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Die Welt · 1905-07-29 · [Separat-Ausgabe] (29.7.1905) · page 14

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
[Separat-Ausgabe] (29.7.1905)
Date
1905-07-29
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
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Seite 14 „Die # Welt" Separat-Ausgabe No. 2 Das ist unglücklicherweise die Lage in Palästina. Die Arbeit in Palästina ist der Diplomatie entgegengesetzt und die Diplomatie ist der Arbeit in Palästina entgegengesetzt. (Rufe: Sehr richtig.) Diesem Dilemma stand auch unser armer Herzl gegenüber; entweder musste er die Tätigkeit in Palästina aufgeben oder die Diplomatie aufgeben und aus seinem politischen Instinkt heraus hat er sich entschlossen, die Tätigkeit in Palästina aufzugeben (Beifall und Widerspruch) und den hochpolitischen Weg fortzusetzen; denn Herzl hatte damals schon die Erfahrung, welche Ussischkin und wie ich fürchte die Majorität der Zionisten überhaupt jetzt noch nicht besitzen: dass der Zionismus da ist, Bedingungen und nicht Dinge zu schaffen. Wenn wir meinen, dass es unsere Aufgabe sei, ein Volk ökonomisch in künstlicher Weise aufzubauen, dann sind wir auf dem Wege zum Untergang, denn an dieser Klippe ist auch die Ika zu Grunde gegangen. Wenn die sämtlichen Millionen der Rothschilds und der Hirsch- Stiftung und sämtlicher Juden in einen Fonds zusammen getan würden, so würde es uns dennoch misslingen müssen. Herr üssischkin häuft eine grosse Anzahl von idealen Eigenschaften und sagt: wenn ein Volk dies nicht alles besitzt, «so müssen alle seine Versuche, ein politisches Zentrum zu bilden, erfolglos bleiben.» Da kein Volk auf der ganzen Erde alle diese Eigenschaften besitzt, wie z. B. dass keine Einzelperson Gewinn machen dürfte durch den Verkauf von Land an Nichtjuden, oder dass unsere jungen Leute aus jedem Land drei Jahre als landwirtschaftliche Arbeiter in Palästina dienen sollen, deshalb sollte Herr üssischkin sich von der Bewegung zurückzuziehen, und nicht Geld und Kraft seines Volkes verschwenden. Glücklicherweise sind solche Eigenschaften nicht nötig. Australien wurde mit Sträflingen gegründet. Es hat nie eine solche ganze Nation von Idealisten im Laufe der Geschichte gegeben und sicher wir Juden sind es nicht. Unser Staat muss nicht auf Idealisten beruhen, sondern auf dem Kampf gewöhnlicher Menschen um ihr Brot. Idealisten können bloss die Bedingungen geben; sie können Banner und Idee liefern, sie können das Land geben, die Freiheit und die Bedingungen für eine autonome Regierung — aber das ist alles, was irgend eine Macht auf Erden tun kann. Sie haben keine Institutionen zu schaffen, Sie brauchen sieb nicht zu schämen, dass Sie nicht an jedem Kongress auf eine neue Kolonie oder ein neue Faktorei hinweisen können. Sie sind hier, nicht um Dinge, sondern um Bedingungen zu schaffen. Geben Sie dem Volk die Bedingungen. Es wird die Dinge schaffen. Alles was Sie zu tun haben, ist, zu zeigen, dass wir uns mit jedem Jahr den Bedingungen nähern. Dasselbe Missverständnis liegt der Idee zu Grunde, dass, wenn wir das ostafrikanischeTerritorium annähmen, wir Zionisten nicht die Mittel hätten, es zu entwickeln. Es wird sich von selbst entwickeln. Wir haben nur Bedingungen zu schaffen; keine Dinge. Und die wichtigsten Bedingungen haben wir bereits geschaffen. Wir haben unserm Volk den Weg geebnet zu einem freien Leben auf freiem Boden. Die Meinung, wir müssten uns mit andern Körperschaften verbünden, ist unsinnig. Das würde eine zweite Ica bedeuten. Das Volk muss den Staat gründen nicht der Staat das Volk. So stimme ich mit Herzl überein in der Ansicht, dass ein ostafrikanisches Territorium als ein Mittel, um nach Palästina zu kommen, annehmbar ist. Ich gebe Ihnen ö kurze Gründe an für meinen Entschluss : 1. Weil eine autonome Kolonie in Palästina bereits die Hälfte des Basler Programmes bedeutet. Es ist nicht Palästina selbst, aber es ist eine öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte. Man mag darüber streiten, ob es die wichtigere oder unwichtigere Hälfte sei, sicher ist es die schwierigere Hälfte des Weges. Ein Territorium zu erlangen, ist nicht schwer, aber die Selbstständigkeit zu bekommen, nach 18 Jahrhunderten der Heimatlosigkeit wieder als eine Nation leben zu können, das ist ungeheuer schwer. Und wenn wir diese Gelegenheit versäumen, so weiss ich nicht, wann wir eine neue haben werden. 2. Das Basler Programm verlangt die Stärkung des jüdischen Selbstbewusstseins. Können sie sich etwas denken, was besser diesem Zwecke dient, als wenn eine jüdische Flagge über jüdischem Lande weht? Das wird Antizionisten und Nichtzionisten in Halbzionisten verwandeln und Halbzionisten werden bald ganze Zionisten werden. 3. Weil es ausserdem die Rettung von Zehntausenden, vielleicht Hunderttausenden von wandernden Juden bedeutet und sie als eine organisierte jüdische Körperschaft auf eigenem Grund und Boden erhalten wird. Diese jüdische Auswanderung ist eine konkrete Tatsache, jährlich verlassen hunderttausend das russische Reich. Warum sollen sie zerstreut und von fremden Zivilisationen verschlungen werden, welche ihr ganzes geistiges Wesen aus dem Geleise bringen? Sie werden zu einem gesünderen Leben herangezogen, körperlich und geistig, als in den übervölkerten Städten der alten und neuen Welt. Sogar die Herren Kaiser und Wilbusch geben zu, dass das jüdische Volk so gut wie irgend ein anderes fähig ist, einen blühendeu eigenen Staat zu bilden. Sind wir denn weniger geschickt als die Leute, welche in Sumpf und Wüste Venedig oder Australien oder Neu-England oder sogar die Salzsee-Stadt gründeten? Dass diese Schöpfung die Erwerbung Palästinas verzögern kann, ist möglich, aber die andern Methoden sind nicht schneller und wir hätten nicht den Trost der Selbständigkeit. 4. Weil wir von einem jüdischen Staate aus besser imstande sind, für den Zionismus zu arbeiten. Wir haben heute einige rührende Telegramme au» der Mandschurei erhalten. In einem jüdischen Staate werden wir im Stande sein, unsere eigenen Geschäfte zu führen, nur unterbrochen, wenn wir für England einzutreten hätten und nicht unterbrochen von irgend welchen Wehhändeln. In unserem Staate werden wir ungestört für den Zionismus arbeiten, nicht nur direkt sondern auch indirekt, weil wir das bäuerliche und Hirtenelement ausbilden werden, das uns in Palästina nötig sein wTird. In unserem Staate werden wir auch wieder lernen, uns selbst zu regieren. 5. Weil Sie, wenn Sie dem Sultan sagen, dass wir nur auf türkischem Boden arbeiten wollen, jeden Wettbewerb, jede Rivalität ausschalten und den politischen Preis Palästinas zu einer ungeheueren Höhe emporschrauben. 6. Mein letzter Grund ist der einfachste und der kürzeste, nämlich der, dass uns Uganda angeboten wairde und Palästina uns verweigert wird. (Grosser Beifall.) Der Kongress hat also eigentlich jetzt keinen praktischen rivalisierenden Plan. Wenn Sie das Ost-Afrika-Projekt ablehnen, so werden Sie sich freuen gerade so, als wenn Sie sich ein schlechten Zahn hätten ziehen lassen; zu spät werden Sie sich erinnern, dass dies unser einziger Zahn war! Die englische Regierung ist die einzige in der Welt, mit der wir diplomatische Beziehungen haben. Wenn diese abgeschnitten sind, sind wir wirklich arm. Meine Damen und Herren! Sie sind alle literarisch geschult und kennen die Sybillmischen Bücher und wissen auch was Shakespeare gesagt hat:

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