Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- [Separat-Ausgabe] (31.7.1905)
- Date
- 1905-07-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 3 Separat-Ausgabe ,*Die $ Welt" Seite 7 Abramo w i t s c h: Ich erkläre mich gegen den Antrag. Eine Beschränkung der Redezeit ist eine Brutalität. Und eine Brutalität soll sich das jüdische Parlament nicht gefallen lassen, wenn es auch die Majorität so will. Vizepräsident Dr. Marmoreck; Gestatten Sie mir eine Bitte. Es ist das erste Mal, dass ich wage etwas von Ihnen zu verlangen. Ich glaube, es ist im Interesse der Redefreiheit, das man den Antrag Soskin ablehnt. — Herr Dr. Soskin hat soeben seinen Antrag von 15 Minuten auf 1 halbe Stunde modifiziert. Ich wiederhole meine Bitte, den Antrag Soskin abzulehnen. Bei der nun folgenden Abstimmung ist das Resultat nicht sicher. (Grosse Unruhe). Es wird eine zweite Abstimmung vorgenommen^ wobei die Rechte sich ostentativ der Stimmabgabe enthält. Vizepr. Dr. Marmorek' Ich bedaure, dass die Herren auf der Rechten nicht von Ihrer Stimme Gebrauch gemacht haben. Der Antrag Soskin ist somit angenommen worden. (Erneute Pfiffe, grosser anhaltender Lärm, heftige Aufregung.) Vizepr. Marmorek: Sie haben gesehen, dass ich bestrebt war das Recht der Minorität zu wahren. (Syrkin ruft: das ist nicht wahr!) Wenn die Herren auf der Rechten mitgestimmt hätten, so wäre der Antrag Soskin gefallen. Sie haben nicht mitgestimmt. Ich stelle den Antrag und bitte Sie ihn anzunehmen, dass die Herren der Zione Zion je eine halbe Stunde und die Herren der Gegenpartei eine bis anderthalb Stunden sprechen sollen. (Rufe: Sehr richtig! Grosser Lärm!) Dr, Marmorek macht noch verschiedene Mitteilungen über heute Abend und morgen stattfindende Versammlungen und Zusammenkünfte. Ausserordentlicher Kongress. Dritte (Nacht)-Sitzung, Samstag, den 29. Juli 1905. Beginn 9 Uhr 20. Dr. Nord a u (von Beifall begrüsst): Das Präsidium ist aufmerksam gemacht worden, dass im Saale viele Niclitdelegierte sich befinden. Im Laufe der Sitzung werden Abstimmungen stattfinden. Es ist wichtig, dass an der Abstimmung nur Delegierte teilnehmen. Es wird aber nicht möglich sein dies zu kontrollieren, wenn zwischen den Delegierten sich viele Nichtdelegierte befinden. Ich fordere alle Nichtdelegierten, die sich im Saale befinden auf, den Saal zu verlassen, damit eine Abstimmung kontrolliert werden kann, und die Abstimmung als Ausdruck des Kongresses wirklich genau ist. Wir setzten die Verhandlungen über das Ost- Afrika-Projekt fort. Lewko witsch (spricht russisch während 15 Minuten) Aus der Versammlung wird das Wort zur Geschäftsordnung verlangt. Dr. Nordau erklärt, dass während der Keden der Generalredner das Wort zur Geschäftsordnung nicht erteilt werden kann. B r i s k m a n n : Zum dritten Male habe ich die Ehre, auf dem Zionistenkongress als Delegierter zu erscheinen, Zum ersten Male aber betrete ich die Tribüne. Ich habe mich gewöhnt, an diese Tribüne immer mit Achtung und Verehrung zu denken. Ich weiss ja; dass das die einzige Tribüne ist, die bis jetzt das jüdische Volk sich geschaffen hat. Ich weiss auch, dass von dieser Tribüne grosse und erhabene Reden, historische Reden an das jüdische Volk und zum ersten Mal än die Aussenwelt im Namen des jüdischen Volkes gerichtet worden sind. Ich weiss auch, dass von aller Herren Ländern die Juden mit Aufmerksamkeit zu dieser einzigen Tribüne hinaufsc hauen. Diese nieine Meinung, die ich von dieser Tribüne habe, wird, glaubeich, Ihnen die beste Garantie sein, dass ich mir nicht erlauben werde, von dieser Tribüne aus etwas zu sagen,, was von einer wirklich parlamentarischen Tribüne nicht gesagt werden darf (Bravorufe). Ich werde mich vielleicht in eine Kritik einlassen, ich werde vielleicht Meinungen aussprechen, die Ihnen unangenehm, vielleicht höchst unangenehm sein werden, aber das ist doch mein Recht als Delegierter, das ist doch gerade die Ehre der parlamentarischen Tribüne, dass von diesen Tribünen aus in loyaler Form die Meinung der entgegengesetzten Richtung ausgesprochen werden kann. Ich bitte die Gegner, ebenso vor der Tribüne und vor ihren Gegnern Achtung zu haben. (Lärm.) Sie müssen vor ihrem Gegner Achtung haben schon deshalb, weil die Gegner offen und stolz vor Ihnen auftreten, und weil sie wissen, in welch gewaltiger Minorität sie hier erscheinen, und doch nicht das kleinste von Ihrer Meinung ablassen, sondern klar und offen Ihre Meinung aussprechen. Zuerst über die U g a ndafrage: Die Uganda -Frage hat im jüdischen und zionistischen Leben eine grosse Bedeutung bekommen. Zwei Jahre wurde über diese Frage diskutiert. Vor 2 Jahren hat sich der Basler Kongress mit dieser Frage beschäftigt und beschlossen, dass diese Frage untersucht und auf Grund von Dokumenten zur Beschiiis sfassung vorgelegt werden müsse. Zwei Jahre haben wir geschwiegen im Vertrauen, dass alles getan werde, um den Beschluss des Kongresses auszuführen. Endlich fingen wir zu zweifeln an. Nach einiger Zeit wurde es uns zur Gewissheit, dass dieser Beschluss nicht so genommen worden ist, wie er genommen werden sollte von Leuten, die von demokratischem Prinzip und Geist durchdrungen sind. Heute stehe ich hier, um von diesen Leuten Rechenschaft zu fordern, um gegen diese Leute eine grosse Anklage zu erheben. Heute will ich hier sagen, dass man im Berichte Greenberg eine Phrase ausgelassen hat, die Phrase: dass das Geld für das Uganda-Projekt von Christen gegeben worden ist und dass dies eine Schande für das Judenvolk war. D:.is A.-C. hat uns das nicht übersetzt. Das Volk in Russland hat fast keine Presse, nur eine solche in hebräischer Sprache, die ausschliesslich in den Händen von Leuten ist, die gegen das Projekt waren. (Beifall und Proteste.) Die hebräische Sprache kennen die meisten vom Volke nicht. (Oho!) Das ist keine Polemik gegen die hebräische Sprache. Ich sage: Das jüdische Volk, das nicht orientiert ist, konnte nicht dagegen protestieren und deshalb ist die Verantwortung für das Geschehene nicht dem jüdischen Volke, sondern den Mitgliedern des A. C. zuzuweisen» Was haben dieselben getan mit dem Beschlüsse des Kongresses? Soll das vielleicht einen "Wendepunkt in der jüdischen Geschichte bedeuten? Was machten sie für die Generationen, die kommen werden? Redner polemisiert hierauf gegen das A. C, dem er vorwirft, dass man sich niemals an das jüdische Volk gewendet habe, um Geld zu sammeln. Das A. C. habe nach dem Beschlüsse des letzten Kongresses nicht seine Demission eingereicht, dadurch habe es vor der ganzen Welt die Verpflichtung auf sich genommen, diesen Beschluss auszuführen. (Beifall.) Das habe es aber nicht getan. Das sei eine grosse historische Beschuldigung, eine Beschuldigung im Namen der nationalen Ehre, dieses Kongresses, vor dem das A. C. doch Achtung haben müsste. Es hätte es nicht zugeben