Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- [Separat-Ausgabe] (29.7.1905)
- Date
- 1905-07-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316128-3316132--47131-3342009- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 8 „Die $ Welt" Separat-Ausgabe No. 2 mittelbar oder unmittelbar in Polemiken einen Kampf gegen die andern jüdischen Organisationen führte und in einer Angelegenheit des Propagandavorschlages die andern Organisationen zur Mitarbeit eingeladen habe, und in einer andern Sache, der Auswanderungsfrage, tatsächlich mitgearbeitet hat, so müssten wir unserer eigenen Ueberzeugung ins Gesicht schlagen, wenn wir an der Tätigkeit des A. 0. negative Kritik üben wollten. Es bleibt uns nur eine würdigende Anerkennung und Beglückwünschung. Ich will rühmend hervorheben, dass das A. C. auch in einer andern Richtung unsern Wünschen Rechnung getragen hat: durch die Veröffentlichung wenigstens eines Hauptberichtes, desjenigen der Uganda-Expedition, was unseren Beratungen die notwendige parlamentarische Basis gegeben hat. Eine Unterlassungssünde ist es aber, dass der Bericht über die El Arish-Expedition nicht veröffentlicht wurde. Sie wissen, dass wir gezwungen sein werden, über das El Arish-Projekt zu beschliesscn, denn El Arish ist ein Stück von Palästina. Denn das engere Reformprogramm beschränkt sich auf einen einzigen Punkt, auf Methode der Heimstättegründung. Meine Herren! Sie wissen, wie sich die Dinge auf diesem Gebiete entwickelt haben. Der VI. Kongress stand unter dem tragischen Eindruck der offiziellen Eröffnung unserer Parteileitung. Die Tatsachen zwangen den Zionismus, sich um neue Wege umzusehen. Er konnte entweder an Palästina festhalten, dann musste er das Programm aufgeben und eine andere Taktik einnehmen, oder er konnte das Prinzip der Autonomie festhalten und dann Palästina aufgeben. Es ist allerdings versucht worden, eine Lösung in Form eines Mittelweges zu finden und aus dieser Tendenz heraus ist das Ihnen bekannte Nachtasylprojekt erwachsen. Nachdem dieses Projekt und wohl auch andere Projekte nicht in Erfüllung gehen, so bleibt uns nichts anderes übrig, als uns zur Erkenntnis durchzuringen, dass das Ziel des Zionismus nicht auf dem Wege über Afrika, Australien, Patagonien zu erreichen sei, sondern durch Palästina auf dem Wege eines systematischen, wirtschaftlichen und politischen Vordringens. Die weitaus überwiegende Majorität des Zionismus steht auf diesem Boden. Die Autonomie wird überschätzt. Wenn Sie -sieh das Land bereits politisch gesichert haben, so müssen Sie es doch erst politisch erobern und diesen Prozess kann auch der schönste Charter nicht beschleunigen. Vergessen Sie nicht, dass die Masseiikolonisation, in dem Tempo, wie man sie sich früher vorgestellt hat, unmöglich durchzuführen ist. Alle Mitglieder der Palästina - Kommission haben in längeren Referaten und kurzen polemischen Artikeln wiederholt dargetan, dass alle Versuche von rascher Massenkolonisation, die irgendwo unternommen worden sind, stets mit Katastrophen geendet haben, dass Kolonisationen nur dann erfolgreich sein können, wenn sie in kleinem Massstabe beginnend in vernünftigem Tempo zur Massenkolonisation anwachsen, und dass selbst diesen ersten Kolonisationen eine Versuchskolonisation vorangehen muss. Unser erster Grundsatz müsste lauten: Es sollen nur solche Konzessionen angestrebt werden, welche Bestätigung und formeller Ausdruck unserer tatsächlichen wirtschaftlichen Expansion sind und wir sollten uns nur um solche Konzessionen bemühen, für die wir sofort eine entsprechende Gegenleistung gewähren können. Hand in Hand mit diesen Unterhandlungen muss der wirtschaftliche Fortschritt in Palästina, die friedliche wirtschaftliche Durchdringung des Landes stattfinden. Ein derartiges System ist nicht die alte Kleinkolonisation, das ist grosse zionistische Politik, aber zionistische Realpolitik. Bedenken Sie in Buhe, welche Verluste uns das frühere System gebracht hat. Wir mussten, gezwungen durch dieses System, durch lange Jahre uns von allem Bodenkauf in Palästina fern halten. Wir mussten zusehen, wie die Preise des Bodens um Haiffa und Jaffa herum um das zwanzig und hundertfache stiegen. Vor solchen Verlusten wird uns diese neue Politik schützen. Wir können aber unter keinen Umständen auf die Nebenländer Palästinas verzichten, weil sie das natürliche Ausdehnungsgebiet eines jüdischen Gemeinwesens bedeuten, weil sie zu den historischen Judensitzen gehören, weil in manchen Teilen eine weitgehende lokale Autonomie seitens der englisch-ägyptischen Regierung zugestanden wird und endlich, weil die Lage des jüdischen Proletariates eine derartige ist, dass wir durchaus darauf denken müssen, ein weites Abflussgebiet für dasselbe zu schaffen. Damit komme ich zu den praktischen Schritten unseres Programms. Erwarten wir nichts mehr von mächtigen Beschützern, nichtjüdischen oder jüdischen! Verlassen wir uns nur auf uns selbst und auf unsere Mittel! Vernachlässigen dürfen wir weder diplomatische Beziehungen, noch die Beziehungen zu anderen jüdischen Organisationen. Aber unsere Losung muss ausschliesslich heissen: Nationale Selbstbefreiung. Halten wir uns in erster Linie an die Regierungen jener Länder, in denen wir Konzessionen erringen wollen, also an die englische, ägyptische und türkische Regierung. Diese werden überhaupt keine besonderen pekuniären Opfer verlangen, wenn wir unbebaute Strecken mit Steuerzahlern füllen und neue wirtschaftliche Werte schaffen. Was die türkische Regierung anbelangt, so haben wir zunächst die Beseitigung jener Hindernisse zu verlangen, welche sich einer Kolonisation auf legaler Basis in den Weg stellen. Es erhebt sich nun die Frage, auf welchem Wege wir dieses nationale Kolonisationswerk führen sollen. Wir werden landwirtschaftliche, industrielle und städtische Kolonien zu führen haben und die bereits in Palästina vorhandenen als Kern unseres jüdischen Gemeinwesens organisieren. Das jüdische Volk hat die Mittel zu seiner Selbstbefreiung, und das sind volkstümliche Siedlungsgenossenschaften, wo auch der ärmste durch kleine regelmässige Beiträge die Möglichkeit erhält, die Summe in einem Jahre zu beschaffen, welche für den Grundkauf und die Kosten der Ansiedlung nötig ist. Alle unsere Gesinnungsgenossen, die aus Palästina zurückkehren, bestätigen, dass die dortigen äussern Bedingungen für arbeitslustige Kolonisten nur ein geringfügiges Hindernis bedeuten. Jeder sorge ciafür, dass er für sich und seine Familie in Palästina eine neue Existenz schafft, damit sorgt er auch für die Nation. Herr Dr. Marmorek verliest eine Liste von Herren, die zu Ordnern bestimmt werden. Dr. S y r k i n (mit Beifall und Zischen empfangen) : Bevor ich das Wort zur Tagesordnung ergreife, will ich in einigen Worten darstellen, wie der Gang der Diskussion sein sollte und wie er leider durch die Verlesung des Herrn Dr. Ussischkin nicht ist. Nach meiner Auffassung von der Geschäftsordnung hat sich nach dem Bericht des Herrn Dr. Nordau, des Präsidenten des Kongresses, eine Diskussion einzig und allein an den Bericht anzuschliessen. Ueber die Fragen, die mit den Richtungen im Zionismus zusammenhängen, wird die Diskussion bei einem andern Punkt einsetzen Ich betrachte es darum als eine Verletzung der Geschäftsordnung, wenn Herr Dr. Nossig mit einem Spezialreferat über ein Thema, das nicht