- Date
- 1905-07-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „Die $ Welt*4 Separat-Ausgabe No. 3 sollen, dass Greenberg alles auf seine eigene Verantwortlichkeit ausgeführt hat. Die Schande falle nicht auf das jüdische Volk, sie falle auf das A. C. (Beifallsrufe.) Redner fährt dann fort: Wir sind hier auf dem Kongress in einer Minderheit erschienen. Das wissen wir. Vielleicht war es unsere Schuld, zum mindesten teilweise. Wir haben nicht daran gedacht, das Volk genügend aufzuklären; wir haben keine genügende Agitation gemacht. Wir haben nicht daran gedacht, dass für unsere Gegner die Tradition sprach, während für uns etwas Neues, etwas Grosses, noch nie Dagewesenes, etwas Revolutionäres sprechen musste. Wir haben nicht daran gedacht; wir waren noch zu jung; wir sind eben im jüdischen Leben erschienen. Wir haben auch — wenigstens viele von uns — noch anderes zu tun. Sie wissen, welche gewaltige Bewegung das Land erweckt hat und wie viele von uns gerade diese Bewegung angezogen hat. Sie wissen, dass wir Versammlungen einberufen haben, dass wir in die Synagogen gegangen sind, aber auch von dieser Tribüne aus müssen wir das Volk zum Selbstschutz und zur Selbsthilfe aufrufen." (Lärm.) Redner bespricht sodann den Territorialismus, dem er eine grosse Zukunft voraussagt und erklärt schliesslich: ,.Die zionistische Bewegung bedeute einen Aufschrei." Die ganze Geschichte des jüdischen Volkes, seitdem es die Unabhängigkeit verloren hatte, war eine abnorme. Im Verlauf dieser Geschichte wurde der Gedanke gestärkt, dass ein freies Leben nur auf einem eigenen Territorium möglich sei. Dieses Territorium war Palästina. An eine Ausführung dieser Idee aber konnte nicht gedacht werden. Die kulturellen Verhältnisse in der die Juden umgebenden Welt waren der Befreiungsbewegung nicht günstig, die technischen Mittel waren nicht geschaffen, der historische Moment nicht gekommen. Das jüdische Volk musste wandern, von Land zu Land. Aber das erste Mal, als für das jüdische Volk die historische Notwendigkeit kam, als ein moderner Ruf nach nationaler Wiedergeburt ertönte, war der Ausdruck davon die Automanzipation von Pinsker und Herzl, diesen Zweien, die doch an zwei Wendepunkten des zionistischen Lebens stehen. Niemand wird bestreiten, dass sie Territorialisten waren. Sie erinnern sich an das Wort von Leo Pinsker: „Das einzige, woran wir denken müssen ist, dass wir nicht das heilige Land bekommen wollen, sondern dass wir ein Land bekommen müssen, wo es auch sein mag. Dorthin werden wir das AIlerheiligste mitbringen, dort wird unser Land das jüdische Land sein." Im Judenstaat von Herzl kennen Sie doch das Kapitel, welches betitelt ist: Palästina oder Argentinien? Auch Herzl hat nicht die Notwendigkeit gesehen, nach Palästina zu gehen. Wie kam es, dass wir uns heute vor einer Krisis befinden und was ist der Beweggrund, dass wir, obwohl das Uganda-Projekt nicht angenommen ist, doch vor der ganzen jüdischen und nichtjüdischen Welt erklären, dass wir Territorialisten bleiben? Weil wir das Land nicht wählen, sondern weil wir zu diesem Land durch die historische Notwendigkeit getrieben worden sind. (Unruhe.) Nach einem Exkurs über die Bewegung unter Pinsker und Herzl fährt Redner fort: „Was aus dem Zionismus geworden ist, das wissen alle. Sie wissen, welche Lehren uns die 7 Jahre gegeben haben. Die grosse jüdische Bourgeoisie, an die man sich doch ebenfalls im Namen der nationalen Idee wendete, hat unserem Rufe nicht entsprochen, weder in Deutschland, noch in England, noch in Italien, noch in Oesterreich. Sie wissen, dass Herzl sich zuerst auf die iüdische Bourgeoisie verlassen hat. Er hat geschrieben : Wir werden uns an die Reichen wenden. Die Reichen haben nicht geantwortet. Der Mittelstand, der nicht auswanderte, der nicht auswandern kann infolge der ökonomischen und sozialen Stellung, an die er gebunden ist, hat getan, was er tun musste. Er hat in den Zionismus hineingetragen, was in seinem Herzen sich befand, die Kulturfrage. Auf allen Kongressen wurde von der jüdischen »Jugend der jüdischen Renaissance die Kulturfrage zur Sprache gebracht. Das war eine Idee nach dem Herzen des Mittelstandes. Dafür waren die begeistert, die nicht ganz indifferent geblieben waren. Der Zionismus hat eine Bank, einen Nationalfonds geschaffen. Sie wissen wie gross er geworden ist, welche gewaltigen Mittel ihm zugeflossen sind. In dieser Zeit entstand im jüdischen Volk eine neue Bewegung. Die Auswanderung fing von neuem an. Der heruntergekommene Mittelstand musste auswandern und zu Arbeitern werden. Leider sind diese wandernden Massen hier nicht genügend vertreten. Diese neue Auswanderung geht nach Frankreich, England, Amerika und objektive Beobachter konstatieren wiederum, dass die Juden dort nur existieren, weil sie sich au-beuten lassen, (wohnen ^ie doch zu 14 in einem Zimmer, wo sonst 2 Platz finden). Sie konstatieren als etwas noch Wichtigeres, dass sie nur Produktionsweisen betreiben, die täglich mehr dem Untergang geweiht sind, wie das Handwerk und die Kleinfabrikation. Die Juden haben also dort keine materielle Gegenwart und keine materielle Zukunft. So kam es, meine Herren, dass das Proletariat sich an die Judenfrage gewendet hat. Das jüdische Proletariat ahnt, dass die jüdische Bourgeoisie sich assimiliert und assimilieren wird. Das jüdische Proletariat weiss aber, dass sein nationales Streben, sein nationales Schaffen, dass alles möglich sein wird, wenn das grosse jüdische Volk, die Millionen von Juden auf: eigenem Lande zu freier Entwicklung gelangt sein werden. So kam es, dass das jüdische Proletariat, dem das sozial-ökonomische Element Hauptelement ist, gar nicht so leicht die Frage beantwortet hat, wie es die Herron getan habjn. Das jüdische Proletariat hat gesehen, dass diese Frage sich gar nicht so beantworten lässf, wie die Leute es getan haben, für die die Frage der Auswanderung, die soziale Frage, die wirkliche Umwälzung, der Uebergang von einem Land in das andere, von einem ökonomischen Verhältnis in das andere nicht in Betracht kommen. Das jüdische Proletariat hat gesehen, dass Palästina ein Teil eines lebendigen Staates ist, das3 es ein Orgati in einem Organismus, i;i einem Körper ist, der sich wrie alle Organismen betätigt und der es doch nicht erlauben wird, dass man von ihm eiuen Teil wegreisst. Das jüdische Proletariat, sagt, dass die Türkei doch ein Land ist, die nicht wie zum Beispiel die englische Regierung oder die französische oder eine andere Kolonien hat, die nicht besetzt sind. So, meine Herren, kam es, dass Sie vor diesem heut'gen Tage eine neue zionistische Organisation haben. Wir sagen, dass zur Lösung der Judenfrage in den Zionismus als Zentrum die soziale Frage der Juden, die wandern müssen, die aus Hussland noch wandern werden, die Frage der jüdibchen Arbeiterinassen gestellt werden muss. (Links grosser Beifall, Hüteschwenken auf der Gallerie.) Dr. T schien o w. Geehrter Kongress! Ich habe die Aufgabe übernommen, hier als Generalredner aufzutreten, nicht in der Erwartung, jetzt diejenigen, die bisher noch keine Meinung über diese wichtigste Frage haben, überzeugen zu können. Zwei Jahre sind verflossen, seit in unsere Bewegung ein neues Wort, eine neue Idee eingeführt